Mobilitätskonzepte für Bayern

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Aus der U-Bahn aufs Mietrad

© Stadtwerke München – Münchner Verkehrs­gesellschaft

Von Friedrich List

Für die Befürworter von E-Mobilität und anderen modernen Verkehrskonzepten müssen die Ergebnisse der im Juni 2019 vorgestellten Mobilitätsstudie des bayerischen Verkehrsministers ernüchternd klingen. Der Erhebung zufolge ist das Auto in Bayern weiterhin das Verkehrsmittel erster Wahl. Zwischen 2002 und 2017 stieg der Anteil von Bussen und Bahnen an den 506 Millionen Personenkilometern, die in Bayern jeden Tag zurückgelegt werden, zwar von 13 auf 18 %. Aber der Anteil der automobilen Verkehrsleistung blieb konstant bei 56 %.

Dabei gilt: Der Autobesitz wächst, je ländlicher das Umfeld ist. Auf dem Land haben nur 6 % der Haushalte kein Auto, in den Metropolen dagegen 43 %. 5 % der bayerischen Haushalte verfügen über drei und mehr Autos, 22 % haben zwei Fahrzeuge und 55 % nur ein einziges Auto. Entsprechend beschränkt sich Carsharing auf die Metropolen München und Nürnberg: 21 % der Münchener nutzen Carsharing, und 5 % der Nürnberger Haushalte. In den anderen Regierungsbezirken rangiert dieser Anteil zwischen kaum relevanten 1 und 3 %. Zwar nutzen mehr und mehr Menschen den öffentlichen Nahverkehr, allerdings bewerten ihn die Befragten am schlechtesten und nutzen ihn nur ungern. Die logische Folge: Das Verkehrsaufkommen wächst, und das nicht nur in den größeren Städten.

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Bahn und Brennernordzulauf

Abhilfe schaffen soll unter anderem die Reaktivierung stillgelegter Bahnnebenstrecken. Bislang hat die Staatsregierung aber nur für drei von 18 stillliegenden Strecken grünes Licht gegeben. So soll in Schwaben bis 2022 die Verbindung zwischen Gessertshausen und Langenneufnach wieder in Betrieb gehen, in Mittelfranken bis Ende 2024 die Verbindung zwischen Gunzenhausen und Wassertrüdingen. Und in zehn Jahren soll die schon länger diskutierte Verlängerung der Münchener S-Bahn-Linie 7 von Wolfratshausen bis Geretsried fertiggestellt sein.

MW-19PLZ89-04-Erkundungsstollen Innsbruck-Ahrental 2 .jpg Der Brennerbasistunnel ist ein 55 km langer Eisenbahndurchstich unter dem Alpenhauptkamm zwischen Innsbruck (Österreich) und Franzensfeste/Fortezza (Italien). Der Bau geht zügig voran, nur die Zubringerstrecke auf deutscher Seite steckt noch in der Planung. (Bild: Galleria di Base del Brennero – Brenner Basistunnel BBT)

Die Bahn ist in Bayern generell von Versäumnissen geplagt. Das wichtige Großprojekt, der Anschluss zum neuen Brennerbasistunnel zwischen Österreich und Italien, der die Autobahnverbindung durch die Alpen entlasten soll, kommt gar nicht recht voran. Der Eisenbahntunnel soll dazu beitragen, dass künftig mehr Warentransporte vom Lkw auf die umweltfreundlichere Schiene verlagert werden. Das Ganze klappt aber erst, wenn auch die Zulaufstrecke auf deutscher Seite funktioniert. Und an deren Planung hapert es. Während Österreich und Italien den Tunnel wohl wie geplant 2028 in Betrieb nehmen werden, will man sich in Deutschland deutlich mehr Zeit lassen. Zurzeit wird noch über den geeigneten Trassenverlauf gestritten. Außerdem kämpfen nicht weniger als 16 Bürgerinitiativen gegen das Projekt, die ihre eigene Nachbarschaft unberührt sehen wollen. Die Strecke auf bayerischer Seite wird also wohl erst zwischen 2038 und 2040 fertig werden. Bis dahin werden die Lkw in beiden Richtungen weiterhin die Autobahnen in Nord-Süd-Richtung verstopfen.

Serie: Mobilität 4.0
Der Einführungsbeitrag beginnt in Berlin – die Bundeshauptstadt ist experimentierfreudiger Vorreiter neuer Mobilitätskonzepte. Gute Beispiele meldet der Report auch aus Hamburg und Dresden. Teil 2 begibt sich dann in den Westen nach Nordrhein-Westfalen; dort hat das Zukunftsnetz Mobilität NRW viele Projektfäden in der Hand. Eine wichtige Rolle spielt hier der öffentliche Personennahverkehr. Teil 3 geht zu den Ursprüngen der Automobilindustrie und sieht sich an, wie sich Baden-Württemberg und insbesondere Stuttgart die Zukunft der Mobilität vorstellen. Teil 4 berichtet aus dem benachbarten Flächenland Bayern, weitere regionale Berichte sind in Vorbereitung, außerdem gibt es bereits einen Report zu mobilen Stauwarnanlagen und intelligentem Verkehrsmanagement sowie zu Lufttaxis und Urban Air Mobility.

Elektromobilität für München

Der Großraum München ist die zentrale Wachstumsregion des Freistaats. Nach aktuellen Prognosen wird die Zahl der Einwohner bis 2030 um weitere 400.000 steigen. Ungefähr dieselbe Anzahl pendelt schon heute nach München hinein und wieder hinaus. Die Stadt muss also nicht nur das zu erwartende Wachstum verkraften, sondern auch für ein klima- und umweltgerechtes Verkehrsnetz sorgen. Dabei steht München im bundesweiten Vergleich in Sachen E-Mobilität gut da. Nur Hamburg biete mehr öffentliche Ladepunkte an, so der Energieverband BDEW. Außerdem fahren auf den Straßen der bayerischen Landeshauptstadt die meisten reinen E-Pkw.

Die Stadt München will gemeinsam mit BMW den Umstieg auf E-Mobilität im Großraum München weiter voranbringen. Bis 2020 wollen die Stadtwerke die Zahl der Ladesäulen von 460 auf 550 steigern. Bis zu 1655 weitere Ladepunkte sollen außerdem an Wohngebäuden und in öffentlichen Parkhäusern ihren Platz finden. Hinzu kommen noch bis zu 400 Ladesäulen von Privatanbietern auf öffentlichen Grund. BMW (DriveNow) will die Flotte der E-Autos in seinem gemeinsam mit Daimler (car2go) betriebenen Gemeinschaftsunternehmen Share Now von 85 auf 200 erhöhen.

City2Share ist ein weiteres Projekt, mit dem zwischen 2016 und 2020 neue Lösungen für nachhaltige Mobilität entwickelten werden sollen. Es bringt verschiedene Ansätze wie Elektromobilität, Sharing-Konzepte und verbesserte Lieferlogistik zusammen. In den Modellquartieren Untersendling und Isarvorstadt erprobt der Stadt mit verschiedenen Projektpartnern Lösungen für den Lieferverkehr. Beteiligt sind unter anderem die BMW Group, die Münchener Stadtwerke, Drive Now und die Münchener Verkehrsgesellschaft.

MW-19PLZ89-04-20190101 SHARENOW hero 2480.jpg Kooperation der Konkurrenten: BMW und Daimler haben seit Frühjahr 2018 ihre respektiven Sharing-Konzepte zum Joint Venture Share Now vereinigt. (Bild: Share Now – moovel Group)

Bauprojekte der Verkehrsbetriebe

Im Rahmen des Mietradsystems MVG Rad werden neuerdings Pedelecs angeboten. Hinzu kommen Stellplätze für Carsharing-Fahrzeuge. Zudem testen die Stadt und ihre Partner ein Lieferkonzept, das elektrische Lastenfahrräder (E-Trikes) nutzt. Dabei sollen die Belastungen durch den Lieferverkehr möglichst gering ausfallen. Die einzelnen Lieferdienste sollen Stationen in den Stadtvierteln beliefern, von denen wiederum ein Dienst mit E-Rädern die letzte Strecke zum Kunden übernimmt. Wer will, kann seine Lieferung auch dort abholen.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT-Unternehmen aus der Region stellen sich vor“ erschienen. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen bereits verfügbaren Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Schwierigkeiten macht jedoch der weitere Ausbau des S-Bahnnetzes. Im Moment ist das Netz sternförmig um eine sogenannte Stammstrecke strukturiert. In einigen Jahren soll nun eine zweite Stammstrecke hinzukommen, um diese Hauptachse zu entlasten, die zu den Stoßzeiten regelmäßig an ihre Grenzen gerät, bei Störungen fast das gesamte Streckennetz ausbremst und die Fahrzeiten der vielen Berufspendler oft sinnlos verlängert. Mittlerweile wird seit zwei Jahren an der neuen Stammstrecke gebaut, aber es zeichnet sich ab, dass sich deren Fertigstellung bis 2028 verzögern wird. Der Grund: Die Stadt will eine weitere U-Bahn-Linie durch das Stadtzentrum führen, die U9. Sie soll die Innenstadtlinien entlasten. Neuralgischer Punkt ist jedoch der Hauptbahnhof, der schon wegen des Baus der neuen Stammstrecke umgebaut werden muss. Die neue U-Bahn-Linie muss natürlich irgendwie mit den anderen Linien verzahnt werden. Hinzu kommen Anwohnerproteste auf der Route der zweiten Stammstrecke, die das Projekt ebenfalls verzögern werden.

Dabei ist die zweite Stammstrecke nur eines von insgesamt 28 Projekten, mit denen das Bahnnetz im Großraum München ausgebaut wird. Dazu gehören eine Erweiterung des Wartungswerks in Steinhausen, ein zusätzlicher Bahnsteig in Markt Schwaben, die Verlängerung Flughafen–Schwaigerloh, die Abzweigstelle Flughafen-West und die Sendlinger Spange.

Saubere Luft für Nürnberg

Neben München ist der Großraum Nürnberg der zweite urbane Ballungsraum in Bayern. Hier leben rund 3, 5 Millionen Bürger, jeden Tag pendeln 150.000 Menschen ins Kerngebiet der Stadt; dieser Zahl stehen 50.000 Nürnberger gegenüber, die aus der Stadt nach außerhalb pendeln. Der Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (VGN) ist der drittgrößte der Bundesrepublik. Die Stadt Nürnberg will allerdings dafür sorgen, dass öffentlicher Nahverkehr und Privatverkehr klimagerechter werden und weniger Emissionen freisetzen. Deswegen hat sie aus dem Sofortprogramm Saubere Luft der Bundesregierung Fördergelder bewilligt bekommen, um den C0₂-Ausstoß bis 2030 drastisch zu senken.

Zu den Maßnahmen gehören die Dekarbonisierung von mindestens 70 % des ÖPNV, von 30 % der Pkw und mindestens 50 % der Fahrzeuge handwerklicher Betriebe. Der Individualverkehr in der Stadt selbst soll bis 2030 um 50 % sinken, im ländlichen Raum um 25 %. Den innerstädtischen Warenverkehr will Nürnberg sogar komplett dekarbonisieren. Die Stadt will dazu eine flächendeckende Infrastruktur für emissionsfreie Fahrzeuge aufbauen und Mobilität mit dem Fahrrad oder ähnlichen Fahrzeugen fördern. Die Verkehrsbetriebe beginnen zudem damit, Elektrobusse einzusetzen. Die VAG hat im vergangenen Jahr ein Fahrzeug getestet und beschafft nun sechs weitere E-Busse. Deren Zahl soll bis 2022 auf 52 ansteigen.

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Friedrich List ist Journalist und Buch­autor in Hamburg. Seit Anfang des Jahr­hunderts schreibt er über Themen aus Computer­welt und IT, aber auch aus Forschung, Fliegerei und Raum­fahrt, u.a. für Heise-Print- und Online-Publikationen. Für ihn ist SEO genauso interessant wie Alexander Gersts nächster Flug zur Inter­nationalen Raum­station. Außerdem erzählt er auch gerne Geschichten aus seiner Heimatstadt.

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