Reaktor-Katastrophe
Endokrinologen warnen vor übermäßiger Jodeinnahme

Reaktor-Unfall
Reaktor-Unfall

Erneut sieht sich die Deutsche Gesellschaft für Endokrinologie (DGE) genötigt, die Deutschen vor einer übermäßigen Einnahme von Jod als Vorbeugung gegen eine Verstrahlung zu warnen. Während nämlich einerseits eine solche Verstrahlungsgefahr hierzulande der­zeit definitiv nicht besteht, kann eine hohe Joddosis andererseits vor allem bei Säuglingen und Kleinkindern, aber auch alten Menschen sowie Patienten mit Schilddrüsenknoten, Kropf oder einer Über­funktion der Schilddrüse viel Schaden anrichten.

Die DEG rät deshalb dringend von einer unkontrollierten Einnahme von hoch dosiertem Jod ab. „Auch in Anbetracht der Reaktorkatastrophe von Japan ist eine prophylaktische Einnahme von hoch dosiertem Jod in Deutschland unbedingt zu unterlassen“, mahnt Professor Dr. med. Helmut Schatz, Mediensprecher der DGE aus Bochum. Denn Kleinkinder laufen Gefahr, dadurch eine Schilddrüsenunterfunktion zu erleiden. Ältere Menschen, Patienten mit Schilddrüsenknoten oder Kropf geraten dadurch womöglich sogar in eine lebensbedrohliche Überfunktion der Schilddrüse. Bei Menschen, die auch ohne es zu wissen an einer Überfunktion leiden, kann diese durch hoch dosierte Jodtabletten entgleisen.

Warum und wann Jod gegen Verstrahlung hilft

Nukleare Katastrophen wie in Fukushima setzen radioaktive Teilchen frei, darunter radioaktives Jod. Menschen nehmen es über die Atemluft oder auch über die Nahrung auf. Die Schilddrüse verwertet das Jod und bildet daraus Hormone, die vor allem Stoffwechsel und Wachstum steuern. Auf diese Weise in den Körper gelangt, kann radioaktives Jod Schilddrüsenkrebs auslösen. Besonders gefährdet sind dann Kinder und Jugendliche, da sie sich noch in der Entwicklung befinden. Für Erwachsene, die älter als 40 Jahre sind, ist das Schilddrüsenkrebsrisiko jedoch sehr gering.

Die schmetterlingsförmige Schilddrüse sitzt beim Menschen am Hals unterhalb des Kehlkopfes. Sie benötigt Jod, um Hormone wie zum Beispiel Thyroxin zu bilden. Schilddrüsenhormone spielen eine wichtige Rolle im Energiehaushalt der Körpers: Sie regulieren den Stoffwechsel und bei Kindern auch das Wachstum. Erwachsene sollten laut World Health Organisation (WHO) täglich 150 Mikrogramm Jod zu sich nehmen.

Die rechtzeitige Einnahme von hoch dosierten Jodtabletten kann die Aufnahme radioaktiven Jods in die Schilddrüse blockieren. Die Deutsche Strahlenschutzkommission sieht für derartige Fälle Joddosen von 130 Milligramm Kaliumjodid pro Tag für Erwachsene vor. Dies entspricht etwa dem 1000-fachen der vom Körper benötigten täglichen Jodmenge und liegt auch etwa tausendfach über der Dosis üblicher Jodtabletten von 100 Mikrogramm.

Wann sollte Jod zur Verbeugung eingenommen werden? Sinnvoll ist eine solche Vorbeugemaßnahme kurz vor der konkreten Bedrohung durch radioaktives Jod. Ist radioaktives Jod bereits in den Körper gelangt, hilft die Einnahme von nichtstrahlendem Jod nur noch sehr wenig. Zu früh eingenommen kann so hoch dosiertes Jod jedoch medizinisch weitaus mehr schaden als nützen. Zumal zur Aufrechterhaltung des Schutzes die Einnahme in regelmäßigen Abständen wiederholt werden müsste.

Noch ein weiterer Umstand spricht nach Meinung der Fachleute gegen eine Vorbeugung ohne akuten Anlass: „Der Effekt der sogenannten Jodblockade ist vorübergehend und nur bei einer unmittelbaren Bedrohung durch radioaktives Jod in der Atemluft sinnvoll“, warnt Professor Dr. med. Henning Dralle, Sprecher der Sektion Schilddrüse der DGE aus Halle. Eine Jodblockade schütze zudem nicht vor anderen radioaktiven Stoffen, die ein Atomunfall freisetzt.

In Deutschland sind also aus guten Gründen hoch dosierte Jodtabletten, die 65 Milligramm enthalten, derzeit nicht im Handel erhältlich. Die Behörden verteilen sie nur in Notfällen. Wer sich dennoch derart hoch dosierte Jodpräparate – z. B. über das Internet – besorgt, riskiert seine Gesundheit.

Eine weitaus sinnvollere Maßnahme gegen radioaktives Jod in Lebensmitteln ist der bewusste Verzicht auf möglicherweise kontaminierte Nahrungsmittel. Dies betrifft vor allem verarbeitete Nahrungsmittel, deren Herkunft unbekannt ist oder die aus Ländern mit schwachen Lebensmittelkontrollen stammen und Basisbestandteile enthalten, die aus Japan stammen könnten. Darunter z. B. Gewürzsoßen und Lebensmittel mit Reis- und Fischanteilen. Soweit diese aber direkt aus Japan importiert werden, ist die Gefahr gering einzuschätzen, da sowohl Japan als auch Deutschland solche Direktimporte derzeit besonders genau kontrollieren.

(AWMF / ml)