MOOCs

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Karrierekick am Feierabend

© anyaberkut – Fotolia

Von Mehmet Toprak

Sie galten als Megatrend, als das nächste große Ding. Sie sollten ein goldenes Zeitalter in Studium und Weiterbildung einläuten. Dass berühmte US-Universitäten wie Stanford ihre Vorlesungen online stellen, verstärkte den Hype noch. Die Rede ist von Massive Open Online Courses, kurz: MOOCs. Diese Online-Kurse ermöglichen Tausenden von Teilnehmern, sich über das Web in einem Seminar einzuschreiben und Vorlesungen berühmter Professoren zu lauschen. Inzwischen sind die Schlagzeilen allerdings verschwunden, die Begeisterung ist verflogen. Eigentlich genau der richtige Moment, um sich das Phänomen noch einmal gründlich anzusehen. Denn es gibt die MOOCs immer noch, und die Vorteile sind immer noch bestechend – vorausgesetzt, man wählt den richtigen Kurs und studiert mit der richtigen Einstellung.

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Xtension, connected oder blended?

Bei genauerem Hinsehen sind die Unterschiede zwischen den Angeboten durchaus groß. Unterscheiden muss man zunächst zwischen xMOOCs und cMOOCs. Bei Ersteren handelt es sich um Kurse, die sich an eine beliebig große Teilnehmerzahl richten – daher das x für „xtension“. Ursprünglich sind diese Lehrgänge aus regulären Universitätskursen hervorgegangen, die nachträglich online gestellt wurden. Die Teilnehmerzahlen können hier in die Hunderttausende gehen.

Das c in der zweiten Variante steht für „connected“. Bei diesen Kursen sollen die Teilnehmer sich zusätzlich zum Lehrangebot untereinander vernetzen, Gedanken austauschen und sich so gegenseitig helfen. Daneben sprechen Experten noch von bMOOCs, wobei das b „blended“ bedeutet, hier wird also eine seminarähnliche Präsenzveranstaltung mit weiteren Online-Angeboten verknüpft.

Die besten MOOC-Adressen

Die Themen der MOOCs reichen von Klassikern wie Office-2016-Schulung, IT-Sicherheit, Präsentationen und Zeitmanagement bis hin zu Trendthemen wie App-Entwicklung oder Social-Media-Skill-Kompetenz. Also alles, was das Herz des IT-affinen Mitarbeiters begehrt. Und wer ein Start-up gründen will, findet dazu ebenfalls den passenden Kurs.

  • iversity.org ist eine europäische Lernplattform für Angebote aus beruflicher Weiterbildung und Hochschullehre. Das 2011 gegründete Angebot war ursprünglich nur als Begleitung für Unikurse gedacht, wurde aber 2012 zum MOOC umgebaut. Nach eigenen Angaben gibt es derzeit 750.000 registrierte Nutzer. Die Plattform erlaubt den Erwerb von ECTS-Punkten. Für Unternehmen bietet iversity.org auch maßgeschneiderte interaktive Online-Kurse. Die Kurse liefern neben den Vorlesungsvideos auch Übungen und Foren zum Austausch mit anderen Teilnehmern. Wer Wert auf eine Online-Prüfung mit Zertifikat legt, wählt die kostenpflichtige Variante. Zusätzlich gibt es Profikurse, die deutlich mehr kosten, aber auch auf berufliche Anforderungen abgestimmte Kursinhalte bieten.
  • OpenCourseWorld bietet kostenfreie Online-Kurse für Privatleute. Am Ende eines MOOC kann man ein Zertifikat erwerben, das dann allerdings kostenpflichtig ist. Zu Redaktionsschluss waren 15 Kurse im Angebot.
  • Das Hasso Plattner Institut zieht mit openHPI und einem breiten didaktischen Angebot an Lernvideos, Tests, Tutorials, praktischen Übungen und Hausaufgaben alle Register bei Online-Kursen. Die Teilnehmer können sich in Lernforen untereinander austauschen. Das Kursangebot reicht von Einsteigerkursen zu Internet-Themen bis hin zu Spezialthemen zu Programmiersprachen oder Security. Die Kurse sind in Deutsch oder Englisch. Auch das Themenangebot insgesamt ist sehr umfassend und vielfältig.
  • Mooin steht für „Massive Open Online International Network“ und ist eine Lernplattform der Technischen Hochschule Lübeck und ihrer Tochter Oncampus. Letztere bietet auch reguläre Bachelor- und Masterstudiengänge als Fernstudium an. Auch Mooin bietet eine große Themenvielfalt, nicht nur aus dem Bereich IT und Business. Wer will, kann nach Abschluss des Kurses eine Prüfung machen und ein ECTS-Zertifikat erwerben.
  • openSAP ist die richtige Adresse für alle, die sich in Sachen SAP weiterbilden wollen. Die Kurse entstehen in Zusammenarbeit mit dem Hasso-Plattner-Institut. Pro Woche sind etwa 90 Minuten Online-Video zu bewältigen. Hinzu kommt weiterführendes Material wie Tests, Übungen oder Hausaufgaben. Am Ende des Kurses steht eine Prüfung.
  • Die Leuphana Digital School gehört zur Universität Lüneburg. Im Gegensatz zu anderen MOOCs ist die Teilnehmerzahl hier beschränkt. Dafür werden die Lernenden individuell von Tutoren betreut. Nach erfolgreicher Teilnahme erwirbt man ein Zertifikat, das 5 ECTS-Leistungspunkten entspricht. Die Kurse sind weniger IT-zentriert, sie beschäftigen sich eher mit Themen wie Verhandlungspsychologie oder „Solutions and Innovations“.
  • OpenupEd ist eine internationale MOOC-Plattform mit Kursen unterschiedlicher Universitäten. Dementsprechend ist die Vielfalt an Themen, Sprachen und Universitäten auch enorm.
  • edX wurde 2012 in den USA von der Harvard University und dem MIT (Massachusetts Institute of Technology) gegründet. Entsprechend hoch ist der Anspruch an das Niveau der Kurse. Die MOOC-Plattform arbeitet nach eigenen Angaben mit 90 Kursanbietern aus aller Welt zusammen, darunter renommierten Hochschulen wie beispielsweise der ETH Zürich und der RWTH Aachen. Auch im Themenbereich IT, Business und Hightech gibt es ein riesiges Angebot. Die Kurse sind englischsprachig.
  • Die internationale Plattform Udacity sammelt MOOCs zu IT-Fachthemen. Die Anbieter der Kurse sind in der Regel Hightech-Konzerne wie Google, AT&T, Facebook, Salesforce oder Cloudera. Es gibt viele anspruchsvolle Kurse zu Themen wie VR, Maschine Learning, Business Analytics oder Web-Entwicklung. Gründer und Präsident von Udacity ist Sebastian Thrun; der Professor an der Stanford University gilt als einer der Pioniere des MOOC-Konzepts.
  • Auch die Technische Universität München bietet Online-Kurse an. Diese werden auf Plattformen wie Coursera veröffentlicht. Bemerkenswert ist die Initiative MOOCs for Masters. Diese Kurse sind für internationale Bewerber offen und sollen auf ein reguläres Masterstudium vorbereiten – und wohl auch überfüllte Hörsäle entlasten.

Vorteile des Online-Lernens

Im Prinzip also eine feine Sache. In einem MOOC kann der Teilnehmer die Vorlesungen renommierter Professoren und Dozenten erleben, und sei es nur als Video. Abgesehen davon, dass es in der Regel feste Zeiten für Kursbeginn und Kursende gibt, kann man sich die Vorlesungen ansehen, wann und wo man will, nach Feierabend zu Hause oder auf dem Tablet unterwegs. Man muss nicht in eine andere Stadt fahren, und nicht im überfüllten Hörsaal auf der Treppe sitzen.

Fast alle Kurse bieten zusätzlich auch Lernmaterialien oder sogar Hausaufgaben, und in der Regel gibt es auch Online-Foren, in denen man sich mit anderen Teilnehmern austauschen kann. Für nahezu jedes Thema gibt es einen passenden Kurs. Auch und gerade für IT-bezogene Weiterbildungsthemen. Plattformen wie das deutsche Hasso-Plattner-Institut haben vom Know-how für die Website-Gestaltung über den Kurs für App-Entwickler bis hin zu Social-Media-Themen so ziemlich alles im Sortiment, was im Beruf nützlich sein kann.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“ erschienen. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften be­kommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Die meisten Kurse sind zunächst kostenlos – ein riesiger Vorteil, wenn man in das Thema hineinschnuppern will und noch nicht sicher ist, ob eine lange, mühsame Ausbildung wirklich zielführend ist. Wer sich nach den ersten Lektionen einen Überblick verschafft hat und Gefallen daran findet, macht den Kurs zu Ende. Wenn nötig, kann man ja immer noch eine klassische Weiterbildung mit Prüfung und Zertifikat dranhängen.

Zur Kasse bitten die MOOC-Anbieter erst dann, wenn der Nutzer eine Prüfung absolvieren und einen Nachweis in Form von ECTS-Punkten erwerben möchte. Punkte im ECTS (European Credit Transfer and Accumulation System) sind zwar kein Zeugnis und kein Diplom, sie weisen aber nach, dass man Zeit und Energie in den Kurs gesteckt hat. Die Punkte lassen sich auf ein Hochschulstudium anrechnen. Viele Anbieter arbeiten zweigleisig. Neben der kostenlosen Variante bieten sie auch Profivarianten, in denen zahlende Teilnehmer zusätzliche Lernmaterialien, Prüfungen und Zertifikate bekommen.

Fünf praktische Tipps:
So finden Sie den richtigen Online-Kurs

  1. Bei kostenlosen Kursen kann man sich problemlos anmelden und einfach einmal reinschnuppern. Achten Sie aber darauf, ob das angebotene Material (Textvorlagen, Fotos, Videos) auch aktuell ist!
  2. Ein gutes Zeichen ist es, wenn ein Anbieter neben Gratis-MOOCs auch eine kostenpflichtige Kursvariante anbietet. Denn dann verpflichtet er sich, für das Geld der bezahlenden Kundschaft hochwertige Inhalte mit sinnvoller Didaktik zu verknüpfen. In diesem Fall lässt sich vermuten, dass auch die kostenlose Basisversion eine vernünftige Qualität bietet.
  3. Gute Kurse kombinieren Videos mit Übungen, bei denen man selbst etwas schreiben oder aufzeichnen muss. Denn der physische Akt des Schreibens oder Skizzierens hilft beim Aneignen des Lernstoffs enorm, wie der Bildungsexperte Prof. Ralf Lankau anführt.
  4. Achten Sie zudem auf die technische Qualität der Website. So sollten etwa eingebettete Elemente, beispielsweise Videos, flott starten und die Website muss auch zu hoch frequentierten Zeiten immer schnell reagieren.
  5. Ein seriöser Anbieter sollte nach Kursabschluss ECTS-Leistungspunkte vergeben. Der Teilnehmer verfügt so über einen Nachweis, dass er sich intensiv mit einem Fachthema beschäftigt hat. Außerdem kann er sich die Punkte bei einem Hochschulstudium anrechnen lassen.

Nachteile der MOOCs

Warum hat dann die Begeisterung so nachgelassen, dass Kritiker sogar spötteln, die Massive Courses seien nur „massiv gescheitert“? Das Image der Online-Kurse leidet einerseits an den sehr hohen Abbruchquoten. Angeblich brechen mehr als 90 % vorzeitig ab. Vor allem bei den Veranstaltungen, die ohne Unterstützung durch Tutoren oder Vernetzung der Teilnehmer ablaufen, geben viele schnell auf. Doch grundsätzlich liegt es ja immer am Teilnehmer selbst, ob er seine Ausbildung durchhält oder nicht. Bemängelt wird vielfach auch, dass eine echte Prüfung nicht möglich ist, weil die tatsächliche Identität der Online-Prüflinge kaum nachzuweisen sei.

Stimmt: Prüfungen, Zertifikate oder Diplome sind nicht gerade die Stärke der MOOCs. Aber auch ohne Zeugnis kann das erworbene Know-how die Karriere fördern. Wer sich beispielsweise in zukunftsträchtige Themen wie Social Media oder Datenanalyse eingearbeitet hat oder weiß, wie man die Website der Firma für Suchmaschinen optimiert, der empfiehlt sich im Unternehmen für neue Aufgaben – auch ohne Zeugnis. Insofern können MOOCs ein wichtiger Baustein bei der Karriereförderung sein.

Die Didaktik muss stimmen

Selbst die Zweifler brechen nicht gleich den Stab über die Online-Kurse. Zu ihnen zählt Dr. Ralf Lankau, Professor für Mediengestaltung und -wissenschaft an der Hochschule Offenburg. „MOOCs ohne begleitende Präsenzveranstaltungen oder ohne die Einbindung in Blended-Learning-Konzepte sind wenig sinnvoll. Aber als Teil eines Blended-Learning-Konzepts für Erwachsene können Online-Kurse sehr hilfreich sein, wenn sie didaktisch gut aufgebaut sind“, sagt der Medienspezialist. Seiner Meinung nach hängt erfolgreiches Lernen am Ende weniger „an der technischen Codierung der Lehrmedien, sondern am Lernprozess und der didaktischen Aufbereitung der Inhalte.“

Ob ein MOOC sinnvoll ist oder nicht, ist also vor allem davon abhängig, dass Aufbau und Didaktik stimmen. Stehen dann noch Tutoren in Online-Chats bereit, auf Fragen und Probleme einzugehen, sind die Aussichten gut. Natürlich sind solche Zusatzangebote selten kostenlos. Aber wer das richtige Thema und einen passenden Kurs für sich gefunden hat, der legt sein Geld gut an. Auch die Anbieter der Kurse profitieren massiv. Ist ein Kurs mit den Lernmaterialien einmal erstellt, kann er nicht nur immer wieder angeboten werden, sondern an beliebig viele zahlende Teilnehmer verkauft werden.

Schwieriger Datenschutz

Effizienter geht’s nicht. Manche Anbieter verkaufen die Lernprofile besonders erfolgreicher Studenten an Unternehmen, die auf der Suche nach Talenten sind – was allerdings die Frage nach dem Datenschutz aufwirft. Jeder MOOC birgt potenziell ein Datenschutzproblem. Wer im Netz lernt, hinterlässt Spuren. Auf den Servern des Anbieters wird registriert, wann und wie lange jemand eingeloggt ist, wie viele Fehler er bei Tests macht, wie oft er Videos unterbricht usw.

So entsteht in kurzer Zeit ein komplettes Lernprofil des Teilnehmers, das Rückschlüsse auf seine Persönlichkeit zulässt. Prof. Lankau ist gerade in diesem Punkt skeptisch. Er glaubt, dass wenn „personenbezogene Daten erhoben, ausgewertet und daraus Lern- und Persönlichkeitsprofile erstellt werden, der Kursteilnehmer als intellektuelle und psychische Persönlichkeit vollständig transparent wird, ohne sich wehren zu können.“

Ich mach mich schlau

Trotz mancher Nachteile und datenschutzrechtlicher Bedenken, MOOCs wird es auch in Zukunft geben. Gerade für Menschen, die voll im Berufsleben stehen, bieten sie die Möglichkeit, quasi nebenher, ohne Risiko und ohne großen finanziellen Aufwand Know-how zu erwerben – und damit der Karriere einen neuen Auftrieb zu geben.

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