IT-Arbeitsmarkt 2021

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Trotz Krise im Aufwind

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Von Friedrich List

Mehr und mehr Menschen arbeiten im Homeoffice. Schulen und Universitäten müssen ihren Lehrbetrieb ins Netz verlegen. Selbst die früher so wichtigen Meetings und Konferenzen finden nur noch online statt. Damit steigt die Bedeutung derjenigen, die diese neue digitale Infrastruktur aufbauen und instandhalten können. Die Zahl der offenen Stellen ist im Vergleich zum Vorjahr allerdings deutlich gesunken. Der Branchenverband Bitkom verzeichnete zu Jahresbeginn 2020 124.000 offene Stellen. In seiner jüngsten Studie vom Januar 2021 waren es dagegen nur noch 86.000 verfügbare Jobs. Immerhin aber suchten im vergangenen Jahr 70 % aller von Bitkom befragten Unternehmen IT-Fachkräfte.

Dahinter steckt eine rasante Veränderung während der letzten Monate. Bis etwa März 2020 suchten zahlreiche Unternehmen Fachleute wie IT-Projektleiter, Softwareentwickler und Administratoren. Als das Land in den Lockdown ging, verhängten viele Firmen einen Einstellungsstop, weil sie die ungewohnte Situation nicht genau einschätzen konnten. Aber mit dem Umzug vieler Menschen ins Homeoffice gewann die Arbeit der IT-Spezialisten neues Gewicht. Durch die Kontaktbeschränkungen musste nun alles sehr schnell gehen.

Corona als Katalysator der Digitalisierung

Die Digitalisierung nahm also trotz der Pandemie weiter Fahrt auf. Zwar sind manche Betriebe immer noch bei Neueinstellungen zögerlich, denn sie leiden unter Auftragseinbußen und gesunkenen Umsätzen. Aber mit der Besserung der medizinischen Situation dürfte sich auch die Wirtschaft bald wieder erholen. So ist beispielsweise Dr.Nico Maibaum optimistisch: „Ich erwarte jedoch spätestens ab 2021 eine ökonomische Stabilisierung. Dann wird der Wettkampf um IT-Fachkräfte wieder Fahrt aufnehmen“, schrieb der Leiter des Entwicklungszentrums für Embedded Systems der Brunel Car Synergies GmbH in seinem Firmenblog. Brunel ist ein weltweit aktiver Dienstleister für Ingenieurleistungen und Personalüberlassung.

Laut Dr. Maibaum werden besonders Spezialisten für IT-Security, Cloud Computing und Software-Architektur gefragt sein, und das quer durch alle Branchen. Er nennt einige Beispiele. So gibt es im Gesundheitswesen schon seit Längerem eine Digitalisierungsstrategie. Die wurde jedoch vor der Covid-19-Pandemie nicht mit Nachdruck umgesetzt. In der aktuellen Situation werden nun viele E-Health-Pläne zügig verwirklicht. Auch die Logistik und die Automobilindustrie treiben nun ihre Digitalisierungsstrategien voran. Im Schienenverkehr werden gerade die konventionellen mechanischen und elektronischen Stellwerke digitalisiert. Hinzu kommen neue IT-Systeme zur Steuerung des Zugverkehrs. Und auch Brunels eigener Stellenmarkt zeigt, dass bundesweit Spezialisten gesucht werden, unabhängig von der Betriebsgröße oder dem Standort des Unternehmens.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“ erschienen. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften be­kommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

IT-Experten sind immer noch gefragt

Das Ifo-Beschäftigungsbarometer zeigt ein ambivalentes Bild. In vielen Branchen ist die Beschäftigungsentwicklung eher verhalten. Das Barometer fiel von 95,5 Punkten im Dezember 2020 auf 95,1 Punkte im Januar 2021. Im Februar 2021 sank der Wert sogar weiter auf 94,5 Punkte. Laut Ifo-Institut entspannt sich allerdings in der Industrie die Lage. Weniger Unternehmen als in den Vormonaten erwägen Entlassungen und denken stattdessen über Neueinstellungen nach. In der IT-Industrie und bei Unternehmensberatungen ist der Trend ohnehin gegenläufig. Gerade die IT-Industrie stellt unvermindert ein und verzeichnet sogar einen Mangel an Fachkräften in bestimmten Sparten. Allerdings gibt es kein branchenweites Wachstum. An manchen Stellen sind sogar eher weniger Neueinstellungen zu verzeichnen.

Dennoch dauert es recht lange, bis eine offene Stelle besetzt werden kann. Wie der Branchenverband Bitkom herausfand, vergehen bis zur Einstellung rund sechs Monate. Etwa die Hälfte der von Bitkom für seine aktuelle Untersuchung des Arbeitsmarkts befragten Unternehmen berichten zudem, dass sie IT-Stellen langsamer besetzen können als andere Positionen.

Bedingt durch die Zuwächse im Online-Handel und die Verlagerung von Arbeiten und Lernen ins Homeoffice steigt die Nachfrage nach Systemanalytikern und Netzwerktechnikern stark an. Das Kompetenzzentrum für Fachkräftesicherung (Kofa) des Instituts der Deutschen Wirtschaft beziffert den Anstieg auf etwa 50 % seit dem Frühjahr 2020. Die Zahl der offenen Stellen für IT-Vertriebler wuchs allerdings nur um 8 %. Eher düster ist das Bild bei Spezialisten, die an Langzeitprojekten in der Industrie 4.0 oder dem Internet der Dinge arbeiten. Derartige Vorhaben genießen zur Zeit keine große Priorität.

Nach einer weiteren Kofa-Studie können neun von zehn offenen Stellen nicht besetzt werden. Es fehlen damit rund 20.000 IT-Fachleute. Die wirkliche Lücke könnte um einiges größer sein, weil Jobsuchende oft nicht in derselben Region leben, in der einstellungswillige Betriebe liegen.

Nachfrage trotz Krise

Laut Kofa suchen Unternehmen für rund die Hälfte der offenen Stellen Akademiker. Die sind aber traditionell Mangelware, sodass die Arbeitslosigkeit unter IT-Fachleuten mit FH- oder Universitätsabschluss geringer ist als bei denen, die als Quereinsteiger oder über eine Lehre in einen IT-Beruf gekommen sind. Der Mangel an Fachkräften ist also unter den Informatikern mit Bachelor- oder Master-Abschluss deutlich größer. Das erhöht aber auch die Chancen für die, die einen anderen Ausbildungsweg genommen haben.

Wer also die richtigen Qualifikationen vorweisen kann, hat weiterhin gute Chancen, sich entweder beruflich zu verbessern oder bei Arbeitslosigkeit zügig eine neue Stelle zu finden. Experten des Personaldienstleisters Robert Half sagten gegenüber dem Branchenmagazin it-daily, dass jeder fünfte IT-Manager plane, zeitnah neue Stellen zu schaffen. „Wir bemerken seit Oktober 2020 eine hohe Nachfrage nach IT-Administratoren, Software-Entwicklern, IT-Teamleitern, IT-Supportern und Anwendungsentwicklern. Dies wird sich auch 2021 fortsetzen“, erklärte Sven Hennige, Senior Managing Director Central Europe & France bei Robert Half. „Wir sehen diese Entwicklung in ganz Deutschland, speziell aber in den Ballungsgebieten Frankfurt, Düsseldorf, München, Berlin und Stuttgart.“

Welche Skills gesucht sind

Gefragt sind Qualifikationen und Erfahrungen im IT-Management, der Cloud-Technologie und der IT-Sicherheit. Der Branchenverband Bitkom hat die einzelnen Bedarfe genauer untersucht:

  • 52 % der Unternehmen mit vertikalen IT-Jobs suchen Software-Architekten und Software-Entwickler, speziell solche mit Kenntnissen in Java, modelJS, C, C++, C#, PHP, SQL, iOS oder Android.
  • 35 % suchen Administratoren und Anwendungsbetreuer.
  • 8 % der Unternehmen brauchen Big-Data-Spezialisten und Data Scientists.
  • 6 % sind auf der Suche nach Projektmanagern bzw. Projektkoordinatoren, die Skills in Scrum oder Kanban mitbringen sollten.
  • 5 % der Unternehmen brauchen IT-Sicherheitsexperten wie Pentester oder IT-Security-Analysten.
  • 3 % sind auf der Suche nach Serviceberatern.
  • 2 % suchen Ingenieure für Robotik oder die Industrie 4.0.

Allerdings reicht fachliche Kompetenz alleine nicht aus. Unternehmen erwarten auch ein breites Spektrum sogenannter Soft Skills wie kommunikatives Geschick oder Teamfähigkeit. Ganz oben auf der Liste der Soft Skills steht allerdings etwas anderes:

  • 97 % der Unternehmen erwarten Zuverlässigkeit.
  • 95 % wünschen sich Teamfähigkeit.
  • 88 % erwarten analytisches Denken.
  • 87 % freuen sich über solide Deutschkenntnisse.
  • 82 % setzen allgemeine Kommunikationsfähigkeit voraus.
  • 66 % erwarten Einfühlungsvermögen.
  • 59 % fordern zudem interkulturelle Kompetenz, also die Fähigkeit, mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zusammenzuarbeiten.

Wo sich Unternehmen neu aufstellen

Auch die Handlungsfelder, in denen Unternehmen entweder neue Mitarbeiter einstellen oder ihr Personal fortbilden wollen, lassen sich identifizieren. Die Unternehmensberatung McKinsey identifizierte in einer Studie sieben Bereiche:

  • DevOps: Nachdem große Software-Unternehmen schon länger zeitgemäße Software-Engineering-Verfahren priorisiert haben, folgen nun auch andere Branchen. Mit DevOps, aber auch agilen Ansätzen werden schnellere Produktzyklen und schnelleres Reagieren auf Probleme möglich.
  • Customer Experience: Kennzahlen rund um die Kundenerfahrung werden wichtiger als kurzfristige wirtschaftliche Ziele. Durch gute Customer Experience ergeben sich auch mehr Kunden bzw. bessere Verkaufszahlen pro Kunde.
  • Cloud Computing: Weil die IT-Infrastruktur immer mehr auf Cloud-Architekturen aufbaut, dürften entsprechende Experten in Zukunft stärker nachgefragt werden. Cloud-Lösungen lassen sich gut skalieren und an veränderliche Marktbedürfnisse anpassen.
  • Automatisierung: Hier geht es um mehr als die Automatisierung von Geschäftsprozessen. Das Zusammenspiel von Mensch und Technologie soll reibungsloser laufen, während Prozesse auf eigenen Management-Plattformen angesiedelt werden.
  • Plattformen und Produkte: Unternehmen setzen immer mehr spezialisierte Plattformen auf. McKinsey verweist auf das Beispiel einer Großbank, die 30 verschiedene Plattformen unterhält. Auf der Payment-Plattform alleine laufen 60 verschiedene Anwendungen.
  • Data Management: Viele Unternehmen haben neue Technologien wie Data Lakes oder Plattformen zur Kundenanalyse eingeführt. Das macht die Datenarchitekturen selbst komplexer, denn personalisierte Angebote oder Predictive Maintenance lassen sich nur so verwirklichen.
  • Cybersecurity und Datenschutz: Hier hat sich nicht erst in der Covid-19-Pandemie gezeigt, wie verwundbar digitalisierte Geschäftsabläufe und globale Lieferketten sind. Cyberangriffe treffen mittlerweile auch die IT-Industrie selbst, wie die Attacken auf die Software AG oder Sopra Steria zeigen.

Der IT-Arbeitsmarkt ist ein Arbeitnehmermarkt

Trotz dieser anspruchsvollen Anforderungen bleibt der Arbeitsmarkt für die IT-Industrie ein Arbeitnehmermarkt. Unternehmen sind auf die Expertise potenzieller Mitarbeiter angewiesen und auch bereit, entsprechende Gehälter zu zahlen. Umgekehrt kennen die Spezialisten ihren eigenen Wert und wissen in der Regel auch ihre Interessen zu vertreten. Zudem stehen sie selbst im Wettbewerb, sowohl um interessante und lukrative Positionen, als auch darum, ihre Kenntnisse und Fähigkeiten kontinuierlich zu erweitern. Das müssen Arbeitgeber im Blick behalten.

„Unternehmen werden in den kommenden Wochen und Monaten stärker als je zuvor um begehrte IT-Profis mit spezialisierten Skills konkurrieren. Wer sich externe Top-Talente sichern will, sollte sich jetzt bereits mit einem guten Onboarding- und Weiterbildungsprogramm einen Vorteil am Arbeitsmarkt verschaffen. Denn auch 2021 bleiben Arbeitgeber mit Trainings- und Weiterbildungsangeboten nicht nur für Arbeitnehmer, sondern auch für potenzielle Kandidaten besonders attraktiv“, lautet das Fazit von Sven Hennige.

IT bleibt meine erste Wahl

Und noch eine gute Nachricht zuletzt: Die Gehälter bleiben 2021 stabil. Laut der aktuellen Gehaltsumfrage von ComputerWeekly und TechTarget mussten 2020 nur vier % der Befragten Einschnitte verkraften. 39 % erklärten, ihre Situation sei stabil geblieben. Der Rest hatte dagegen Gehaltserhöhungen oder sogar Boni bekommen. Für 2021 erwarten 32 % eine Gehaltserhöhung und 20 % erhoffen sich einen Bonus.

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Friedrich List ist Journalist und Buch­autor in Hamburg. Seit Anfang des Jahr­hunderts schreibt er über Themen aus Computer­welt und IT, aber auch aus Forschung, Fliegerei und Raum­fahrt, u.a. für Heise-Print- und Online-Publikationen. Für ihn ist SEO genauso interessant wie Alexander Gersts nächster Flug zur Inter­nationalen Raum­station. Außerdem erzählt er auch gerne Geschichten aus seiner Heimatstadt.

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