Neue IT-Berufe

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Wir stellen ein, wer neugierig ist

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Von Sabine Philipp

Mit Computern hatten die Ingenieure von Ferchau ursprünglich wenig am Hut. Sie entwickelten brav ihre Maschinen und Getriebe für die Kunden aus der Großindustrie. Bis dann auf einmal immer mehr Kunden noch eine passende Steuerungselektronik für ihre Anlagen haben wollten. Also wurde zunächst ein kleines Team mit der Aufgabe betraut. Doch bald war der Punkt erreicht, an dem die Steuerungselektronik mit weiteren Komponenten kommunizieren sollte. Das Team wurde aufgestockt, und die Ingenieure fingen an, Schnittstellen umzusetzen und ein Bussystem zu entwerfen. Mittlerweile redet das Getriebe nicht mehr direkt mit der Steuerungssoftware, sondern diese verständigt sich über ein zentrales Bussystem mit allen Systemelementen. So kam es schließlich, dass der IT-Bereich inzwischen für 25 % des Firmenumsatzes verantwortlich ist – Tendenz steigend.

„Engineering ohne IT ist kaum noch vorstellbar“, erklärt Rolf Schultheis, Leiter Geschäftsfeld IT bei Ferchau in Gummersbach. Das Unternehmen setzt daher verstärkt auch auf Absolventen des Studiengangs Ingenieurinformatik. „Mit dem Beruf des technischen Informatikers, den es früher einmal gab, hat das aber wenig zu tun“, stellt der Diplom-Volkswirt klar. Denn der habe vor allem proprietäre IT-Lösungen für die Maschinen entworfen. Im IoT-Umfeld stellen sich aber weit umfangreichere Herausforderungen und man arbeite naturgemäß mit offenen Architekturen. „Es gibt viele Berufsfelder oder Rollen, die gerade erst entstehen, und die die unterschiedlichsten Expertisen in sich vereinen“, erläutert Schultheis. Diese Berufe lassen sich nicht mehr so einfach in Schubladen stecken, auf denen hier „IT-Experte“ und dort „Maschinenbauer“ oder „Mathematiker“ steht. Doch müssten herkömmliche Berufsbilder deshalb nicht automatisch der Entwicklung zum Opfer fallen. „Ich würde eher sagen, dass sich aktuell einfache Berufsbilder wie Techniker oder Monteur wandeln, weil sie immer komplexer werden.“

IT-Piloten am Lenkrad

Das gilt nicht nur für den Anlagenbau, auch in anderen Branchen vollzieht sich ein deutlicher Wandel. „Bei Continental gehen wir davon aus, dass Software das neue Rad der Industrie ist“, erklärt Christopher Bach, Head of Corporate Employer Branding beim weltweit agierenden Hannoveraner Automobilzulieferer. „Derzeit hat mehr als die Hälfte der Stellen, die wir hier zu besetzen haben, einen Software-Hintergrund. Dabei wird das Stellenprofil immer facettenreicher und um Themen wie Artificial Intelligence, Big Data und IT-Security ergänzt.“

Schon heute sei vieles möglich, was früher noch als reine Zukunftsmusik galt. So können beispielsweise bestimmte Funktionen des Fahrzeugs benutzerfreundlich über Apps gesteuert und überwacht werden. „Das Auto von morgen wird eine Art Computer mit Sensoren sein, die fühlen, schmecken, hören und riechen können. Um das umzusetzen, suchen wir Leute mit den unterschiedlichsten Jobprofilen wie beispielsweise Funktions- und Algorithmenentwickler, Integrator, Software-Tester, Software-Architekt oder technischer Projektleiter.“

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Schwarz auf weiß
Dieser Bei­trag erschien zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“. Einen Über­blick mit Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Neuerdings sind auch im Geschäftsbereich Interior zunehmend Software-Entwickler gefragt, und zwar in der Abteilung Gamification. „Die Displays und Navigationssysteme stellen immer höhere Ansprüche an Nutzerfreundlichkeit, Grafik, Geschwindigkeit und Design“, erläutert Bach. Allerdings entspricht das Jobprofil weniger dem Typ des hochspezialisierten Gaming-Nerds. Vielmehr werden teamfähige und anpassungsfähige IT-Experten gesucht: „Wir werden in Zukunft im Bereich Software auch immer mehr Mitarbeiter benötigen, die Fähigkeiten im Projektmanagement mitbringen, und die in der Lage sind, zwischen dem Business und den IT-Bereichen zu dolmetschen.“ Um an die Fachkräfte zu kommen, bildet Continental deshalb auch gerne Studienabbrecher zu Fachinformatikern aus.

Entwickler für den Wandel

Auch der Hightech-Verband Bitkom sieht vor allem bei den Anwenderbranchen, wie beispielsweise im Automobilbau, die Nachfrage stark anwachsen. Wie Verbandspräsident Thorsten Dirks auf einer Telefonpressekonferenz am 30. September 2015 konstatierte, gibt es hier mit 25.500 offenen Stellen sogar noch einen größeren Bedarf als bei den reinen ITK-Unternehmen mit 17.500 offenen Stellen. Im vergangenen Jahr sei vor allem die Nachfrage nach Software-Entwicklern gestiegen: „Mehr als jedes vierte Unternehmen, das IT-Experten sucht, gibt an, Software-Entwickler einstellen zu wollen. Das ist eine Verdreifachung seit 2013 und stellt eine direkte Folge der digitalen Transformation dar“, erklärte Dirks.

Unternehmen würden nicht mehr nur in vorgefertigte IT-Lösungen investieren, um bestimmte Geschäftsprozesse wie etwa ein Customer Relationship Management oder eine Supply-Chain-Lösung zu digitalisieren. „Die Geschäftsmodelle der Unternehmen selbst verändern sich, die Digitalisierung verändert mit der zunehmenden Vernetzung immer mehr die Produktion und erreicht sogar das Produkt an sich. Unternehmen aus traditionellen Branchen werden zu Digitalunternehmen, die verstärkt Digitalkompetenzen im eigenen Unternehmen benötigen.“

Logfiles und Lötkolben

Doch weder ist IT-Expertise allein im Bereich Entwicklung gefragt, noch beschränkt sich die Suche nach qualifizierten Fachleuten auf das produzierende Gewerbe allein. So bestätigt eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB), dass die zunehmend digitalisierte Arbeitswelt von ziemlich allen Erwerbstätigen künftig verstärkte IT-Qualifikationen verlangt. Besonders im verarbeitenden Gewerbe, in der Dienstleistungsbranche und nicht zuletzt auch im Handwerk gibt es immer mehr sogenannte IT-Mischberufe. In Zukunft müssen nicht nur Ingenieure und Techniker, sondern auch Anwender im kaufmännischen Bereich, in der Verwaltung, bei Wirtschaftsprüfungs- und Consulting-Unternehmen über fundierte IT-Kompetenzen verfügen.

Um die immer komplexer werdende Infrastruktur zu realisieren, auszubauen und instand zu halten, sind zunehmend auch IT-Fachkräfte im Handwerk gefragt. Bernd Dechert, Geschäftsführer Technik und Berufsbildung im Zentralverband der Deutschen Elektro- und Informationstechnischen Handwerke (ZVEH) bemerkt dazu unmissverständlich: „Im Elektronikhandwerk gibt es kaum einen Bereich, der nichts mit IT zu tun hat.“ Das gehe natürlich mit einem steigenden Mehraufwand einher, der sich nicht allein mit Fachkräften aus den einschlägigen Bildungswegen bewältigen lasse. Dafür tun sich aber auch für Nichtakademiker gute Chancen auf, etwa im Bereich der intelligenten Vernetzung von Wohn- und Geschäftsgebäuden.

Nicht zuletzt spielt das Thema Sicherheit eine zentrale Rolle. Je mehr die deutsche Wirtschaft den digitalen Wandel umsetzt, desto größer werden die potenziellen Angriffsflächen für Cyberkriminelle, Industriespione und Geheimdienste. Über alle Branchen hinweg ist der Bedarf an IT-Sicherheitsexperten im vergangenen Jahr drastisch angestiegen. „Sicherheitsexperten sind auch deshalb besonders gefragt, weil immer mehr Unternehmen auf Cloud-Lösungen und mobile Anwendungen setzen, die natürlich noch einmal ganz andere und neue Anforderungen an die Sicherheitsarchitektur der IT stellen“, erklärt dazu Bitkom-Präsident Thorsten Dirks.

Fazit: Mir steht die Welt offen

Dass die Berufschancen für IT-Experten in den letzten Jahren recht attraktiv sind, ist nichts Neues. Doch noch nie waren die Einsatzgebiete so weit gestreut und auf so viele Branchen verteilt wie heute. Ob Quereinsteiger mit fundierter Ausbildung oder erfahrene Profis, die auf neue Einsatzgebiete neugierig sind, clevere Allrounder werden in allen Wirtschaftssparten dringend gesucht. Wer bereit ist dazuzulernen, hält alle Trümpfe in der Hand.

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