Großes Frühjahrsgutachten
Gutachter erwarten 1,5 Prozent Wachstum in 2010

Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts
Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts

Verhalten optimistisch klingt das traditionelle Ge­mein­schafts­gut­ach­ten von insgesamt acht in- und aus­län­di­schen Wirtschaftsinstituten (siehe Ende des Beitrags) zur Weltwirtschaft. Im Frühjahr 2010 schreite die Erholung der globalen Wirtschaft voran, die Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 werde allmählich überwunden, stellen die Experten der Institute fest, um gleichzeitig das geringe Tempo der Erholung in den Industrieländern zu kritisieren. Für Deutschland und das laufende Jahr prognostizieren die Institute 1,5 % Wachstum des Bruttoinlandsprodukts.

Die Expansion in den einzelnen Weltregionen verlaufe sehr unterschiedlich, betonen die Institute in ihrem Gutachten. In einigen Schwellenländern, vor allem in Asien bestehe sogar die Gefahr einer konjunkturellen Überhitzung. In den Industrieländern sei die Auslastung der gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten wiederum weiterhin gering. Hier seien die Nachwehen der Finanzkrise noch immer spürbar.

An den Finanzmärkten in Europa und in den USA habe sich nach der deutlichen Entspannung im Sommerhalbjahr 2009 nur noch wenig gebessert, kritisieren die Experten. Zudem mehren sich ihren Beobachtungen entsprechend an den Finanzmärkten die Sorgen um die Staatsfinanzen. Zumindest mittelfristig müsste deshalb die Wirtschaftspolitik der Industrieländer im Zeichen der Haushaltskonsolidierung stehen.

Bei der verhaltenen wirtschaftlichen Expansion werde sich die Lage am Arbeitsmarkt nur sehr allmählich bessern, befürchten die Ökonomen. In den USA bleibe die Konjunktur in der Grundtendenz im Prognosezeitraum zwar aufwärtsgerichtet, doch werde sich die wirtschaftliche Expansion zunächst wieder spürbar verlangsamen. Der Euroraum werde in diesem und im nächsten Jahr ein konjunktureller Nachzügler bleiben. Die Experten befürchten sogar, dass einige Euro-Länder, in denen die desolate Lage der öffentlichen Finanzen die Regierungen zu einem scharfen Konsolidierungskurs zwingt, in der Rezession verharren werden.

Alles in allem werde die Weltproduktion 2010 um 2,9 %und 2011 um 2,7 % zunehmen, lautet die Prognose der Analysten. Der Welthandel werde im Verlauf dieses Jahres und im nächsten Jahr mit einer Rate von voraussichtlich 6,5 % in etwa so rasch steigen wie im längerfristigen Mittel. Das Preisklima bleibe insgesamt ausgesprochen ruhig, wenngleich die Inflationsraten infolge der gestiegenen Ölpreise 2010 etwas höher ausfallen werden als im vergangenen Jahr.

In Deutschland ist laut Gutachten die wirtschaftliche Erholung im Winterhalbjahr 2009/2010 vorübergehend ins Stocken geraten. Es handle sich aber um eine temporäre Erscheinung, glauben die Experten. In der Grundtendenz werde die Konjunktur weiterhin aufwärtsgerichtet sein. Die wieder günstigere Stimmung lasse sich daran ablesen, dass die Unternehmen den Personalbestand bereits wieder leicht ausweiten.

Von der Wirtschaftspolitik werden im Prognosezeitraum gegenläufige Stimuli ausgehen, vermuten die Experten. Einerseits wird die EZB nach Einschätzung der Institute ihre expansive Zinspolitik beibehalten und lediglich die außergewöhnlichen Maßnahmen zur Liquiditätsversorgung zurücknehmen. Andererseits gibt die Finanzpolitik in diesem Jahr der Konjunktur zwar noch spürbare Anregungen, aber das Auslaufen der Stimulierungsprogramme und erste Schritte zur Konsolidierung des Staatshaushalts dürften ab dem kommenden Jahr dämpfend wirken.

Getrieben wird die Erholung von den Exporten. Sie profitieren von der lebhaften Expansion vor allem in den Schwellenländern. Aber auch die Inlandsnachfrage belebt sich. So dürften die privaten Konsumausgaben bei wieder steigenden real verfügbaren Einkommen moderat steigen. Die Ausrüstungsinvestitionen fassen ebenfalls wieder Tritt.

Die Gutachter rechnen deshalb damit, dass unter dem Einfluss aller genannten Rahmenbedingungen das reale Bruttoinlandsprodukt im Jahresverlauf wie auch im Jahresdurchschnitt 2010 um 1,5 % steigen wird. Für das kommende Jahr rechnen die Experten mit einer weiter verhaltenen Expansion der Inlandsnachfrage. Das reale Bruttoinlandsprodukt werde deshalb im Jahresdurchschnitt 2011 voraussichtlich um 1,4 % zunehmen.

Positiv überrascht zeigten sich die Gutachter über den robusten Arbeitsmarkt. Dessen günstige Entwicklung resultiere vor allem aus zwei Effekten: Erstens horten die Unternehmen in beträchtlichem Maße Arbeitskräfte, zweitens profitiert der Arbeitsmarkt noch von den moderaten Lohnabschlüssen der vergangenen Jahre. Für 2011 ist angesichts der demografischen Entwicklung mit einer Stagnation der Erwerbstätigkeit und mit einer weiteren Abnahme der Arbeitslosigkeit zu rechnen. Die Arbeitslosenquote dürfte von 8,1 % im Jahr 2010 auf 7,9 % im Jahr 2011 sinken.

Die Verbraucherpreise werden nur moderat steigen, die Inflationsrate wird in diesem Jahr 0,9 % und im kommenden Jahr 1,0 % betragen, so die Experten weiter.

Die Lage der öffentlichen Haushalte werde sich weiter verschlechtern, mahnen die Experten. Die Defizitquote dürfte 2010 auf 4,9 % steigen. Im kommenden Jahr sei mit einem Rückgang der Quote auf 4,2 % zu rechnen, insbesondere weil die Konjunkturprogramme auslaufen und erste Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung ergriffen werden dürften. Auch die Risiken für die Konjunktur bleiben groß. An den Finanzmärkten können nach wie vor weitere Probleme auftreten, z. B., wenn aufgrund der hohen Defizite Zweifel an der Solvenz mancher Staaten aufkommen.

Infolge der Wirtschaftskrise haben sich auch die mittelfristigen Aussichten für die deutsche Wirtschaft verschlechtert. Das Bruttoinlandsprodukt werde in den kommenden Jahren spürbar niedriger sein, als vor der Krise erwartet, vermuten die Experten. Die Institute erwarten, dass das Produktionspotential im Zeitraum 2009 bis 2014 um 1 % pro Jahr zunimmt. Die wirtschaftliche Erholung in Deutschland dürfte sich nach 2011 leicht beschleunigt fortsetzen. Gleichwohl werde das reale Bruttoinlandsprodukt nach dem scharfen Einbruch im vergangenen Jahr erst 2013 das Niveau aus dem Jahr 2008 erreichen, befürchten die Ökonomen der Institute. Erst am Ende des Projektionszeitraums werde die Lücke zwischen der laufenden Produktion und dem Produktionspotential geschlossen sein.

Die Gutachter mahnen die deutsche Regierung, ihre Finanzpolitik im Jahr 2011 auf einen Konsolidierungskurs auszurichten. Voraussichtlich werde sich die konjunkturelle Lage dann so weit gefestigt haben, dass der Sparkurs nicht mehr zu einem Rückfall in eine Rezession führe. Die Gutachter kritisieren, dass die Bundesregierung bisher nicht erklärt habe, wie sie die Haushaltskonsolidierung gestalten will.

Die Institute haben – damit die Konsolidierung das Wachstum und die Beschäftigung möglichst wenig beeinträchtigt – wiederholt empfohlen, eine „qualitative“Konsolidierung zu betreiben, d. h. den Anstieg der Staatsausgaben eng zu begrenzen und sie dabei zugunsten der Aufwendungen für Investitionen in Humankapital und Sachkapital umzuschichten. Der Sparkurs ist also auf die sogenannten konsumtiven Ausgaben und die Finanzhilfen zu konzentrieren. Daneben sollten Steuervergünstigungen abgebaut werden.

Da infolge der geringen Kapazitätsauslastung im Prognosezeitraum für den Euroraum keine Inflationsgefahr bestehe, erwarten die Institute, dass die EZB ihren Leitzins im Prognosezeitraum unverändert niedrig lassen wird. Die Institute äußern sich in ihrem Gutachten auch zu den gegenwärtigen Turbulenzen um die Staatsfinanzen Griechenlands und weiterer hochverschuldeter Euro-Länder. Sie sehen die betreffenden Defizitländer selbst in der Verantwortung, ihre Staatshaushalte in Ordnung zu bringen. Hilfe, so die Gutachter, solle vor allem seitens des Internationalen Währungsfonds (IWF) geleistet werden, da dieser nicht nur die entsprechende Erfahrung besitze, sondern Sanktionen glaubwürdiger androhen könne als entsprechende EU-Einrichtungen. Allerdings müsse eine indirekte Einflussnahme des IWF über die Hilfsmaßnahmen auf die Geldpolitik des Euroraums ausgeschlossen werden. Bemängelt wird von den Gutachtern, dass die Europäische Kommission derzeit augenscheinlich nicht in der Lage ist, die Einhaltung des währungspolitischen Regelwerks in der Währungsunion durchzusetzen. Daher sei die Stärkung des europäischen Regelwerks in der Erklärung des Europäischen Rats vom 25. März 2010 zu begrüßen.

Sowohl eine Kurzfassung als auch eine (vorläufige) Langfassung der Gemeinschaftsprognose und Eckdaten für die Bundesrepublik Deutschland stehen als kostenlose Downloads im Internet zur Verfügung.

(ifo/ml)

* Am Frühjahrsgutachten waren folgende Institute beteiligt: