IT-Karriere in der Logistik

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Dirigenten der Warenströme

© panuwat – stock.adobe.com

Von Dirk Bongardt

Selten war der Bereich Logistik herausfordernder als heute: Mit der Corona-Krise begann im März 2020 die heikle Zeit der Lieferengpässe, mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine hat die Situation sich nochmals deutlich verschärft. Mal fehlt es an Material, mal an Frachtraum, mal an Fahrern oder Piloten. Dann wieder sind Lufträume, Wasserwege oder Straßen unbenutzbar. Von den immens ansteigenden Treibstoffkosten gar nicht erst zu reden. Güter, gleich welcher Art, von A nach B zu bringen, ist ein hartes und hochkomplexes Geschäft geworden – und eines, für das der Ausbau der Digitalisierung dringender notwendig ist als je zuvor.

Digitalisierung täte der Branche freilich auch in krisenärmeren Zeiten gut. Denn während die digitale Disruption vom Marketing bis zum Maschinenbau die verschiedensten Bereiche und Branchen durchdringt, ist die Logistik – unterwegs und im Lager – noch so etwas wie ein vernachlässigtes Stiefkind in der Digitalisierungsfamilie.

Dabei beschäftigt sich eine klassische Problemstellung der theoretischen Informatik mit einer typischen Herausforderung der Logistik: Das „Problem des Handlungsreisenden“ besteht darin, eine Reihenfolge für den Besuch mehrerer Orte so zu wählen, dass die Reisestrecke möglichst kurz ist, kein Ort mit Ausnahme des ersten mehr als einmal angefahren wird und die erste und letzte Station identisch sind. Algorithmen, die diese Herausforderung auch angesichts mehrerer hundert Stationen meistern, existieren ja bereits. Die Unvorhersehbarkeit von Unfällen, unpassierbaren Straßen, nicht termingerecht fertiggestellten Gütern oder anderen Einflussgrößen macht menschliche Nacharbeit aber bis heute unverzichtbar.

Vorhersagesysteme regeln den Transport

Gute Nachricht für Entwickler, schlechte für die Logistiker der Gegenwart: Die Potenziale, die die Digitalisierung für die Logistik bietet, sind nicht ansatzweise ausgeschöpft. „Digitalisierung in der Logistikbranche wird von vielen Verantwortlichen hierzulande immer noch einzig als ‚Prozessverbesserungsaufgabe‘ verstanden und nicht als ‚Aufgabe zur Business-Disruption und Innovation‘ – daher verschenken wir Zeit und Potenziale“, kritisiert Prof. Christopher Jahns in einem Interview mit der DVZ und ergänzt: „Ohne qualifiziertes Personal mit digitalen Kompetenzen ist die Transformation nicht zu schaffen!“

Digitale Systeme in der Logistik existieren längst nicht mehr bloß als Denkmodelle, sie stehen in vielen in der Logistik tätigen Unternehmen aber noch vor der Umsetzung. Zu wirkmächtig sind oftmals noch die – wenn auch immer wieder teilmodernisierten – eingespielten Organisationssysteme im Lager- und Transportwesen. Erst ganz langsam lösen KI-basierte Prognoseverfahren die (nicht immer) gute alte Planung mit Excel-Tabelle und Bauchgefühl ab.

MW-TuK1.2022.ID04 01.jpg Die Logistikbranche ist aufgewacht und sucht dringend IT-Experten. (Bild: SCI Verkehr/Statista)

Dabei bietet gerade ein Verfahren wie die „Predictive Supply Chain“ große Chancen. Solche Lösungen werten Daten aus eigenen und externen Quellen aus, um Entwicklungen automatisch vorherzusagen. Sie berücksichtigen dabei genauso Daten aus Produktion, Vertrieb und Marketing wie solche zu Wetter, Ferienzeiten und Verkehrssituation. Darin erkennen solche Systeme Muster, die eine Prognose benötigter Transporte, Transportmittel und Fahrzeuge erlauben. Damit erhalten Unternehmen ein Instrument, mit dessen Hilfe sie ihre Transportkapazitäten vorausschauend anpassen können.

Menschliche Erfahrung wird damit keinesfalls überflüssig. Auf Basis der von erfahrenen Disponenten getroffenen Entscheidungen lernen KI-Lösungen dazu, um später selbst Touren zu planen oder Transport- und Standzeiten zu prognostizieren. Kollege Computer profitiert also durchaus von der jahrzehntelangen Erfahrung seiner menschlichen Partner – und erleichtert ihnen mittelfristig ihre Arbeit.

KI und AR erleichtern die Lagerführung

Predictive Analytics können auch abseits von Straße und Schiene nützlich sein. Schließlich fließt auch jeder Meter, den Mitarbeiter aufgrund suboptimaler Lagerung zu viel zurücklegen müssen, in Zeitplanung und Kostenrechnung ein. In der Vergangenheit – und in vielen Unternehmen bis heute – wurden Lagerplätze auf Basis einer klassischen ABC-Analyse zugewiesen. Die basiert aber regelmäßig ausschließlich auf Daten aus der Vergangenheit und wird zudem nicht immer konsequent fortgeschrieben.

Vergibt stattdessen ein Predictive-Analytics-System die Lagerplätze, berücksichtigt es stets aktuelle Daten aus dem Warenwirtschaftssystem, den Lieferketten und verschiedenen externen Quellen. Zugleich kann das System feststellen, ob ein (wiederum ebenfalls mit Aufwand und damit Kosten verbundenes) Umlagern der Bestände in Relation zu den damit verbundenen Effizienzgewinnen voraussichtlich wirtschaftlich sinnvoll ist.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“ erschienen. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften be­kommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Eine weitere Innovation, die dem Lagerpersonal die Arbeit erheblich erleichtern kann, ist unter dem Namen „Pick by Vision“ bekannt geworden. Mitarbeiter tragen dazu eine Datenbrille, die ihnen unter Einsatz von Augmented Reality zusätzliche Informationen in ihr Blickfeld bringt. Ein Tracking-System überwacht dabei Position und Blickrichtung des Kommissionierers. Neben statischen Textinformationen zeigt ihm eine Pick-by-Vision-Brille situationsabhängig virtuelle Elemente. Per Pfeil etwa navigiert ihn das System durch das Lager bis zum gesuchten Lagerplatz, eine farbige Umrandung des aktuellen Lagerfachs kann ihm präzise zeigen, wo sich die zu kommissionerenden Teile befinden. Der Mitarbeiter muss natürlich auch selbst Daten an das dahinterstehende Warehouse-Management-System senden können. Dazu stehen, je nach Konzept, Armtastaturen, RFID- bzw. Barcodescanner oder Touchpads zur Verfügung. Der genaue Aufbau eines Pick-by-Vision-Systems hängt vom jeweiligen Kommissioniersystem ab.

IT-Karriere in der Logistik

Die genannten Beispiele sind nur ein kleiner Teil dessen, was IT für die Logistik zu leisten in der Lage ist. Autonomes Fahren, Robotik im Lager, sensorgestützte Datenerfassung in cyber-physischen Systemen, digitale Zwillinge sind weitere Schlagworte. Wer eine IT-Karriere in der Logistik anstrebt, steht einem breiten Spektrum an Herausforderungen gegenüber, benötigt aber auch entsprechend umfassende Kenntnisse und Fertigkeiten.

Zu den häufig nachgefragten Wunschkandidaten gehören Fachinformatiker in der Anwendungsentwicklung. Sie sorgen dafür, dass die in den Unternehmen eingesetzten IT-Systeme die Logistikprozesse bestmöglich unterstützen. Sie entwickeln die dafür nötige Hard- und Software, bauen Informations- und Kommunikationssysteme auf und installieren Mehrbenutzer- und Großrechnersysteme. Daneben gehört es zu ihrem Aufgabengebiet, die übrigen Mitarbeiter im Umgang mit dem von ihnen entwickelten System fit zu machen und sie bei Problemen in der Umsetzung zu unterstützen. Die Fachinformatiker organisieren dazu auch interne Schulungen und Trainingsprogramme und führen diese selbst durch.

Die Ausbildung zum Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung erfordert kein Studium, sondern ist eine klassische duale Ausbildung und dauert insgesamt drei Jahre. Wer sich auf die Logistik spezialisieren möchte, absolviert diese Ausbildung am besten gleich in einem entsprechenden Betrieb, wo er sich während der Ausbildung die fachspezifischen Kenntnisse praxisbezogen aneignen kann.

Ein weiteres Arbeitsfeld, das in der Logistik gefragt ist, ist das des Informationsmanagers. In der Logistik sind reibungslose Abläufe erfolgsentscheidend. Informationsmanager suchen nach Aufgaben und Systemen, bei denen Informations- und Kommunikationstechniken einen sinnvollen Mehrwert darstellen, und entwickeln anschließend geeignete Anwendungstechniken, um betriebliche Abläufe zu verbessern. Zu ihren Aufgaben gehört auch die Erprobung der entwickelten Strategien in der Praxis. Informationsmanager verbinden betriebswirtschaftliche Managementkompetenz mit Kenntnissen der modernen Informations- und Kommunikationstechnologien und arbeiten in Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen ebenso wie in IT-Abteilungen in Industrie, Handel und Transport.

Für die Ausübung einer Tätigkeit als Informationsmanager wird in der Regel ein abgeschlossenes fachspezifisches Studium erwartet. Für Führungspositionen in großen Logistikunternehmen kann ebenso wie für Tätigkeiten in Wissenschaft und Forschung ein Masterstudium oder eine Promotion Voraussetzung sein.

Großes Potenzial für IT-Profis

Dass in der Logistik großer Nachholbedarf in Sachen digitaler Disruption besteht, stellt den Wirtschaftszweig vor große Herausforderungen. Nach eigenen Aussagen investiert die Branche zwar intensiv in betriebliche Weiterbildungsmaßnahmen im Bereich der Digitalisierung. Trotzdem besteht ein deutlicher Bedarf an zusätzlichem qualifiziertem Fachpersonal. Diese Tatsache bietet ehrgeizigen, engagierten IT-Experten enorme Entwicklungsmöglichkeiten. Das Spektrum dieser Möglichkeiten ist enorm: Wer seinen Schwerpunkt in der Robotik oder in autonomer Mobilität sieht, findet hier ebenso Tätigkeitsfelder wie jemand, der im Bereich Augmented Reality zu Hause ist oder es versteht, Anwendungen für die Blockchain zu entwickeln.

Ich bleib nicht auf der Strecke

Die Herausforderungen der Gegenwart – vor allem Materialmängel, Lieferengpässe und eingeschränkte Transportrouten – erzeugen derzeit einen enormen Erfolgsdruck. Aber auch wenn die heutigen Krisen irgendwann Vergangenheit sein werden, wird die Logistik innovative Köpfe und deren Ideen brauchen. Denn eine effiziente Logistik ist Dreh- und Angelpunkt der globalisierten Wirtschaft.

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Dirk Bongardt hat vor Beginn seiner journalistischen Laufbahn zehn Jahre Erfahrung in verschiedenen Funktionen in Vertriebsabteilungen industrieller und mittelständischer Unternehmen gesammelt. Seit 2000 arbeitet er als freier Autor. Sein thematischer Schwerpunkt liegt auf praxisnahen Informationen rund um Gegenwarts- und Zukunftstechnologien, vorwiegend in den Bereichen Mobile und IT.


Dirk Bongardt, Tel.: 05262-6400216, mail@dirk-bongardt.de, netknowhow.de

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