DATABUND-Forum 2013, Teil 2

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Entwicklung braucht Planungssicherheit

Von Sabine Philipp und Eduard Heilmayr

Den Kaffeebecher noch in der Linken begrüßten die Teilnehmer des Berliner DATABUND-Forums 2013 Matthias Kammer, der das Programm des zweiten Tages eröffnete. Wer unter der Überschrift „Brauchen wir für das digitale Zeitalter eine neue Werteordnung?“ eine Sonntagsrede erwartet hatte, wurde bald eines Besseren belehrt. Der Direktor des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) packte gleich konkrete Zahlen auf den Tisch, die aus zwei aktuellen SINUS-Studien stammen: der Milieustudie vom Februar 2012 und der Entscheiderstudie zu Vertrauen und Sicherheit im Internet vom Februar 2013.

Die Untersuchungen zur Typologie der digitalen Gesellschaft wollten wissen, wie sich die Option auf Teilnahme am digitalen Leben auf den Lebensalltag der Menschen auswirkt. Dazu ordnete das durchführende SINUS-Institut die Nutzer verschiedenen Milieus und Lebenswelten zu – mit sehr aufschlussreichen Ergebnissen. So gibt es z.B. weiterhin einen großen Teil der Bevölkerung, der das Internet rundheraus ablehnt. Allerdings, so Kammer, können sich auch die Internet-Verweigerer nicht ganz entziehen, denn im Hintergrund laufe „so gut wie nichts mehr ohne Digitalität“.

Komplexität erfordert Vertrauen

In einem sozialphilosophischen Exkurs ging Matthias Kammer auf die zentralen Begriffe Vertrauen und Sicherheit im Internet näher ein: „Wir vertrauen in all das, was wir nicht richtig verstehen. Denn wenn ich etwas verstanden habe, brauche ich nicht zu vertrauen, weil ich weiß, was das ist.“ Schützenhilfe zu diesem Verständnis leistet der verstorbene Bielefelder Soziologe und Systemtheoretiker Niklas Luhmann, der Vertrauen als „Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität“ beschrieb. Um die Welt zu verstehen, sind wir auf Vertrauen angewiesen. Sicherheit sei in gewisser Weise eine Möglichkeit, Vertrauen zu schaffen. Zu unterscheiden sei dabei zwischen subjektiver und objektiver Sicherheit. So könne sich jemand subjektiv sicher in einer objektiv absolut unsicheren Lage fühlen: „Sicherheit ist, in einer von Luhmann gewählten Sprache, ,das Maß an vertretbarem Risiko, das man in Kauf nimmt‘.“

Kammer schloss mit einem Ausblick auf laufende und künftige Studienprojekte. So sei bereits ein Vorhaben in Arbeit, das sich mit der Fragestellung beschäftigt, ob wir überhaupt einen digitalen Kodex brauchen und wie sich soziale Normen entwickeln. Zu einer anderen Erhebung, die das Verhalten von Kindern und Jugendlichen zwischen neun und 24 Jahren untersucht, gab Kammer eine Art Sneak Preview in die ersten qualifizierten Interviews: Während die Jugend die unbezahlte Mitnahme einer CD im Laden der analogen Welt als kriminell ansieht, sieht sie nicht ein, dass man beim Herunterladen derselben Musik im digitalen Internet dafür bezahlen soll. Die Studie soll noch vor der CeBIT 2014 veröffentlicht werden. Eine dritte Studie soll sich mit der Frage auseinandersetzen, ob das Grundgesetz für die digitale Zeit überhaupt tauglich ist.

Standards und kein Ende

Damit war die Zeit für den Mann gekommen, auf den viele gewartet hatten: Ulrich Schlobinski, Vorstandsvorsitzender des DATABUND e.V. nahm sich die „Standards in der kommunalen Wirklichkeit“ zur Brust und stellte das Positionspapier des Verbands zur Standardisierung in der öffentlichen Verwaltung vor.

Das hat in weiten Teilen den Charakter eines (unerledigten) Pflichtenhefts. Insgesamt, so Schlobinski, habe sich die Standardisierung verselbständigt – Marktteilnehmer würden wieder weniger einbezogen und fühlten sich entsprechend hilflos. Ebenso kritisierte Schlobinski, dass es einen neuen Standard nur gebe, wenn eine Behörde ihn anfordert, der Prozess dauert dann oft mehrere Jahre – für IT-Belange viel zu lange. Nicht zuletzt beanstandet der DATABUND, dass „aus unserer Sicht zu viele Prozesse standardisiert“ werden. Man solle sich darauf beschränken, Fachdaten zu standardisieren. Der Grund: Daten ändern sich im Normalfall über die Jahre nicht. Die Prozesse seien dagegen beweglich.

Damit hatte Schlobinski gut vorgelegt, sodass sich Frank Steimke von der Koordinierungsstelle für IT-Standards (KoSIT) in der Pflicht sah, für gute Zusammenarbeit zu werben. Sein Vortrag „XÖV – Standardisierung auf dem Weg in die Praxis?“ ging von der Arbeit in der Bremer Verwaltung aus, wo die KoSIT als Organisationseinheit zwei Aufgaben hat: erstens IT-Standards für die öffentliche Verwaltung zu entwickeln und zweitens deren Entwicklung zu koordinieren. So betonte er, dass die KoSIT lediglich Vorschläge unterbreite, aber selbst nicht die Entscheidung treffe, welche Erweiterung auf die Standardisierungsagenda kommt. Zur Kritik, dass die Standardisierung viel zu komplex und zu teuer sei, wusste Steimke anzumerken, dass die IT-Anforderungen insgesamt explodieren und dass die Prozesse des Datenaustauschs, die der Gesetzgeber verlangt, immer komplexer werden. Er ging auch darauf ein, dass es falsch sei, die Prozesse und nicht die Daten zu standardisieren:

„Ich glaube, dass XÖV-Standards dringend erforderlich sind, um ein abgestimmtes Verständnis der Prozesse überhaupt erst mal zu erreichen. Im Bereich des Meldewesens hatten wir vor der Existenz des Standards XMeld schon seit Jahren eine statische Beschreibung der Datenfelder. Sie waren standardisiert. Sie sind es immer noch. Aber wir sind nicht vorangekommen.“

Vorangekommen sei man erst in dem Moment, als man im KoSIT begann, den Prozess der Rückmeldung zu standardisieren. Er erlebe dabei aber auch, wie schwierig es ist, sich auf dieses Verständnis zu einigen. Der eigentliche Grund sei, dass die Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten von Bund und 16 Bundesländern bei einem bundesweiten Standard immer unglaublich schwierig sei. Das sollte man aber nicht der Standardisierung anlasten.

Gute Chancen für eine Zusammenarbeit sieht Steimke in der Qualitätssicherung bei der Entwicklung und Einführung von Standards bzw. bei der Änderung eines bereits bestehenden Standards. Es müsse eine interne Qualitätssicherung der geänderten Modelle geben, idealerweise durch eine separate Gruppe nach dem Vieraugenprinzip. Insbesondere bei der Auswahl der Testfälle müsse es eine Zusammenarbeit geben.

Man könne sich im Rahmen der Tagung jedenfalls darauf einigen, dass der derzeitige Zustand durchaus optimierungsfähig sei. Zugleich nahm Steimke die Gastgeber in die Pflicht, als er sich vom Branchenverband eine aktivere Rolle wünschte. Ideal sei es, wenn man als Entwickler oder Betreiber von Standards nicht mehr mit einzelnen Verfahrensherstellern, sondern mit zwei Branchenverbänden sprechen könne. Er wisse auch, dass es bei manchen Mitspielern in der Verwaltung durchaus Vorbehalte gibt; dort werde die Frage nach der Legitimation der Verbände gestellt und was mit den Verfahrensherstellern sei, die weder dem einen noch dem anderen Verband angehören.

So schloss dieser Programmpunkt in versöhnlichem Ton: „Wir haben von unserer Seite ein großes Interesse zusammenzuarbeiten.“. Gute Chancen, das auszuprobieren, sah Steimke im Umstand begründet, dass die KoSIT ab Januar 2016 für die Standards der Innenverwaltung im Bereich Meldewesen, Personenstandswesen und Ausländerwesen insgesamt zuständig sein wird. „Wir arbeiten derzeit an Konzepten, wie wir das wahrnehmen, und ich würde mich sehr freuen, wenn wir die Zusammenarbeit zumindest in diesem Bereich verbessern können.“

Mit integrativem Ansatz

Letzter Redner vor der Podiumsdiskussion war Stephan Hauber vom DATABUND. Die Antwort auf das Vortragsthema („Integration von Kommunalsoftware: Fluch oder Segen?“) liegt irgendwo in der Mitte: „Auf alle Fälle ist die Situation die, dass wir eine ganze Reihe von verschiedensten Fachverfahren haben, die alle mehr oder weniger separat entstanden sind.“ Diese Fachverfahren haben sich in den letzten Jahren massiv verändert. Außerdem gebe es im Bereich der Technik immense Veränderungen, nicht zuletzt durch das Internet. Die Folge: „Zum Teil gerät die Fachlichkeit in den Hintergrund“ und es sei gar nicht so einfach, die Entwicklung synchron zu halten.

Als fruchtbar für die Argumentation erwies sich auch hier der Blick zurück in die Praxis. Wenn man in die Verwaltung hineinschaue, sehe man, dass sich dieses Ressortdenken in zarten Ansätzen bereits auflöse. Außerdem, so Hauber, sei es dem Bürger letztlich egal, wie sich Verwaltung organisiert: „Er will hingehen und sein Problem gelöst haben.“ Aus dieser Situation heraus müsse man den Sachbearbeiter möglichst in die Lage versetzen, mehr Aufgaben zu lösen. Hinzu kommen Faktoren wie die steigenden Kosten. „Wir müssen uns auch Gedanken über eine effiziente Softwareentwicklung machen“, sagte Hauber, der sich vorstellen kann, dass alles, was nicht fachbezogen ist (wie z.B. der Transport), vor die Klammer gezogen wird.

Serie: DATABUND-Forum

  • Teil 1 beginnt 2013 mit den eID-Funktionen des neuen Personalausweises und führt direkt zum Datenschutz. Teil 2 knüpft mit der Frage nach Vertrauen und Sicherheit im Web an und schildert die heftige Diskussion um Standards.
  • 2014 ging es in Köln darum, was Bürger und Unter­nehmen von E-Behörden er­warten und ob die kommunale ITK ent­sprechend aufgestellt ist.
  • 2016 stand die „digitale Gewaltenteilung“ im Fokus, und der DATABUND stellte sein „Hemer Manifest“ vor.
  • 2017 fand das Forum in Hamburg statt: Teil 1 des ausführlichen Vortragsberichts beginnt mit dem Onlinezugangsgesetz, in Teil 2 erklärt dann Prof. Dr. Thorsten Siegel die Konditionen des kommenden Portalverbunds. In Teil 3 holt Stephan Hauber zu einem Rundumschlag aus: Er sagt, wie eine vernünftige Aufgabenstelllung aussehen sollte, und skizziert die weitere Entwicklung auf dem Markt für Kommunalsoftware.
  • 2019 in München waren das Onlinezugangsgesetz und der anvisierte Portalverbund das Hauptthema. Für die Kommunen wird die Umsetzung nicht ganz einfach werden.

Fazit: Praktisch denken, Lösungen finden

Die notwendige Zusammenarbeit von Entwicklern, Anwenderämtern und Planungsbehörden ist freilich eine Aufgabe, bei denen selbst gestandenen Männern der Mut sinken kann. Als Hauber noch einmal zur Ausgangsfrage zurückkehrte, erklärte er: „Spätestens bei Schwarz oder Weiß wird jeder sagen, dass es kein Schwarz oder Weiß gibt. Es gibt unendlich viele Graustufen dazwischen. So ist das bei der Integration.“ Der DATABUND habe auf der CeBIT seine Mütze in den Ring geworfen, was auf Kundenseite sehr begrüßt worden sei. „Ich hoffe nun, dass es uns gelingt, gemeinsam diesen integrativen Ansatz umzusetzen.“

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Eduard Heilmayr war acht Jahre lang Chefredakteur bei „Markt & Technik“, anschließend dort im Verlagsmanagement tätig. 1992 gründete er die AWi Aktuelles Wissen Verlagsgesellschaft mbH in München, die IT-Fachmagazine wie „LANline“, „Windows NT“, „Unix Open“, „Inside OS/2“ und „Electronic Embedded Systeme“ publizierte. Nach dem Verkauf des Verlags gründete er 2004 Delphin Consult. Neben meist mehrjährigen Projektarbeiten für renommierte Medienunternehmen wie Heise oder techconsult publiziert Heilmayr für rund 4000 Leser regelmäßig den redaktionellen Newsletter „Kommunale ITK“, der im MittelstandsWiki eine eigene Rubrik hat.

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