Online-Bonitätsprüfung

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Big Data ist schneller als das Schufa-Scoring

Robert Kneschke

Von Ralph Behnke

Wohl in keinem anderen Land spielt das Scoring eine so entscheidende Rolle für Vertragsabschluss und Kreditvergabe wie in Deutschland. Ob Online-Bestellung auf Rechnung, Handy-Vertrag oder Überbrückungskredit – bei vielen Transaktionen fordern die Anbieter einen Nachweis der Bonität ihrer Kunden.

Dies liegt zum Teil auch darin begründet, dass Deutsche im Online-Geschäft noch immer sehr konservativ agieren. Rechnungskauf und Lastschrift sind hierzulande nach wie vor die beliebtesten Online-Zahlungsarten. Was praktisch für den Verbraucher ist, bedeutet für den Händler aber ein erhöhtes Risiko. So können Lastschriften zurückgebucht werden und Rechnungen bleiben einfach unbezahlt. Insbesondere bei Gütern im höheren Preissegment wie Elektronik, Möbel u.a., die sich zudem leicht weiterverkaufen lassen, tragen Händler ein hohes Ausfallrisiko und greifen daher gern auf Scorings zur Bonitätsbewertung zurück.

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Ralph Behnke ist freier Autor und widmet sich seit vielen Jahren besonders den Themen Wirtschaft und Finanzen, u.a. im Auftrag der Vexcash AG. Er verfügt über jahrelange praktische Erfahrung im Schreiben von Beiträgen für Online-Auftritte (Blog-Beiträge, Fachartikel, Presseartikel) und in der Betreuung von Blogs: https://plus.google.com/+RalphBehnke/

Absicherung gegen Zahlungsausfall für Händler

Bonität oder Kreditwürdigkeit heißt in der Finanzwirtschaft die Fähigkeit einer natürlichen Person, aufgenommene Schulden zurückzuzahlen. Die Bonitätsprüfung erfolgt anhand von Scorings bei der Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung (Schufa) oder anderen Wirtschaftsauskunfteien wie Bürgel oder Creditreform.

In der Regel werden dabei zwei Aspekte beleuchtet: Zum einen wird ermittelt, ob die Person zur Rückzahlung in der Lage ist, zum anderen wird bei der Prüfung der Bonität das allgemeine Zahlungsverhalten in der Vergangenheit eingeschätzt. Die Abfrage durch den Händler erfolgt bei der Vergabe von Krediten und beim Kauf teurer Artikel im Hintergrund innerhalb weniger Sekunden.

Wie funktioniert die klassische Bonitätsprüfung?

Welche Kriterien bei den einzelnen Dienstleistern ins Scoring genau einfließen, bleibt deren Geheimnis. Sicher ist jedoch, dass die Bewertungen aus mehreren Kanälen gespeist werden. Unter anderem beziehen die Auskunfteien Informationen aus öffentlichen Verzeichnissen. Beispielsweise machen Insolvenzgerichte bei Unternehmens- oder Privatinsolvenzen Eintragungen in Schuldnerverzeichnisse. Ebenso tragen Amtsgerichte ein, wenn Schuldner Zahlungen nicht mehr bedienen und eidesstattliche Versicherungen abgegeben haben.

Aufgrund dieser Aussagen allein lässt sich allerdings kein aussagekräftiger Bonitätsscore ermitteln, zumal relevante Eintragungen meist mit zeitlicher Verzögerung vorgenommen werden. Scoring-Dienstleister nutzen daher noch weitere Quellen, um sich über Kaufverhalten und Zahlungsmoral potenzieller Kunden zu informieren. So fließen Informationen wie der Besitz von Kreditkarten, laufende Kredite sowie Kreditanfragen und vieles mehr ein. Zudem werden auch Unternehmensdatenbanken wie die von EOS genutzt. Die EOS-Gruppe ist ein Tochterunternehmen des Otto-Konzerns und hat Zugriff auf die umfangreichen Kundendatenbanken von Otto.

Ein weiteres, oft verkanntes Kriterium bei der Beurteilung der Kreditwürdigkeit sind soziodemografische Daten, etwa die Beurteilung der Wohngegend von Kunden. Wohnt er in einer „teuren Gegend“, kann man in der Regel davon ausgehen, dass er entsprechend zahlungsfähig ist.

Neue Geschäftsmodelle erfordern neue Sichtweisen

Aber ist die klassische Bonitätsprüfung überhaupt noch zeitgemäß? Diese Frage stellen sich immer mehr Anbieter – und das Ergebnis ist eindeutig: Die reine Bonitätsbeurteilung anhand bisheriger Richtlinien ist tatsächlich längst nicht mehr zeitgemäß. Im Zeitalter der Digitalisierung und der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle wächst der Bedarf nach neuen Bewertungskriterien für die Kreditwürdigkeit. Dank junger Technologien wie Big Data Analytics fließen zahllose Informationen und Daten aus unterschiedlichsten Quellen in unterschiedlichsten Datenbanken zusammen, sodass sich völlig neue Nutzungspotenziale auch für die Kreditvergabe und Bonitätsbeurteilung ergeben.

Kurzzeitkredit im Online-Verfahren
Bonitätszertifikat ab Schufa-Score D (Bild: Vexcash AG)
Der Berliner Finanzdienstleister Vexcash, der sich auf die Online-Vergabe von Kurzzeitkrediten spezialisiert, hat einen Algorithmus in Form eines eigenen Bonitätszertifikats entwickelt. Aufgrund der kurzen Laufzeit und der geringen Höhe der Kredite gelten hier andere Bonitätskriterien als bei üblichen Bankkrediten. Und anders als beispielsweise bei der Schufa, wo Negativeintragungen oft noch längere Zeit nach Tilgung der Schuld bestehen bleiben, beurteilt dieses Zertifikat stets die aktuelle Situation. So haben z.B. auch Kunden, die von Banken aufgrund verspätet bezahlter Raten oder Rechnungen als Kunde mit geringerer Bonität bewertet werden, die Chance auf einen Kurzzeitkredit.

Social Scoring: mit Tracking-Daten und digitalen Spuren

Auch digitale Spuren in den sozialen Medien werden zunehmend interessant für die Bonitätsbeurteilung. Viele davon geben Hinweise auf die Kreditwürdigkeit der User. So lässt sich aus Informationen aus Xing, LinkedIn oder Facebook der berufliche Werdegang verfolgen. Freundeslisten geben Auskunft über das soziale Umfeld und Likes bestimmter Konsumgüter und Marken sind, ebenso wie Browser-Spuren, eBay- und Amazon-Aktivitäten, interessante Anhaltspunkte zur Beurteilung des Kaufverhaltens.

Selbst technische Informationen wie die verwendete Hardware, die sich z.B. aus den Tracking-Daten von Google Analytics auslesen lassen, fließen ein. Moderne Algorithmen können heute rund 20.000 Datenspuren auswerten, um daraus ein komplexes Bild des Verbrauchers zu erstellen.

Fazit: Bonitätsprüfung mit Jetztdaten in Echtzeit

Läutet Big Data also das Ende der Schufa ein? Diese Frage stellt sich zwar, aber sie trifft nicht den Kern der Entwicklung. Diese nämlich geht dahin, jenseits der klassischen Dienstleister eine Risikoauskunft zu ermöglichen, und zwar dort, wo sie bislang nicht praktikabel, zu umständlich oder zu teuer ist. Ganz sicher ist hier eine Beschleunigung des Informationsflusses gefragt. Grundlegende Fakten wie Insolvenzen, laufende Kredite u.a. werden auch weiterhin wichtig sein, doch Eintragungen und Löschungen in Echtzeit und nicht erst nach Wochen, Monaten oder Jahren sind wichtig und notwendig.

Dienstleister sind gefordert, ihre Informationsgrundlagen um moderne Verfahren auf der Basis von Big Data zu ergänzen. Nur so lassen sich zeitgemäße Bonitätsinformationen finden und aktuelle Einschätzungen liefern, um dem Einzelnen neue Chancen zu eröffnen. Der Anteil von Kunden, die aufgrund veralteter Daten noch mit negativem Scoring-Wert geführt werden, obwohl sie längst wieder kreditwürdig sind, sollte dadurch reduziert werden.

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