5G-Netze

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Vier um die fünfte Generation

© Deyan Georgiev – Fotolia

Von Dirk Bongardt

Als am 25. Januar die Anmeldefrist zur 5G-Auktion endete, hatten vier Unternehmen ihre Bewerbungen eingereicht: Die drei Netzbetreiber Deutsche Telekom, Vodafone und Telefónica galten als gesetzt, auch wenn alle drei zuvor ihren Unmut über die voraussichtlichen Vergabebedingungen geäußert und vorsorglich dagegen geklagt hatten. Der vierte im Bunde war für manchen eine Überraschung: 1&1-Drillisch, Mobilfunkdiscounter unter dem Dach von United Internet, muss, wenn es einen Zuschlag erhält, künftig ein eigenes Netz aufbauen, statt es, wie bisher, von den Netzbetreibern mieten. Dass das teuer wird – vielleicht teurer, als Drillisch guttäte –, zeigt ein Blick auf den Kursverlauf der Aktie: Brach der Kurs im letzten Sommer bereits um rund 40 % ein, nachdem die Nachricht vom geplanten 5G-Einstieg die Runde machte, sackte der Kurs am Tag der Bewerbung noch einmal um rund 7 % ab, von denen er sich allerdings innerhalb weniger Tage wieder erholte.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazin­reihe „IT-Unternehmen aus der Region stellen sich vor“ zur c’t 6/2019. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen bereits verfügbaren Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Anders als 1&1 hat sich der Mobilfunkprovider Freenet entschieden. Auch von diesem Unternehmen hatten Experten vermutet, man könne dort an einer 5G-Lizenz interessiert sein. Gegenüber der Süddeutschen Zeitung sagte Freenet-Chef Christoph Vilanek allerdings, die Investitionen in ein eigenes Netz, die er auf rund 10 Milliarden Euro bezifferte, seien für sein Unternehmen zu hoch. Freenet war nicht zuletzt deshalb als möglicher Bieter im Gespräch gewesen, weil das Unternehmen – wie alle jetzt feststehenden Bieter – gegen die Vergaberichtlinien der Bundesnetzagentur Klage eingereicht hatte.

Unterschiedliche Klagegründe

„Keine aufschiebende Wirkung“ haben die Klagen der vier Bieter gegen die Vergaberichtlinien der Bundesnetzagentur. Bekommen einer oder mehrere von ihnen allerdings recht, könnten sie noch nachträglich von einer Verbesserung der Vergabebedingungen profitieren.

„Die verschärften Ausbauauflagen gehen deutlich über das hinaus, was die Bundesnetzagentur zuvor selbst als zumutbar und verhältnismäßig beschrieben hat“, zitierte die Welt die Telekom. Diese wendet sich, wie Vodafone und Telefónica, nicht zuletzt auch gegen eine – sehr unklar gefasste – Regelung zum nationalen Roaming. Käme eine solche Verpflichtung, müssten die Netzbetreiber ihre Netze für Wettbewerber mit schlechterer Infrastruktur öffnen, ihr Engagement ergäbe keinen Wettbewerbsvorteil mehr. Gegen diese strittige Roaming-Regel richtet sich auch die Klage von United Internet – allerdings mit umgekehrter Stoßrichtung. Tochter 1&1 Drillisch würde von einem nationalen Roaming profitieren und könnte den Netzausbau gelassener angehen.

Serie: Digitale Infrastruktur
Die Einführung beginnt in Berlin und klärt die Rahmenbedingungen in Deutschland. Ein erster Regionalschwerpunkt widmet sich dann dem Westen und Nordrhein-Westfalen. Weitere Regionalreports konzentrieren sich auf den deutschen Südwesten und auf Bayern. Extra-Beiträge berichten außerdem über den Stand der NGA-Netze in Österreich und über die praktische, aber schwierige Mobilfunk-Dominanz in der Alpenrepublik.

Aufschiebende Wirkung könnten allerdings Klagen haben, die erst noch eingereicht werden: Es wird mehr Basisstationen brauchen, um eine flächendeckende Versorgung zu gewährleisten. Wenn der Aufbau durch Widerstand in der Bevölkerung verhindert oder verlangsamt wird, dann dürften die in den Vergabebedingungen genannten Zeiträume illusorisch werden.

Was die Bieter bieten müssen: Vergaberichtlinien im Überblick

Bis Ende 2022 sollen die Netzbetreiber mit mindestens 100 MBit/s versorgen:

  • mindestens 98 % der Haushalte je Bundesland,
  • alle Bundesautobahnen,
  • die wichtigsten Bundesstraßen sowie
  • die wichtigsten Schienenwege.

Bis Ende 2024 sollen die Netzbetreiber mit mindestens 100 MBit/s versorgen:

  • alle übrigen Bundesstraßen,

außerdem mit mindestens 50 MBit/s:

  • alle Landes- und Staatsstraßen,
  • die Seehäfen und wichtigsten Wasserstraßen sowie
  • alle übrigen Schienenwege.
Für alle Bundesautobahnen und Bundesstraßen wird zudem eine Latenz von 10 ms vorgeschrieben. Außerdem hat jeder Betreiber bis Ende 2022 rund 1000 5G-Basisstationen und 500 Basisstationen in „weißen Flecken“ zu errichten.

Bangen für Regionalanbieter

2018 kündigte die Bundesnetzagentur an, neben den bundesweit ausgelobten 5G-Frequenzen an kommunale und regionale Anbieter sowie an Industrieunternehmen regional begrenzte Lizenzen zu erteilen. Nicht über eine Auktion, sondern einfach per Antrag sollten zum Beispiel Stadtwerke lokale Lizenzen in den Frequenzbereichen 3700 bis 3800 MHz und 26 GHz bekommen können. Die Hoffnung: Gerade da, wo es für die Großen unattraktiv wäre, die weißen Flächen der Mobilfunkversorgung zu schließen, könnten regionale Unternehmen ins Mittel treten. Und Industriebetriebe müssten nicht erst darauf warten, bis die Mobilfunkanbieter aktiv werden, sondern könnten ein internes 5G-Netz – wie es ja zum Beispiel auch für das Internet der Dinge zum Einsatz kommen soll – auf dem eigenen Gelände errichten.

Doch im Januar 2019 trübten sich diese Perspektiven deutlich ein. Wie die Wirtschaftswoche aus Regierungskreisen erfuhr, liegt der Plan, regionale Frequenzen an Stadtwerke zu vergeben, vorerst auf Eis – nur die Verantwortlichen in Industriebetrieben sollen weiter mit Frequenzzuteilungen rechnen dürfen. Die Bundesnetzagentur müsse zunächst prüfen, ob sich die für lokale 5G-Netze reservierten Frequenzen gegenseitig stören könnten. (Bei Redaktionsschluss war diese Prüfung noch nicht beendet.)

Fiele die Prüfung negativ aus, würden die Stadtwerke wohl leer ausgehen. Aus Regierungskreisen war zu erfahren, dass in einem solchen Fall die 5G-Netze von Industriebetrieben den Vorrang bekämen. Wie die Nachrichtenagentur Reuters in Erfahrung bringen konnte, gehören zu den Industrieunternehmen, die eigene Netze aufbauen wollen, unter anderem Bosch, BASF, Siemens, Volkswagen und Daimler. Dabei stünde es den Unternehmen frei, diese Netze entweder komplett in Eigenregie zu errichten oder einen Netzbetreiber damit zu beauftragen. Die Deutsche Telekom etwa bietet Industriebetrieben eine solche Leistung an. Beim „Dual Slice“ komme auf das öffentliche 5G-Netz dann ein privater Layer als privates Netz. Die Verantwortlichen in den Unternehmen könnten dann selbst entscheiden, welche ihrer Geräte im öffentlichen, und welche ausschließlich im privaten Netz funken.

MW-PLZ0123-05-dl-5g-industrie-hamburger-hafen.jpg Im Hamburger Hafen testen derzeit die HPA (Hamburg Port Authority), die Deutsche Telekom und Nokia im Rahmen des Forschungsprojektes MoNArch 5G-Anwendungen inklusive Network Slicing unter Live-Bedingungen. (Bild: Deutsche Telekom)

Hardware von Huawei unter der Lupe

Wer 5G sagt, kommt – hardwaretechnisch betrachtet – am chinesischen Mobilfunkausrüster Huawei nur mit Mühe vorbei. Der chinesische Mobilfunkriese konnte im vergangenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 108,5 Milliarden Dollar erzielen und ist derzeit in rund 170 Ländern aktiv. Und er will zum führenden Anbieter der 5G-Technik werden. Doch die westlichen Regierungen, zunehmend auch die deutsche, haben Bedenken.

Nach einem Handelsblatt-Bericht denkt die Bundesregierung bereits konkret darüber nach, wie der Konzern vom Aufbau der Infrastruktur des neuen Mobilfunkstandards 5G ausgeschlossen werden kann. Die Befürchtungen, wie sie westliche Geheimdienste an die Bundesregierung herangetragen haben sollen, gehen über den Verdacht von Wirtschaftsspionage hinaus: Im Krisenfall – etwa einer Taiwan-Auseinandersetzung – könnte China Teile des Netzes lahmlegen oder damit drohen. Es sei nie völlig auszuschließen, dass es Hintertüren gebe.

Dazu kommt der Druck, den die USA ganz offen auf ihre Partner ausüben: Nach einem Bericht der New York Times drohen die Vereinigten Staaten unwilligen Partnern gar mit Truppenabzug, sollten die sich für einen Einsatz von Huawei-Technologie entscheiden.

MW-PLZ0123-05-huawei-tiangang.jpg Noch vor dem Mobile World Congress in Barcelona hat Huawei-CEO Ryan Ding am 24. Januar 2019 den Tiangang-Chip für 5G-Basisstationen vorgestellt. Das erste 5G-Handy haben die Chinesen für Juni 2019 angekündigt. (Bild: Huawei Technologies)

Doch die Bundesregierung tut sich schwer, den Wünschen aus Washington nachzugeben. China gehört zu Deutschlands wichtigsten Handelspartnern. Beweise für Hintertüren in den von Huawei gelieferten Komponenten gibt es nicht. Und: Experten sehen Huawei in der 5G-Technik als führend an und befürchten beim Aufbau der Netze eine Verzögerung von neun Monaten und mehr, sollte man auf Huawei verzichten müssen. Natürlich könnten Nokia oder Samsung in die Bresche springen, aber ob sie der dann explosionsartig steigenden Nachfrage schnell etwas entgegensetzen könnten, ist fraglich – vor allem, wo jetzt, falls 1&1 Drillisch einen Zuschlag erhält, ein neuer Netzbetreiber auf den Markt kommt, der einen immensen Bedarf an Ausrüstung anmelden wird, um sein Netz zu entwickeln.

Serie: 5G-Mobilfunk
Teil 1 setzt beim Bandbreitenbedarf an, der durch die Decke schießt. WLAN und Mobilfunk liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen auf der Zielgeraden zu 10 GBit/s. Teil 2 schildert den Stand der Standards und interessiert sich eingehend für die Konsortien der Entwicklung. Teil 3 begibt sich auf die technische Seite. Es geht um die Grundlagen der 5G-Netze, um Ping-Zeiten und Frequenzen. Teil 4 schließlich erläutert den Stand der Dinge kurz vor der Frequenzversteigerung 2019. Zwei aktuelle Sonderberichte widmen sich außerdem der Möglichkeit von 5G-Campus-Netzen und berichten vom Stand der 5G-Frequenzauktion.

Highspeed mit Hindernissen

Dass der Fahrplan für 5G steht, ist nur die eine Seite. Denn die meisten Experten zweifeln, dass er überhaupt einzuhalten ist: Gegen die Vergabebedingungen laufen Klagen, Pläne für regionale Netzbetreiber wurden auf Eis gelegt, und der wichtigste Ausrüster könnte vom Markt verbannt werden. Er wird also kein leichter sein, dieser Weg zum besten Netz.

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Dirk Bongardt hat vor Beginn seiner journalistischen Laufbahn zehn Jahre Erfahrung in verschiedenen Funktionen in Vertriebsabteilungen industrieller und mittelständischer Unternehmen gesammelt. Seit 2000 arbeitet er als freier Autor. Sein thematischer Schwerpunkt liegt auf praxisnahen Informationen rund um Gegenwarts- und Zukunftstechnologien, vorwiegend in den Bereichen Mobile und IT.


Dirk Bongardt, Tel.: 05262-6400216, mail@dirk-bongardt.de, netknowhow.de

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