Flops und Chancen im TK-Markt

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Erfolg hat, wer Anwender findet

Von Dr. rer. nat. Jürgen Kaack, STZ-Consulting Group

Der Telekommunikationsmarkt gilt zu recht als innovativ und erfolgreich. Zu den Erfolgsgeschichten gehören der digitale Mobilfunk nach dem GSM-Standard, der die Kundenzahlen von ca. 0,8 Mio. bei der Markteinführung Anfang der 90er-Jahre bis auf über 80 Mio. im Jahr 2007 hat hochschnellen lassen, und das Internet mit ebenfalls stetig steigenden Nutzerzahlen. Beide Dienste erreichen praktisch 100 % Durchdringung.

Aber es gibt auch die nicht so erfolgreichen Technologien und die mittlerweile fast vergessenen Flops in der Telekommunikationsgeschichte. Hierzu gehören z.B. Bildschirmtext, Iridium und Wireless Local Loop (WLL). Aber auch bei den erfolgreichen oder Erfolg versprechenden Diensten UMTS, Tetra und WiMAX wurden Fehler in der Umsetzung gemacht. Im Folgenden soll versucht werden, den Ursachen auf den Grund zu gehen und Schlussfolgerungen für zukünftige Diensteentwicklungen zu ziehen.

Der Markt bewegt sich

Der Telekommunikationsmarkt kann auf eine Reihe großartiger Erfolge zurückblicken: Die Einführung des ISDN-Anschlusses im Festnetz, des digitalen Mobilfunks (GSM) und die Entwicklung des Internets stellen Erfolgsgeschichten par excellence dar, wie man sie sich in vielen anderen Märkten wünschen würde.

Selbst eigentlich ungeplante technische „Abfallprodukte“ wie z.B. der Kurznachrichtendienst (SMS), an den zu Beginn kaum einer der Marktexperten geglaubt hatte, haben sich teilweise mit großem Erfolg durchgesetzt.

Eine Erfolgsgeschichte für sich, mit sehr vielen Auswirkungen auf die Gesellschaft und die internationale Zusammenarbeit, ist das Internet, das eigentlich zunächst „nur“ der sicheren und nicht so leicht unterbrechbaren Kommunikation für das US-Militär dienen sollte. Mit dem Internet gewinnt die Datenkommunikation neben der bislang dominierenden Sprachkommunikation laufend an Bedeutung. Zukünftig werden Datenlösung über UMTS oder WiMAX auch für portable bis hin zu mobilen Anwendungen zur Verfügung stehen. E-Mail-Abruf und Internet-Zugang per Handy sind bereits heute weitgehend problemlos möglich.

Die Entwicklung innovativer Telekommunikationsdienste ist natürlich noch nicht abgeschlossen. In den nächsten Jahren werden höhere Bandbreiten für geschäftliche und private Nutzung zur Verfügung stehen. Mit dem neuen VDSL-Netz baut die Deutsche Telekom bereits heute in verschiedenen deutschen Städten Anschlussnetze mit Bandbreiten von 50 MBit/s. aus und Netcologne hat im Raum Köln mit dem Ausbau des Anschlussnetzes auf der Basis von Glasfasertechnologie begonnen. Hiermit werden in absehbarer Zeit Übertragungsraten bis zu 100 MBit/s. möglich. Mit diesen Breitbandnetzen werden weitere neue Dienste mögliche wie z.B. interaktive Fernsehformate, Lernprogramme und neuartige Arbeitsumgebungen. Die Entwicklung ist also mit den bisherigen Ergebnissen keinesfalls abgeschlossen.

Flops und Sackgassen

Aber nicht alle Entwicklungen im Telekommunikationsmarkt waren in den letzten Jahren durchschlagende Markterfolge – einige sind im Laufe der Zeit überholt worden oder ganz wieder vom Markt verschwunden. Neben dem fehlenden Anwendernutzen und der Kundenakzeptanz gibt es aber teilweise auch andere Gründe für einen ausbleibenden Erfolg. Interessant ist dabei oft der internationale Vergleich, denn gerade einige dieser Dienste waren bzw. sind in anderen Märkten durchaus erfolgreich. Im Folgenden werden einige Beispiele vorgestellt, die zumindest aus der Sicht des Autors als Flops oder Fehlentwicklungen anzusehen sind.

Bildschirmtext (BTX)

BTX ist ein Vorläufer für das Internet aus den 80er-Jahren. Die Technik bot allerdings nur begrenzte Funktionalität und war aufgrund der Übertragung über die analoge Telefonleitung recht langsam im Seitenaufbau. Teure Endgeräte und fehlende Inhalte haben den Markterfolg in Deutschland verhindert, zumal der Kunde in diesem Fall in Vorleistung treten musste. In Frankreich war das Pendant „Minitel“ ein durchschlagender Erfolg, da die Endgeräte als Ersatz für Telefonbücher kostenlos an die Haushalte abgegeben wurden. Dies war für den Anbieter insgesamt kostengünstiger als der Druck und die Verteilung der Telefonbücher. Überdies ließen sich die Inhalte schneller aktualisieren. Andere Anwendungen wie Homebanking, Fahrpläne und Informationseinträge kamen hinzu und haben die Nutzung des Dienstes gefördert. Für einen neuen Dienst ist dieses Vorgehen bei der Einführung erfolgversprechend!

Mobile Datenkommunikation

Der eigenständige mobile Datendienst bot schon in den 90er-Jahren Datenkommunikation insbesondere für Geschäftskunden (z.B. für Außendienst- und Servicemitarbeiter), was erst jetzt wieder in Verbindung mit GPRS, EDGE und UMTS möglich wird. Damals hat man (ähnlich wie später wieder bei der Einführung von UMTS) verkannt, dass niemand Datenkommunikation in gleicher Weise braucht wie z.B. Sprachkommunikation. Datenkommunikation „lebt“ von Anwendungen (Filetransfer, E-Mail, Internet-Zugriff). Erst spät hat man sich mit der Ausgestaltung und Vermarktung von entsprechenden auf die einzelnen Zielgruppen zugeschnittenen Diensteangeboten beschäftigt. Die damals zusätzlich notwendigen und teueren Endgeräte haben die Verbreitung auch nicht unbedingt gefördert. Der Dienst ist aus diesen Gründen nie über ein Nischendasein hinausgekommen.

Mobile Satellitenkommunikation

Mobile Satellitenkommunikation sollte Ende der 90er-Jahre ein weltumspannendes Mobilfunknetz werden, das Endgeräte überall auf dem Globus mittels 66 niedrig fliegenden Satelliten an das öffentliche Telefonnetz anbinden sollte. Dabei stand Iridium schon bei der Konzeption im internationalen Wettbewerb zum digitalen Mobilfunk nach dem GSM-Standard. Als wettbewerbsfähige Regionen blieben so nur die dünn besiedelten Gegenden der Welt – und die Kernzielgruppen für ein solches System wären Schiffsoffiziere, Prospektoren, Arbeiter auf abgelegenen Großbaustellen, Freizeitsegler und die Jäger im Bayerischen Wald. Bei solchen Mikrosegmenten lässt sich nur schwer ein valides Geschäft mit hohen Vorlaufinvestitionen aufbauen. Die Treiber von Iridium waren Satellitenhersteller, die hiermit ein hervorragendes Geschäft gemacht hätten.

Die weltweit konzipierten Satellitendienste sind ein gutes Beispiel dafür, dass die frühzeitige Analyse der infrage kommenden Zielgruppen mit ihren Bedarfsstrukturen für einen Erfolg unabdingbar ist. Selbst wenn das Kundenpotenzial an sich groß genug ist, so müssen sich die einzelnen Zielgruppenvertreter auch mit begrenztem Vertriebsaufwand erreichen lassen. Bei heterogenen und regional verstreuten Zielgruppen kann dies aufwändig oder gar unwirtschaftlich werden.

Wireless Local Loop (WLL)

Als drahtlose Anschlusstechnik für Unternehmen und Mehrfamilienhäuser sollte WLL den Wettbewerb bei Breitbandzugangsnetzen Ende der 90er-Jahre beleben. In diesem Bereich hatte die Deutsche Telekom damals eine marktbeherrschende Stellung. WLL basiert auf der bewährten Richtfunktechnik, die auch heute noch in nahezu allen Netzen als Komponente der Übertragungstechnik eingesetzt wird. Während Richtfunk als eine Punkt-zu-Punkt-Funkverbindung genutzt wird, war WLL als point to multipoint ausgelegt. Ein Nachteil der WLL-Technik ist die Notwendigkeit der Sichtverbindung zwischen Sender und Empfänger. Schon ein Hochhaus in der Sichtlinie verhindert einen Empfang. Die Funknetzplanung wird hierdurch sehr aufwändig. Die Ausschreibung der Regulierungsbehörde erforderte in den nahezu 200 definierten Regionen eine detaillierte Funknetzplanung und eine Geschäftsplanung, welche die Identifikation wichtiger Kunden und Vertriebspartner im vorhinein erforderlich machte. Ein Unternehmen, das sich um alle Gebiete bewerben wollte, brauchte bereits für den Transport der ausgedruckten Lizenzanträge einen LKW – zusammen stellten alle Lizenzanträge ein Gewicht von 21 Tonnen dar! Die Kosten für die Netzplanung und die Ausarbeitung der Lizenzanträge alleine lagen für jedes der antragstellenden Unternehmen bei mehreren Mio. Euro.

Trotzdem gab es eine ganze Reihe von Netzbetreibern, die sich damals um Lizenzen bemühten. Neben Unternehmen wie Arcor (Arctel) und BT Ignite waren auch viele neue Unternehmen mitbeteiligt, von denen die meisten heute nicht mehr existieren (Star 21, FirstMark, Callino, Deutsche Landtel, mediascape, tesion, Broadnet etc.). Alle Lizenzen wurden damals vergeben, aber keines der Unternehmen hat mit dem Produkt WLL Gewinne erwirtschaftet oder auch nur die Kosten gedeckt – viele der Neugründungen endeten in der Insolvenz. Der Grund hierfür ist recht einfach: Es gibt den Markt für WLL-Anschlüsse nicht. Nahezu überall kann ein interessiertes Unternehmen für seine Standorte einen drahtgebundenen Breitbandanschluss zur Direktanbindung bekommen (E1-Leitung), die nicht signifikant teurer ist als ein WLL-Anschluss. Der Zeitaufwand zur Errichtung einer Anbindung ist aufgrund der Netzplanung und des Aufbaus einer Sendestation in den meisten Fällen nicht geringer als für die Erdverlegung einer Leitung. Beim Kundenstandort war die erforderliche Antenne in vielen Fällen ein Handicap. Sie war recht groß und musste wegen der Sichtverbindung auf dem Dach montiert werden. Hierfür ist bei Flachdächern eine Statikprüfung und ein Gutachten zum Winddruck erforderlich. Und wenn das Dach für die Kabelführung durchbrochen wird, ist in der Regel eine neue Abnahme durch die Feuerwehr erforderlich. Für den Nutzer war die Einrichtung eines WLL-Anschlusses daher in der Regel nicht unkompliziert. Aus diesen Gründen war WLL bei näherer Prüfung für kaum einen Kunden eine interessante und tragfähige Alternative. Für die Betreiber gab es in der Folge kaum eine Möglichkeit zur Deckung der Kosten für die Lizenzausschreibung und den Netzaufbau mit Sendemasten und Interconnection. Der von der Regulierungsbehörde geforderte Aufwand war auf jeden Fall bei weitem überzogen und die dort verlangte Pseudogenauigkeit hat die Kosten der Ausschreibung zwar unverhältnismäßig aufgebläht, aber keine höhere Sicherheit für das Geschäft erzeugt. Sonst wäre es wohl nicht zum Rückzug fast aller Anbieter und zur Insolvenz bei FirstMark, Callino, Deutsche Landtel und Star 21 gekommen. Insgesamt eine Verschwendung von Investorengeldern!

Ein Anbieter hat in der WLL-Ausschreibung Lizenzen für eine Umsetzung nach dem für Datenkommunikation optimierten UMTS-TDD-Verfahren erhalten und in der Zwischenzeit hieraus ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickelt, das demjenigen der WiMAX-Betreiber ähnelt. Allerdings nähert sich die ursprüngliche Linzenzlaufzeit jetzt dem Ende. Für den Ausbau von Funknetzen nach dem UMTS-TDD-Standard stehen bereits seit einiger Zeit Investitionen abrufbar bereit, die aber nicht getätigt werden können, da bislang keine Entscheidung über eine anstehende Lizenzverlängerung getroffen wurde. Ohne Planungssicherheit aber auch keine Investitionen!

Konzepte mit Fehlstart

Die folgenden Systeme sind zwar keine Marktflops im eigentlichen Sinne, aber bislang aus dem einen oder anderen Grund eben auch keine Markterfolge in Deutschland (wohl aber in anderen Märkten, so dass es nicht am fehlenden Produktnutzen liegen kann).

Digitale Bündelfunksysteme

Digitale Bündelfunksysteme (Tetra und Tetrapol)sind moderne digitale Funksysteme für Polizei, Feuerwehr und industrielle Anwender, die in den 90er-Jahren als Nachfolger für analoge Bündelfunksysteme entwickelt wurden. Einige Unternehmen haben die kommerzielle Umsetzung auch in Deutschland versucht, bislang sind aber hier alle gescheitert. Im europäischen Ausland dagegen hat sich Tetra dagegen bereits weitgehend durchgesetzt, selbst in Polen setzt die Polizei Tetra für Sprechfunk und mobile Datendienste ein. Mit Tetra sind neben abhörsicheren Sprachanwendungen auch Datenanwendungen wie z.B. eine schnelle Datenbankabfrage und die Übertragung von Bildern möglich. Die Diskussionen zwischen den Bundesländern und der Streit über den „richtigen“ der beiden Standards hat in Deutschland die kommerzielle Nutzung behindert und führt dazu, dass Deutschland als fast letztes Land der EU einen modernen digitalen Polizeifunk erhält. Irgendwann kommt Tetra sicher auch in Deutschland. Tetrapol hat dagegen wohl kaum eine Chance – die alte Diskussion um Video 2000 als hochwertigeren Videostandard im Vergleich zu VHS lässt grüßen!

Mobile Breitbandzugänge (WiMAX)

Mobile Breitbandzugänge sind Funklösungen, die einen portablen Breitbandanschluss mit Geschwindigkeiten bis zu 3 MBit/s als Alternative zu DSL über die Teilnehmeranschlussleitung bieten. In einer Reihe von Ländern werden Funknetze nach diesen Standards aufgebaut oder sogar bereits erfolgreich betrieben (z.B. in Österreich, Tschechien, Slowenien, Frankreich und selbst in Russland). In Deutschland dagegen verhindert eine verunglückte Lizenzierung vom Februar 2006 den schnellen Aufbau von WiMAX-Netzen, obwohl fast hundert Unternehmen Interesse an über 1200 Lizenzen bekundet haben. Jetzt fand bis Ende 2006 eine Versteigerung von je drei WiMAX-Lizenzen in 16 festgelegten Regionen statt. (Die Ergebnisse sind auf den Seiten der Bundesnetzagentur zu finden.) Die Regionen entsprechen in ihrer Größe in etwa den Bundesländern. Schon in der ersten Ausschreibung gab es neun Interessenten, die eine bundesweite Lizenz haben wollten. Damit ist es für Interessenten, die nur einen lokal begrenzten Ausbau planen, viel schwieriger, an eine Lizenz zu kommen.

Die Festlegung der großflächigen Regionen begünstigt am ehesten die Deutsche Telekom, die jetzt einen weniger hohen Wettbewerbsdruck beim Ausbau der derzeit noch nicht mit DSL versorgten Gebiete erfahren wird. Viele der interessierten Unternehmen aus der ersten Ausschreibung wollten gerade diese Regionen bevorzugt ausbauen oder ihr DSL-Netz in ländlichen Regionen über ein Funkanschlussnetz erweitern. Diese Geschäftsmodelle sind jetzt wohl nicht mehr umsetzbar. Die Rahmenbedingungen der Versteigerung begünstigen Unternehmen mit hoher Kapitalkraft und mit Geschäftskonzepten für ein flächendeckendes Diensteangebot, das allerdings in fast allen Gebieten im direkten Wettbewerb zu DSL steht. Die Erfahrungen mit WLL für die Direktanbindung von Unternehmen zeigt, dass dieser Ansatz erhebliche Risiken bergen kann. Eine andere Möglichkeit besteht in der Umsetzung von höherwertigen Lösungen unter Nutzung der Portabilität des Anschlusses, z.B. für die Überwachung von pflegebedürftigen, kranken oder alten Menschen in ihrer gewohnten Umgebung durch Kooperationen mit der Wohnungswirtschaft oder Lösungen im Bereich der Sicherheitstechnik, der Telematik oder der Telemetrie. Hohe Gebote bei der Versteigerung der Lizenzen fehlen hinterher bei der Umsetzung des Geschäftskonzeptes! Der Aufbau von WiMAX wird wohl ab Anfang 2007 erfolgen und kann im Idealfall den bislang eingeschränkten Infrastrukturwettbewerb beim Breitbandzugang intensivieren.

Zwar hat man bei der ersten Ausschreibung der Lizenzen aus den Fehlern bei der Lizenzausschreibung der WLL-Lizenzen gelernt, dies aber gleich so übertrieben, das zu viele Anträge eingegangen sind. Dabei wäre es vermutlich besser gewesen, wenn die Bundesnetzagentur sich die Mühe gemacht hätte, das ursprünglich vorgesehene Einigungsverfahren einzuleiten, anstatt gleich auf eine Versteigerung umzuschwenken, die kleineren Unternehmen kaum eine Chance lässt.

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Schwarz auf Weiß
Eine aus­führliche Dar­stellung zum Thema Daten­funk gibt Dr. Jürgen Kaack im Rat­geber „WiMAX, WLAN, UMTS – Funk als Alternative zu DSL“, den Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki bekommen.

UMTS

UMTS ist das moderne international standardisierte Mobilfunksystem der dritten Generation. UMTS steht sicher nicht für einen Marktflop, es ist aber ein Beispiel für eine Fehlplanung und eine schlechte Umsetzung bei der Lizenzvergabe (auch und insbesondere bei den Bewerbern um eine Lizenz selber) mit Negativauswirkungen für den gesamten Telekommunikationsmarkt in Deutschland. Ohne Frage bietet UMTS eine Reihe von interessanten Dienstemöglichkeiten, es ist nur bislang noch keinem der Anbieter gelungen, die oder zumindest eine „Killer-Applikation“ zu finden. Egal ob MMS (Multimedia Messaging Service) oder Videotelefonie: Neben Sprache und SMS gibt es bislang keine in breitem Umfang akzeptierten Applikationen und ob mobiles Fernsehen dies sein wird, muss zumindest stark bezweifelt werden. Eine erfolgreiche Umsetzung setzt entweder eine Beschäftigung mit Mikrosegmenten voraus oder eine weitgehende Öffnung der Netze für externe Dienstebetreiber, z.B. MVNOs.

Die weit überzogenen und unrealistischen Lizenzgebote von insgesamt über 50 Mrd. Euro hat der Branche erheblichen und nachhaltigen Schaden zugefügt und auch der Volkswirtschaft nur kurzfristig geholfen, da über Sonderabschreibungen ein erheblicher Teil der Einnahmen als entgangene Steuern wieder zurückgeflossen ist. Gleichzeitig waren massive Personalkürzungen ein unangenehmer Nebeneffekt. Den Netzbetreibern fehlten die für die Lizenzen ausgegebenen Mittel zur Entwicklung sinnvoller neuer Angebote und zum schnellen Netzaufbau. Anstatt den Wettbewerb zu fördern (gegenüber dem heutigen Oligopol im Mobilfunk), haben sich zwei neue Anbieter (Quam/Telefonica und France Telecom/Mobilcom) schon vor dem eigentlichen Netzaufbau wieder zurückgezogen. Wettbewerbsförderung auf deutsche Art! UMTS an sich ist hierdurch natürlich nicht in Frage gestellt – die Technologie ist und bleibt das Mobilfunksystem der nächsten Zukunft!

Mobilfunkportale

Im Rahmen einer neuen Strategiekorrektur bei e-plus (sicherlich zu oft in den vergangenen Jahren) wurde auch die baldige Einstellung des Portals i-mode beabsichtigt, das noch vor wenigen Jahren mit großer Euphorie gelauncht wurde – ein sicher vernünftiger Schritt, denn für den Markt und die Mehrzahl der Kunden brachte dieses Portal genauso wenig Nutzen wie die anderen mobilen Portale Vodafone life! oder t-zones. Der gute Erfolg von i-mode in Japan ist letztlich auf andere Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen und nicht auf Deutschland übertragbar.

Aus Sicht des Autors basierte die Entwicklung dieser Portale auf einer ähnlichen Fehleinschätzung wie für den gesamten UMTS-Markt. Breitbandige Datenkommunikation per se findet kaum einen Kunden, auch wenn sie (nicht ganz so breitbandig) portabel oder mobil angeboten wird. In diesem Punkt lassen sich Sprach- und Datenkommunikation nun mal nicht in einen Topf werfen. Wenn schon breitbandige Datenkommunikation kein selbständiges Produkt ist, so können Applikationen sehr wohl attraktive Produkte sein, die sich der breitbandigen Übertragungswege bedienen (z.B. Filetransfer, Sicherheitssysteme, Überwachung für alte, kranke oder pflegebedürftige Menschen, Zählerstandsablesung, Telematik, Telemetrie etc.). Es gibt für diese Dienste auf jeden Fall einen Bedarf und auch die Bereitschaft zur Zahlung, d.h. es gibt den entsprechenden Markt!

Im Gegensatz zum generischen Produkt „Sprachkommunikation“ müssen die Applikationen auf der Basis von Datenkommunikation speziell für die Bedürfnisse der potenziellen Kunden gestaltet werden. Und je nach Zielgruppe können die Anforderungen einzelner Kunden selbst an solche Dienste recht unterschiedlich sein, obwohl die Technologie wie z.B. Unified Messaging von den Basisfunktionen her homogen erscheint. Unterschiedliche Service Levels, die Integration in bestehende Systeme und Sonderfunktionen für Unternehmen eröffnen ein breites Spektrum. Für Informations- und Unterhaltungsdienste gilt dies in noch viel weiter gehendem Maße. Die Beschäftigung mit breitbandigen Datendiensten setzt eine intensive Beschäftigung mit teilweise sehr kleinen Zielgruppen voraus! Die Segmentierung des Marktes kann nach unterschiedlichen Kriterien erfolgen, z.B. nach Zugehörigkeit zu Vereinen, ethnischen Gruppen, Anhängern von Sportarten oder Hobbys. Es ist unstrittig, dass es einen Bedarf an Diensten gibt, die für die jeweilige Zielgruppe einen nachvollziehbaren Nutzen erzeugen. Ob der vorhandene Bedarf für diese Dienste, die Größe der Zielgruppe, der quantifizierbare Nutzen und die Kosten für die Erzeugung des Dienstes eine wirtschaftliche Umsetzung ermöglichen, ist allerdings im Einzelfall zu prüfen. Die Versendung von MMS mit Urlaubsfotos aus dem Ausland für einen Preis von zwei bis drei Euro ist offensichtlich für viele Mobilfunknutzer im Vergleich zum empfundenen Nutzen zu teuer!

Fehler lassen sich bei näherer Betrachtung sowohl auf Seiten der Anbieter als auch bei der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen durch die Regulierungsbehörde ausmachen. Rückblickend erscheint es so, als ob bei manchen Entscheidungen der notwendige Sachverstand gefehlt hätte. Auf jeden Fall ist die Betrachtung der Marktbedürfnisse bei manchen Entscheidungen zu kurz gekommen.

Bei der Regulierung handelt es sich natürlich generell um eine schwierige Problematik, da Funkfrequenzen begrenzt und nicht beliebig erweiterbar sind. Der Umgang mit einem mächtigen Ex-Monopolisten, der bei Hausanschlüssen immer noch mit fast 97 % eine dominierende Position hat, gleichzeitig aber auch seine Besitzstände und Investitionen sichern muss, schafft eine zusätzlich schwierige Situation. Natürlich muss auch eine Deutsche Telekom im Interesse ihrer Aktionäre die eigenen Vorteile sichern und versuchen weiter auszubauen.

Die Umsetzung entscheidet

Bei der Umsetzung neuer Technologien in Produkte wird es immer wieder Fehleinschätzungen und Misserfolge geben. Der Telekommunikationsmarkt ist – auch wenn er immer noch einer am stärksten wachsenden Märkte ist – hiervon nicht ausgenommen. Für jedes der Beispiele gibt es natürlich andere Einflussfaktoren und Randbedingungen, ein paar allgemeinere Schlüsse lassen sich aber trotzdem ziehen:

  • Nicht jeder Telekommunikationsdienst wird automatisch ein Markterfolg.
  • Technikgetriebene Dienste können erfolgreich werden (Beispiel SMS), müssen es aber keineswegs.
  • Herstellerinteressen sind keine hinreichende Voraussetzung für einen Erfolg beim Nutzer.
  • Ohne Regulierung kann in einem Markt mit starken Anbietern (Ex-Monopolisten, Oligopolen) kein Wettbewerb entstehen, aber eine bürokratische Regulierung hilft auch niemandem.
  • Neue Dienste sollten Anwenderinteressen im Fokus haben. Ohne einen konkreten und quantifizierbaren Nutzen für den Anwender wird der Erfolg ausbleiben.

Eigentlich sind dies keine revolutionären Erkenntnisse, und sie gelten auch in anderen Märkten. Aber eine Zeitlang konnte man den Eindruck gewinnen, dass in der Telekommunikation, und insbesondere im Mobilfunk, alles möglich ist und jedes neue Angebot automatisch zum Erfolg wird. Hieran sind die Kapitalmärkte natürlich auch nicht ganz unschuldig, aber für die Umsetzung sind immer noch die TK-Anbieter selbst verantwortlich.

Fazit: Neue Geschäftsmodelle

Fraglich ist generell, ob die großen nationalen Netzbetreiber mit eigenem Anschlussnetz die richtigen Anbieter von Diensten für kleinere Marktsegmente sind. Eigentlich wäre eine sinnvolle Positionierung für einen solchen Carrier die Bereitstellung der Grunddienste für breite Zielgruppen in guter und gleichbleibender Qualität. Kleinere Marktsegmente oder gar Marktnischen könnten über geeignete Kooperationen mit anderen Unternehmen erschlossen werden. Die Realisierung einer wachsenden Zahl von Diensten für kleinere Zielgruppen, aber auch deren vertriebliche Ansprache spricht gegen eine Bearbeitung durch den Netzbetreiber selber. Offensichtlich ist E-Plus nach einigen Jahren des Experimentierens mit unterschiedlichen Positionierungen ebenfalls zu dieser Erkenntnis gekommen. Bei den anderen Netzbetreibern ist vielleicht erst ein stärkerer Leidensdruck bei den Margen erforderlich.

Wenn es nicht die Netzbetreiber sind, wer kann in einem solchen Szenario die kleineren Marktsegmente bedienen? Ein prädestinierter Anbietertyp ist der MVNO (Mobile Virtual Network Operator). Über die heutigen MVNE (Mobile Virtual Network Enabler) wie Vistream und O₂ Service können bereits schwerpunktmäßig solche Segmente bedient werden, die einen unmittelbaren Bedarf an den vorhandenen Mobilfunkbasisdiensten haben, aber durch die bestehenden Vertriebsorganisationen nicht optimal erreicht werden. Die heute am Markt operierenden MVNOs erfüllen genau diese Aufgabe, sind allerdings weder mit eigenen Mehrwertdiensten noch gar mit breitbandigen Datendiensten befasst. Bei ihnen steht die Marktnähe und ein scheinbar günstiger Preis im Fokus. Einerlei ob Simyo, SimPly, Klarmobil, Blau, Ay Yildiz oder Debitel Light – alle diese Anbieter sind dem Typ des „Discount-MVNO“ zuzurechnen.

Um höherwertige Dienste, z.B. Konvergenzlösungen, integrierte VPNs (Virtual Private Networks) für Geschäftskunden zu realisieren, braucht ein Anbieter die Kontrolle über das HLR (Home Location Register), d.h. er muss ein eigenes Mobilfunkkernnetz betreiben! Anbieter dieses Typs sind als „Enhanced MVNO“ zu bezeichnen. Es gibt eine Reihe von Interessenten, die dieses MVNO-Geschäftsmodell umsetzen wollen. Aber derzeit machen alle die Erfahrung, dass sich die Verhandlungen mit den Mobilfunknetzbetreibern lange hinziehen und mit wenig Enthusiasmus geführt werden. Vielleicht ändert sich jetzt etwas bei E-Plus und schafft eine größere Bereitschaft, den Mehrwertdienstebereich für spezielle Zielgruppen anderen Unternehmen zu überlassen? Langfristig würden wohl alle Marktteilnehmer hiervon profitieren!

Es ist im Einzelfall zu prüfen, ob der MVNO einen direkten Zugang zum HLR des Netzbetreibers erhält oder ob er die gesamte Infrastruktur selber aufbauen muss. In Anbetracht der Kosten für diese Netzkomponenten könnte dies manchen Anbietern den Start erschweren. Ein anderer bislang strittiger Punkt ist die eigentliche Kundenbeziehung. Heute angebotene Geschäftsmodelle der MVNEs, bei denen ein separater Vertrag zwischen dem Netzbetreiber und dem Kunden zustande kommt, sind für viele Anbieter, die nicht nur als (bessere) Wiederverkäufer mit Handelsvertreterstatus auftreten wollen, sicher nicht akzeptabel! Die Kundenbeziehung sollte unbedingt direkt zwischen dem MVNO und dem Kunden liegen!

Der Enhanced MVNO kann grundsätzlich neben Mobilfunkanschlussnetzen auch Festnetze anbinden und somit echte Konvergenzdienste zwischen Mobilfunk und Festnetz, Sprache und Daten realisieren. Es gibt also weiterhin Spielraum für eine Weiterentwicklung des ohnehin attraktiven Telekommunikationsmarktes. Hoffentlich werden die grundsätzlich vorhandenen Möglichkeiten auch so genutzt, dass der Wettbewerb und kleinere Unternehmen eine Chance erhalten, ihre innovativen Geschäftsideen umzusetzen!

Solange die Marktmacht der Anbieter so ungleich verteilt ist wie bislang, kann Wettbewerb ohne Regulierung nicht entstehen und überleben. Dies zeigt sich gerade jüngst durch die erstmalige Regulierung im Mobilfunk bei den Terminierungsentgelten und den Eingriff der Regulierung bei den Roaming-Gebühren für internationale Mobilfunkgespräche. Leider sind die Regulierungsentscheidungen nicht in allen Fällen besonders glücklich und nachvollziehbar. Die neuesten Beispiele sind die WiMAX-Lizenzausschreibung und die nicht nachvollziehbaren Überlegungen zur Herausnahme von VDSL aus der Regulierung. Damit bleiben andere Anbieter aus der Nutzung dieses Anschlussnetzes ausgenommen. Der Schutz der Investitionen ist zwar ein berechtigter Wunsch, aber es ist fraglich, ob die Deutsche Telekom als Betreiber des VDSL-Netzes wirklich vor den anderen TK-Anbietern geschützt werden muss. Es müsste eigentlich in beiden Fällen auch anders gehen ...

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