Freelancer in Festanstellung

Aus MittelstandsWiki
Version vom 18. Dezember 2021, 07:21 Uhr von FEichberger (Diskussion | Beiträge) (Durchsicht)
(Unterschied) ← Nächstältere Version | Aktuelle Version (Unterschied) | Nächstjüngere Version → (Unterschied)
Wechseln zu: Navigation, Suche

Schluss mit der Ich-AG

Von David Schahinian

Freiheit, Freiheit – ist das Einzige was zählt. Viele Freelancer dürften diese Hymne von Marius Müller-Westernhagen aus Überzeugung mitsingen. Die Zeilen sind aber schon mehr als 30 Jahre alt, und die Welt hat sich seitdem weitergedreht. Es kann einige Gründe dafür geben, die Freiheit vielleicht doch ein Stück weit aufzugeben und sich (wieder) eine Festanstellung zu suchen. Die Pandemie ist einer davon: Viele Unternehmen mussten drastische Sparmaßnahmen einleiten und Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, um finanziell über die Runden zu kommen. Zahlreiche Projekte wurden auf „nach Corona“ verschoben oder gleich ganz verworfen.

Natürlich sind die Branchen sehr unterschiedlich davon betroffen. Für IT-Spezialisten stehen die Chancen gut, erneut mit an Bord zu sein, wenn die Wirtschaft wieder Fahrt aufnimmt. Einer Umfrage des Technologiedienstleisters Solcom zufolge, die unter 1174 Freiberuflern zwischen August und Oktober 2020 durchgeführt wurde, deutet sich zumindest nicht an, dass die Pandemie Freiberufler in Scharen in die Festanstellung treibt. Mehr als 80 % gaben an, auch nach Corona Freelancer bleiben zu wollen, lediglich 2 % wollten das ändern. Währenddessen nutzten sie die Zeit vorrangig für Weiterbildung und/oder hielten sich mit staatlichen Hilfen über Wasser. Sofern sie überhaupt betroffen waren, was (damals) weniger als die Hälfte der Befragten von sich sagte.

Gewichtige Gründe für eine Festanstellung

Die Entscheidung, das Freelancer-Dasein aufzugeben, trifft man wohl auch nicht einfach völlig unvermittelt, ihr liegen meist langfristigere Überlegungen zugrunde. In der Regel spielt dabei mindestens einer der drei folgenden Faktoren eine Rolle.

  1. Das Geschäftsmodell, mit dem man bislang eigentlich ganz gut gefahren ist, funktioniert nicht mehr. Wenn wichtige Auftraggeber dauerhaft weggebrochen sind oder es sich abzeichnet, dass der eigene Tätigkeitsschwerpunkt nicht mehr gefragt ist, sinken die Einnahmen zwangsläufig. Sicher, man kann das Business neu ausrichten, an die Marktgegebenheiten anpassen oder vielleicht sogar neue Einsatzfelder ausloten. Wer aber bereits lange dabei und vielleicht auch nicht mehr der oder die Jüngste ist, mag den Elan für den anstrengenden und kräftezehrenden Prozess des Resets nicht mehr aufbringen wollen. Die Akquise ist ohnehin etwas, mit der sich viele Freiberufler schwertun, auch wenn dies im IT-Bereich aufgrund der generellen Marktlage nicht so schwer ins Gewicht fällt. Für manche ist auch das Drumherum über die Akquise hinaus – die Bürokratie, der Organisations- und Verwaltungsaufwand – einfach zu viel. Sie haben das Gefühl, vor lauter Papierkram und den zunehmenden Dokumentationspflichten zu wenig Zeit zu haben, um sich zielstrebig und effizient mit der Arbeit zu beschäftigen, für die sie brennen.
  2. Sicherheit ist für viele ein weiterer Grund, sich mit einem Angestelltendasein anzufreunden. Ein gewisser Peter beschreibt das in einem Online-Kommentar auf der Website der Unternehmerin, Bloggerin und Autorin Svenja Hofert ziemlich treffend aus persönlicher Perspektive: „Endlich wieder freie Wochenenden, bezahlten Urlaub und Krankheitstage, abends Zeit mit meiner Familie und/oder für ein Feierabendbier. Keine lästige Steuerarbeit mehr, Rechnungen schreiben, Terminierungen etc.“ Für viele eingefleischte Freelancer überwiegen die Vorteile einer eigenverantwortlichen Arbeitsform, aber auch die Argumente von Peter sind nachvollziehbar. Wer selbstständig arbeitet, arbeitet eben doch oft nicht nur „selbst“, sondern auch „ständig“. Für ein mehr an Sicherheit ist mancher auch bereit, bei den Einnahmen Einbußen hinzunehmen.
  3. Und nicht zuletzt verschieben sich im Laufe eines (Arbeits-)Lebens mit der Zeit die Prioritäten. Wer sich nach dem Studium als digitaler Nomade wohlfühlte und seine Freiheiten genoss, denkt womöglich anders über seine Work-Life-Balance, wenn Kinder zu versorgen oder Familienangehörige zu pflegen sind. Da können Aspekte wie geregelte Arbeitszeiten, ein festes Einkommen und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wie Musik in den Ohren klingen.
ITuK1.2021.gesamt.neu.jpg
Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“ erschienen. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften be­kommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Überzeugen statt rechtfertigen

Der Weg in eine Festanstellung ist für IT-Freelancer nicht unbedingt leicht zu beschreiten – und womöglich noch schwieriger zurückzulegen. Zum einen setzen Unternehmen gerade deswegen gerne Freie ein, weil sie fixe Personalkosten nicht dauerhaft tragen wollen oder die Expertise des Freelancers eben nur für ein bestimmtes terminiertes Projekt benötigen. Zum anderen schauen Personaler immer noch besonders kritisch hin, wenn sie einen Freiberufler bei der Bewerbung auf eine feste Stelle vor sich sitzen haben. Warum hat er keine Aufträge mehr bekommen? Hat er eventuell keine Lust mehr, sich richtig reinzuknien? Und wie steht es mit seiner Erfahrung damit, weisungsgebunden zu arbeiten? Oder vielleicht gar: Ist der Bewerber persönlich gescheitert?

Freelancer dürfen sich von solchen Bedenken aber auf keinen Fall einschüchtern lassen, und sie müssen sich auch beileibe nicht rechtfertigen. Wer solche Fragen fürchtet, sollte sich bewusst machen: Die HR-Abteilung hat nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen, um einen dann systematisch in die Pfanne zu hauen. Sie hat augenscheinlich ein großes Interesse an der Bewerberin oder dem Bewerber – will aber verständlicherweise keine Fehlentscheidung treffen.

Zukünftige Ex-Freelancer sollten also überzeugend erklären können, warum sie sich für eine Veränderung entschieden haben, und unmissverständlich die Bereitschaft zeigen, in vielen Bereichen dazuzulernen. Doch immerhin können sie mit Fähigkeiten punkten, die sie schon erfolgreich unter Beweis gestellt haben. Dazu können etwa ein belastbares Organisationstalent, starke Kundenorientierung und vielfach erprobte Eigeninitiative zählen. Des Weiteren könnte auch das professionelle Netzwerk, das sie sich über Jahre aufgebaut haben, für den potenziellen Arbeitgeber von Interesse sein.

Es gibt nicht nur Schwarz und Weiß, auch das sollte bei dem Weg in eine Festanstellung bedacht werden. Für IT-Freelancer, die in ihren Projekten schon stark in Unternehmensabläufe eingebunden waren, ist der Sprung und das Risiko nicht so groß.

Insbesondere die zunehmende Flexibilisierung der Arbeitsformen und die Digitalisierung spielen ihnen zudem in die Hände. Orts- und zeitunabhängiges Arbeiten sowie mehr Eigenverantwortlichkeit sind bei vielen Arbeitgebern mittlerweile gang und gäbe. Allerdings: So frei wie als Freier wird man in Anstellung nie sein.

Vom Hausbüro ins Homeoffice

Ist der Vertrag letztendlich unterschrieben? Normalerweise würde jetzt Kuchen backen und ordentlich Einstand feiern auf der Agenda stehen. Es ist aber aktuell meist nicht anders möglich, als das sogenannte Onboarding virtuell durchzuführen. Für ehemalige Freelancer kann das kurios sein: Saßen sie zuvor zu Hause am Rechner, sitzen sie nun ebenfalls zu Hause am Rechner – nur, dass die gewohnte lockere Arbeitsumgebung jetzt das Homeoffice eines Festangestellten ist. Das wird sich im Laufe des Jahres (hoffentlich) wieder ändern, aber für den Moment ist es zu akzeptieren, dass man seine Kolleginnen und Kollegen nur über den Bildschirm kennenlernen kann. Im Extremfall hat man sogar noch keinen einzigen Angestellten des Unternehmens persönlich getroffen. Dabei stellen gerade der Ablauf der Einstellung sowie die ersten Tage und Wochen die Weichen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Experten empfehlen beim Onboarding aus dem Homeoffice, bereits die Vorlaufzeit gut zu nutzen. Es können gleich schon mal Formalitäten geklärt und grundlegende Informationen zum Start, beispielsweise zum Verlauf der ersten Arbeitswoche(n), gegeben werden. Auf diese Weise lassen sich auch erste Kontakte knüpfen und verfestigen. In einer solchen Situation ist es besonders wichtig, die Einarbeitungsphase gut vorzubereiten. Schließlich ist in den eigenen vier Wänden niemand im Raum nebenan. Zumindest niemand, den man schnell einmal zu unternehmensspezifischen Angelegenheiten fragen könnte.

Willkommenskultur hilft beim Einstieg

Zu den praktischen Vorbereitungen für den Einstieg ins Unternehmen zählen die rechtzeitige Einrichtung von Zugängen und Kommunikationsmitteln sowie am besten ein Plan für die ersten Wochen, wenngleich der nicht akribisch durchgetaktet sein muss. Die fachliche und organisatorische Einarbeitung wird kaum von heute auf morgen zu erledigen sein, ein erster freundlicher – wenn auch zunächst nur virtueller – Kontakt kann aber vieles für beide Seiten leichter machen. „Wenn möglich, machen Sie zusammen mit dem Mitarbeiter einen virtuellen Rundgang durch Büroräume und Kaffeeküche“, rät der Personaldienstleister Adecco allen Arbeitgebern, die Wert auf eine gute Zusammenarbeit mit den neuen Mitarbeitern legen. So könnten sie bei dem oder der „Neuen“ das Gefühl verstärken, willkommen zu sein.

Wichtiger als ausgefeilte Organigramme und allzu viele detaillierte Informationen über Workflow und Projektabläufe sind jedoch Informationen über die tatsächlichen Zusammenhänge und Netzwerke in einem Unternehmen. „Wer ist für was zuständig? Wer sind die wichtigsten Ansprechpartner? Wie sieht es mit agilem Arbeiten aus?“, zählt der Software-Anbieter HRworks einige typische Fragen in der Orientierungsphase auf. Klare Antworten darauf verschaffen neuen Kolleginnen und Kollegen einen guten Überblick und damit auch mehr Sicherheit. Und auch wenn Videokonferenzen den persönlichen Kontakt nicht ersetzen können: Als Zwischenlösung sind sie durchaus gut geeignet, um erste Fachgespräche zu führen.

Als hilfreich hat sich außerdem erwiesen, Neuzugängen einen Paten oder Mentor für die ersten Wochen zuzuordnen sowie sie zu Calls der für sie maßgeblichen Abteilungen einzuladen. „Mäuschen spielen“ vermittelt erste Eindrücke von der Atmosphäre und dem Ton in einem Unternehmen. Wenn sich der Vorgesetzte dann noch Zeit nimmt, persönliches Feedback einzuholen und sich darum zu kümmern, ob noch etwas fehlt, steht einer gedeihlichen Zusammenarbeit nichts mehr im Wege. Gegebenenfalls kann das auch eine andere Führungskraft übernehmen. Zumindest beim Jobantritt sollte ein Gespräch jedoch Chefsache sein. Hat dieser nicht einmal die Muße, am ersten Tag „Hallo“ zu sagen, sagt das schon einiges aus. Doch wohl kaum Gutes.

Das pack ich an

Mögen die Gründe für einen Umstieg vom freien, selbstbestimmten Arbeiten zu einer mehr oder weniger abgesicherten festen Anstellung auch bisweilen recht unterschiedlich sein, die Entscheidung fällt wohl kaum einem routinierten, an seine über lange Zeit eingespielten Arbeitsabläufe gewohnten Freelancer leicht. Der – pandemiebedingt – anfangs womöglich wenig spürbare Statuswechsel sollte auch nicht über die anstehenden gewöhnungsbedürftigen Veränderungen hinwegtäuschen. Doch die Chancen, die sich für beide Seiten ergeben, wenn erfahrene Freiberufler in ein innovationsorientiertes Unternehmen eintreten, sind vielfältig und lohnen es, die Sache – wie immer – mit vollem Einsatz anzugehen.

David Schahinian neu.JPG
David Schahinian arbeitet als freier Journalist für Tageszeitungen, Fachverlage, Verbände und Unternehmen. Nach Banklehre und Studium der Germanistik und Anglistik war er zunächst in der Software-Branche und der Medienanalyse tätig. Seit 2010 ist er Freiberufler und schätzt daran besonders, Themen unvoreingenommen, en détail und aus verschiedenen Blickwinkeln ergründen zu können. Schwerpunkte im IT-Bereich sind Personalthemen und Zukunftstechnologien.

Nützliche Links