Vermögensungleichheit ist größtenteils nur heiße Luft

Professor Dr. Henning Klodt, IfW
Professor Dr. Henning Klodt, IfW

Hat die Ungleichheit zwischen den Reichen und den Armen in Deutschland nicht gewaltig zugenommen? Ist es an der Zeit, seitens des Staats wieder für mehr Gerechtigkeit zu sorgen? Oder gar Reiche zu enteignen? Keine zwanzig Jahre nach der Pleite des „real existierenden Sozialismus“ kochen derartige Parolen erneut hoch, und in Talkshows wird entrüstet nach Enteignung gerufen. Der Kieler Ökonom Prof. Dr. Henning Klodt (s. Bild) vom Institut der Weltwirtschaft (IfW) aber behauptet, das vermeintliche Pulverfass „Vermögensungleichheit“ enthalte – ökonomisch betrachtet – zum größten Teil nur heiße Luft.

Der Ruf nach dem Eingriff des Staates kommt mittlerweile beileibe nicht nur von ganz links. Je nach Quelle sind die Vorschläge zwar mal pauschaler, mal konkreter, im Kern aber gleichen sich die Forderungen von Gewerkschaften, Politikern aller Parteien und Stammtischdiskutanten weitgehend.

Der Kieler Wirtschaftswissenschaftler und Leiter des Zentrums Wirtschaftspolitik am IfW, Henning Klodt, hat sich die Wirtschaftsdaten der Jahre 2002 bis 2007 jedoch etwas genauer angeschaut und kommt zu anderen Schlussfolgerungen. Tatsache sei, dass der Jahresdurchschnittswert des DAX in dieser Zeitspanne um rund 70% gestiegen ist. In der gleichen Zeit habe auch die Ungleichheit in den Geldvermögen zugenommen, kaum jedoch beim Immobilien- oder beim sonstigen Sachvermögen. Das spricht seiner Meinung nach für einen direkten Zusammenhang. Dies bedeute aber auch, dass in den Vermögenszuwächsen der Reichen zwischen 2002 und 2007 viel heiße Luft aus spekulativen Blasen steckt.

Seit 2007 hat sich der Wert des DAX nun nahezu halbiert. Damit haben sich laut Klodt im Umkehrschluss  aber auch viele Vermögenszuwächse aus den Jahren zuvor als Scheingewinne entpuppt und geradezu über Nacht in Luft aufgelöst. Es fehle zwar an detaillierten Statistiken darüber, wie sich die weltweite Finanzkrise auf die unterschiedlichen Einkommens- und Vermögensklassen in Deutschland ausgewirkt hat. Man dürfe aber vermuten – so Klodt etwas ironisch – dass die Anzahl der Hartz IV-Empfänger, die ihr Geld mit Lehman-Zertifikaten verloren haben, sehr gering sei.

Das Fazit des IfW-Ökonomen: So wie die spekulative Blase in den Jahren bis 2007 die Reichen reicher gemacht habe, so habe das Platzen der Blase seit 2008 die Vermögensunterschiede zwischen Arm und Reich wieder eingeebnet.

Wie stark die Vermögenspreisblasen bis 2007 und das anschließende Platzen dieser Blasen seit 2008 die Unterschiede zwischen Arm und Reich beeinflusst haben, zeige sich auch an der sogenannten funktionalen Einkommensverteilung, d.h. an der Verteilung des Volkseinkommens auf Arbeitnehmerentgelte einerseits und Unternehmens- und Vermögenseinkommen anderseits: Vom ersten Quartal 2002 bis zum vierten Quartal 2007 sind die Arbeitnehmerentgelte in Deutschland um 0,2% pro Quartal gestiegen, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen dagegen um 4,3%. In der anschließenden Phase vom ersten bis zum dritten Quartal 2008 sind die Arbeitnehmerentgelte um durchschnittlich 0,6% pro Quartal gestiegen, die Unternehmens- und Vermögenseinkommen aber um 0,1% pro Quartal gesunken. Aktuellere Zahlen lägen noch nicht vor – so Klodt weiter — doch man könne davon ausgehen, dass sich der Rückgang der Unternehmens- und Vermögenseinkommen seither noch einmal deutlich beschleunigt hat.

Natürlich wäre es laut Klodt verfehlt, angesichts der jüngsten Entwicklungen die sozialpolitische Brisanz der Verteilungsfrage leugnen zu wollen. Zu viele Menschen standen in den vergangenen Jahren unter dem Eindruck, der Aufschwung sei bei ihnen nicht angekommen und habe sich lediglich in überbordenden Managergehältern niedergeschlagen. Eine solche kollektive Wahrnehmung sei problematisch, weil sie die Akzeptanz der sozialen Marktwirtschaft in der Gesellschaft schwäche. Es sei deshalb notwendig und dringlich, über die Angemessenheit von Managergehältern zu diskutieren. Ebenso notwendig sei es aber, die Debatte über die Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland auf ein sachliches Fundament zu stellen und nicht auf schlagzeilenträchtige Sensationsmeldungen zu schielen. Fundierte wirtschaftspolitische Forderungen zur staatlichen Korrektur der Vermögensverteilung sollten sich auch nicht allein auf die Entwicklung von 2002 bis 2007 stützen.

Klodt greift nebenbei auch noch ein fundamentales Missverständnis in der gesellschaftspolitischen Diskussion auf: Eine zentrale Rolle in diesen Diskussionen nehme der Begriff der Armut ein. Im allgemeinen Sprachgebrauch werde Armut mit absoluter Armut gleichgesetzt; in den Armutsberichten und anderen statistischen Quellen dazu wird er jedoch als Relation definiert. Demnach gilt als einkommensarm, wer weniger als 60% des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Wenn es gelingen sollte, durch wirtschaftliches Wachstum alle Einkommen gleichermaßen steigen zu lassen, würde die absolute Armut zwar sinken, doch die relative Armut bliebe unverändert. Wenn daraus also der Schluss gezogen wird, Wirtschaftswachstum könne keinen Beitrag zur Armutsbekämpfung leisten, dann ist dies ein Fehlschluss.

Zuletzt kritisiert Klodt einen neuen Trend in der Diskussion, der die Gerechtigkeitsdebatte zusätzlich anheizt: Analog zur Einkommensarmut beziehen sich einige Sozialexperten in jüngster Zeit auf die Vermögensarmut – definiert als Anteil der Personen an der Gesamtbevölkerung, die weniger als 60% des mittleren Vermögens zur Verfügung haben. Die so berechnete Vermögensarmut liege dann bei 43%, während die Einkommensarmut lediglich 17% betrage. Solche Vergleichszahlen suggerieren, dass der staatliche Handlungsbedarf zur Bekämpfung der Vermögensarmut viel ausgeprägter sei als der zur Bekämpfung der Einkommensarmut. Das aber – so Klodt abschließend – könne man getrost als Unfug bezeichnen.

(IfW/ml)

Anmerkung der Redaktion: Wir zitieren die Analysen von Prof. Fr. Henning Klodt hier deshalb so ausführlich, weil der Kieler Ökonom wirtschaftliche Mechanismen aufzeigt, die ebenso offensichtlich sind, wie sie von den Befürwortern staatlicher Eingriffe gerne verschwiegen werden. Wie der IfW-Wissenschaftler sind wir nicht der Meinung, dass die Diskussion unangebracht ist, denn sie bewegt die Deutschen. Aber wenn darüber diskutiert wird, müssen alle Fakten auf den Tisch und nicht nur die populären und genehmen. (ml)