RZ-Markt

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Sachstand deutsche Datacenter

© Borderstep – Allianz Digitale Infrastrukturen

Von Ariane Rüdiger

Rechenzentren werden für die ökonomischen Geschicke des Landes immer wichtiger, aber die RZ-Branche scheint sich dieser Bedeutung nicht ganz gewiss zu sein. Diesen Schluss könnte man aus einer Studie von Borderstep und der eco-Allianz Digitale Infrastrukturen ziehen, die im Sommer 2018 erschienen ist (Ralph Hintemann, Jens Clausen: „Bedeutung digitaler Infrastrukturen in Deutschland. Sozioökonomische Chancen und Herausforderungen für Rechenzentren im internationalen Wettbewerb“). Gleichzeitig nutzen Anwender mit immer größerer Selbstverständlichkeit auch externe Clouds, um geschäftsrelevante Workloads laufen zu lassen.

In der Rechenzentrumsbranche und den angrenzenden Bereichen sind laut der Borderstep-Erhebung, die viele vorhandene Studien auswertet und um andere Daten, etwa aus Interviews, ergänzt, rund 200.000 Menschen beschäftigt. Davon arbeiten 130.000 direkt in den Rechenzentren, bei Zulieferern sind rund 80.000 Menschen tätig. Rund 100 Mitarbeiter braucht man, um 1000 m² IT-Fläche zu bewirtschaften. Zum Vergleich: 2018 beschäftigte die Metall- und Elektroindustrie in Deutschland rund 4 Millionen Menschen, die Solarindustrie 2017 rund 36.000 und die Kohleindustrie knapp 21.000 Menschen.

Ein Markt mit Gewicht

Die Rechenzentrumsbranche hat bedeutende Effekte auf Zulieferer, beispielsweise wurde in die Gebäudeausstattung im Jahr 2017 mehr als 1 Milliarde Euro investiert, für RZ-Hardware gaben die Betreiber mehr als 7 Milliarden Euro aus. Infrastrukturen wie Internet-Knoten, Kolokationsrechenzentren etc. erwirtschafteten 26,5 Milliarden Euro, grundlegende Service- und Applikationsplattformen (SaaS, PaaS, IaaS) rund 3,7 Milliarden Euro. Das liegt unter anderem an der Ansiedlung internationaler Cloud-Anbieter, die in Deutschland wegen der strengen Datenschutzanforderungen investieren – deutsche Anwender wollen ihre Daten innerhalb der eigenen Grenzen aufbewahren. So dringend ist dieses Anliegen anscheinend am Ende aber doch nicht, zumindest dann nicht, wenn Sicherheit Geld kostet: Microsoft musste sein Angebot einer speziell gesicherten Deutschland Cloud inzwischen wegen mangelnder Nachfrage abkündigen.

Allgemein wächst der Markt aber vor allem wegen Cloud Computing – so sollen die Workloads, die in traditionellen RZ bearbeitet werden, jährlich um 5 % abnehmen, während die Cloud-Workloads pro Jahr um 22 % wachsen. Und wer eigene Ressourcen betreibt, tut das in Zukunft zunehmend beim Kolokateur. Der Anteil der Colocation-Anbieter an der gesamten IT-Fläche soll bis 2020 auf 45 % steigen (2015: 25 %).

MW-KommRZ1.2019.ID09-Digitale-Infrastruktur-Borderstep-Flaechen.jpg IT-Flächen in deutschen Rechenzentren (in m²): Colocation Datacenter erhöhen perspektivisch ihren Anteil an der in Deutschland vorhandenen RZ-Fläche. (Bild: Borderstep/Allianz Digitale Infrastrukturen)

Hinsichtlich des Umsatzes der gesamten Internet-Wirtschaft beruft sich Borderstep auf eine Studie aus dem Jahr 2016, die für 2015 ein Marktvolumen von 72,6 Milliarden Euro angibt. 2018 sollten es nach derselben Untersuchung bereits mehr als 100 Milliarden Euro sein – inwieweit dies zutrifft, lässt sich nicht beurteilen. Als jährliche Wachstumsrate werden 12 % genannt.

Die RZ-Branche als Universalmotor

Die Borderstep-Studie betont die grundsätzliche Bedeutung der Rechenzentren und der an sie gekoppelten Internet-Dienstleistungen für nahezu alle Branchen. Ihr Funktionieren bilde die Basis für die durch die Digitalisierung möglichen neuen Geschäftsmodelle. Geschätzt wird, diesmal unter Berufung auf eine McKinsey-Studie aus dem Jahr 2017, dass durch Digitalisierung (und damit durch die Leistungen von Rechenzentren) eine zusätzliche Wertschöpfung von etwa 500 Milliarden Euro jährlich bis 2025 und 5 Millionen neuer Arbeitsplätze möglich seien. Als wichtige Bereiche in diesem Zusammenhang sieht Borderstep künstliche Intelligenz, Connected Cars und autonomes Fahren, IT im Gesundheitswesen sowie die Industrie 4.0 zusammen mit dem Internet of Things. Bis 2021 soll die Zahl der M2M-Geräte in Deutschland, die von Maschine zu Maschine über das Internet kommunizieren, auf 450 Millionen Stück steigen.

MW-KommRZ1.2019.ID09-Digitale-Infrastruktur-Borderstep-Wirtschaftsindex.jpg Die IKT-Branche geht bei der Digitalisierung voran, das Gesundheitswesen hängt nach, auch bei Verkehr und Logistik ist noch deutlich mehr drin. (Bild: Borderstep/Allianz Digitale Infrastrukturen)

Der Digitalisierungsgrad der Branchen unterscheidet sich allerdings erheblich. Wenig überraschend stürmt die IKT-Branche den Zahlen von 2017 zufolge mit 78 % voran, das Gesundheitswesen hängt mit 37 % nach. Werte zwischen 40 und 50 % erreichen Energie- und Wasserversorgung, Maschinenbau, Chemie und Pharma, der Fahrzeugbau, andere verarbeitende Branchen sowie Verkehr und Logistik.

Regionale Datacenter sind wichtig

Um RZ-Dienstleistungen auch in der Fläche zu verbreiten, spielen nach Meinung von Borderstep regionale Rechenzentren eine wichtige Rolle. Der Grund dafür: Sie genießen aus Sicht der Anwender größeres Vertrauen. Gerade unter noch nicht so hoch digitalisierten Unternehmen sei dabei auch die physische Erreichbarkeit eines Rechenzentrums des eigenen Dienstleisters wichtig. Als weitere wichtige Aspekte werden Kunden- und Branchenverständnis sowie eine partnerschaftliche Zusammenarbeit genannt. Unternehmen, die bei der Digitalisierung schon weiter sind, komme es dagegen vor allem auf einen hohen Automatisierungsgrad an.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Magazin­reihe „Rechen­zentren und Infra­struktur“. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften bekommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Die Studie befasst sich auch damit, was den Rechenzentrumsmarkt in Deutschland hemmt. Dabei konstatiert sie zunächst, dass der Anteil Europas und Deutschlands an den weltweiten RZ-Kapazitäten und an Workloads, die dort bearbeitet werden, im Vergleich zu Nordamerika und Asien stetig abnehme. Das weltweite Wachstum bei Rechenzentren spiele sich vor allem außerhalb Deutschlands ab. Hyperscaler mit Investitionen im Milliardenbereich pro Datacenter bauten in Deutschland kaum. Das überrascht eigentlich nicht, denn es spielen sicher gerade in Asien auch geringere Erschließungsgrade in Flächenländern wie Indien sowie wachsende Bevölkerungen eine wichtige Rolle.

Deutschlands Anteil an der europäischen RZ-Fläche gibt die Borderstep-Untersuchung unter Berufung auf Daten aus dem Jahr 2015 mit 25 % an, was damals eine Führungsposition bedeutete. In Frankfurt am Main befindet sich bekanntlich ein europaweit führender und auch weltweit bedeutender Hotspot der RZ-Branche, wozu auch die Rolle des DE-CIX als Internet-Knoten beiträgt.

Altbekannte Hindernisse

Hinderlich wirken sich laut Borderstep für die Entwicklung des deutschen RZ-Marktes mehrere Faktoren aus: Altbekannt sind die Lücken in der Breitbandausstattung, die auch nach immerwährenden Beteuerungen von Bundesregierungen aller Couleur nicht wirklich behoben wurden. Dominierend ist allerdings als Negativfaktor der hohe Strompreis. Er ist in Deutschland für RZ-Betreiber nahezu doppelt so hoch wie anderswo. Der Grund: Ausnahmen von der EEG-Umlage gelten in Deutschland vor allem für Großverbraucher wie produzierende Unternehmen aus der Aluminiumbranche, die im internationalen Wettbewerb gestützt werden sollen. Inzwischen profitieren aber auch viele Großverbraucher von der Erleichterung, die mitnichten ein Exportproblem haben. Die fehlenden Beiträge dieser Firmen zur Energiewende werden dann den übrigen Netzteilnehmern, darunter RZ-Betreibern und anderen Mittelständlern, aufgebürdet. Und dies, obwohl Industriestrom für die Großen immer billiger wird.

MW-KommRZ1.2019.ID09-Digitale-Infrastruktur-Borderstep-Standortfaktoren.jpg Die hohen Strompreise werden im Ländervergleich 2018 als wichtigster Standortnachteil der deutschen RZ-Branche genannt. (Bild: Borderstep/Allianz Digitale Infrastrukturen)

Borderstep und die Allianz Digitale Infrastrukturen fordern, wenig überraschend, letztlich politische Maßnahmen, um die RZ-Industrie europa- und weltweit wettbewerbsfähig zu halten: weniger Bürokratie, mehr RZ-Forschung, geringere Strompreise für die RZ-Branche, mehr Breitbandausbau und anderes mehr.

Gleichzeitig weist die Studie auch darauf hin, dass man nicht einfach zusehen dürfe, wie die Stromverbräuche der RZ-Industrie ungebremst ansteigen. 2016 flossen immerhin 12,4 TWh (Milliarden kWh) in RZ-Strom, 2018 betrug der Anteil von Rechenzentren am Gesamtverbrauch in Gewerbe, Handel und Dienstleistungen schon 8,3 %, Tendenz steigend – 10 % seien 2020 durchaus denkbar. Höhere Effizienzen werden dabei durch mehr Kapazität wieder aufgezehrt.

Mehr Beiträge zur Energiewende!

Umso mehr komme es darauf an, dass auch die Datacenter Beiträge zur Energiewende leisten – erstens mit weiteren Einsparungen durch hocheffiziente IT-Systeme, zweitens durch die energetische Sanierung der Klimatechnik von Bestandsrechenzentren. Des Weiteren sollte laut Borderstep die Abwärme von Rechenzentren besser genutzt werden. Das Potenzial dafür schätzt die Studie auf 10 TWh. Allerdings müssen dafür oft Heizsysteme oder die Abwärmebehandlung geändert werden: Heizsysteme müssen auf niedrige Vorlauftemperaturen, unter Umständen ergänzt durch Wärmepumpen vor Ort, aufgerüstet, Wärmeströme ebenfalls durch erzeugernahe Wärmepumpen höher erhitzt werden. Derartige Implementierungen haben derzeit noch Seltenheitswert, sind aber in anderen Ländern, etwa Dänemark, schon weit verbreitet.

Schließlich, so Hintemann und Clausen, könnten Rechenzentren, die mit entsprechenden, zum Dauerbetrieb fähigen und mit den nötigen Genehmigungen versehenen Notstromanlagen ausgerüstet sind, auch einen Beitrag zur Stabilisierung des Stromnetzes leisten. Das verlange nur überschaubare Investitionen, generiere aber Erlöse, die diesen Invest relativ zügig amortisieren. Zudem werde das Notstromaggregat durch regelmäßiges Hochfahren, wenn zu wenig Energie im Netz ist und es deshalb vom Strombezug der RZ entlastet werden muss, häufiger getestet und damit zuverlässiger.

Aus Sicht der Anwender

So weit also die Sicht der RZ-Betreiber. Doch wie sieht die andere Seite der Anwender das Thema Rechenzentren in Deutschland? Dazu legte IDC erst im Februar aktuelle Zahlen vor (Multi-Client-Studie „Data Center Ressourcen in Deutschland 2019“). Im Mittelpunkt der jährlich wiederholten Untersuchung standen diesmal die Themen Automatisierung, Skalierung, Effizienz und Workloads. Befragt wurden 210 deutsche Unternehmen.

In der Wahrnehmung der Anwender gibt es drei Prioritäten bei der RZ-Nutzung: die Einführung digitaler Prozesse und Geschäftsmodelle, IT-Sicherheit (jeweils 33 % Nennungen bei drei möglichen) und den Einsatz moderner IT-Hardware, -Software und -Services (29 %). Die Kostensenkung steht bei dieser Befragung nur noch auf Platz 5 der Prioritätenliste (23 %).

Im Rechenzentrum werden entsprechende Technologien und Methoden eingesetzt: 51 % verwenden Analytics, 49 % modernisieren die IT-Architektur, 46 % konsolidieren sie und 41 % sind dabei, Automatisierung und Datacenter-Management zu verbessern. Dazu gehört auch, dass das ehemalige Buzzword SDI (Software-defined Infrastructure) allmählich in den Unternehmen ankommt. Immerhin 27 % nutzen die Technologie seit mehr als zwölf Monaten in Produktivsystemen, 34 % evaluieren sie und 39 % sind in diesbezüglichen Diskussionen oder Planungen begriffen. Was verspricht man sich davon? Vor allem einen einfacheren und stärker automatisierten IT-Betrieb (28 %), weniger Personalbedarf (27 %) sowie mehr Sicherheit durch Automatisierung (26 %).

MW-KommRZ1.2019.ID09-IDC DataCenter Trends in Deutschland 2019-SDI.jpg Software-defined Infrastructure kommt in den Rechenzentren an. (Bild: IDC)

Zudem ist die Cloud nun endgültig angekommen – neun von zehn Befragten haben eine Cloud-Strategie, 80 % nutzen tatsächlich Cloud-Dienste, nur 12 % betreiben reine traditionelle Non-Cloud-Umgebungen. Immerhin 24 % verwenden inzwischen drei und mehr unterschiedliche Cloud-Services. Die Dienste von Kolokateuren nehmen rund 23 % der Befragten in Anspruch, 30 weitere Prozent planen das. Gut die Hälfte der befragten Firmen wird also demnächst die eigene Infrastruktur in einem fremden Gebäude betreiben.

Colocation schlägt eigenes RZ

Die Argumente für Kolokation, die aktuelle oder zukünftige Nutzer ins Feld führen, klingen schlagend: Die Hälfte der Befragten nennt eine bessere Ausnutzung der IT-Ressourcen, 43 % ist der geringere Mitarbeiterbedarf wichtig, 41 % freuen sich über skalierbare Bandbreite und 38 % auf die Möglichkeit, durch die gute Vernetzung des Kolokationsrechenzentrums zwischen unterschiedlichen Providern wählen zu können. Demgegenüber interessieren die Baukosten, die eingespart werden, nur noch 17 %.

MW-KommRZ1.2019.ID09-IDC DataCenter Trends in Deutschland 2019-Colocation.jpg Schon über 50 % nutzen heute Kolokation oder wollen es demnächst tun. (Bild: IDC)

Neben Cloud und Colocation gewinnt auch Open Source weiter an Boden. Mehr als zwei Drittel der Befragten setzen Open-Source-Software ein. Anwender loben vor allem ihre Flexibilität (37 %) und die eingesparten Lizenzkosten (36 %). Vorteile, die zwischen 20 und 26 % der Anwender nannten, waren die Rolle von Open Source als Bestandteil der digitalen Transformation, offene Standards, schnelle Entwicklungszyklen, die Vermeidung eines Vendor Lock-ins und die Attraktivität einer Open-Source-Strategie für neue Mitarbeiter.

Wandel macht erfinderisch

Als Fazit lässt sich zusammenfassen, dass das Cloud-Paradigma langsam, aber sicher den Umgang deutscher Unternehmen mit ihrer IT und den Rechenzentren verändert: Das eigene RZ könnte mittelfristig zum Auslaufmodell werden, genau wie proprietäre Hard- und Softwaremodelle. Cloud-Strategien sind mittlerweile wohl eine Selbstverständlichkeit, und es wird immer üblicher, seine IT bei einem in Infrastrukturangelegenheiten unschlagbar erfahrenen Kolokateur unterzustellen.

Dabei spielen Vorteile wie Flexibilität, Auslastung, Providervielfalt etc. heute eine wichtigere Rolle als die Kosten. Legt man dies zugrunde, kann es weder RZ-Nutzern noch der RZ-Branche in Deutschland in nächster Zeit allzu schlecht gehen – auch wenn der Umgang mit einigen Faktoren wie den hohen Strompreisen sicherlich schwierig ist. Andererseits sind sie vielleicht auch ein Grund, sich auf anderen Gebieten wie etwa der Wärmerückgewinnung etwas mehr einfallen zu lassen und damit wiederum auf dem Weltmarkt zu punkten.

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