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Version vom 16. März 2017, 15:33 Uhr

Wer Chancen nicht nutzt, fällt zurück

Von Prof. Günther H. Schust im SCOPAR-Beratergremium

Die Deutschen sind eine vom Erfolg der Nachkriegsentwicklung verwöhnte und inzwischen langweilige Gesellschaft geworden. Statt mit neuen Ideen und Tatkraft die Welt in Staunen zu versetzen, läuft Deutschland immer mehr Gefahr, immer stärker zu einem „Museum für Arbeit und Technik“ zu werden, in dem die sozialen und technischen Errungenschaften des ausgehenden 19./20. Jh. gepflegt werden. Wohlstand, Arbeitsplätze, Renten, Gesundheit wollen wir sichern etc., wissen aber heute schon genau, dass dies nicht mehr möglich ist – bei dem Schuldenberg den wir haben.

Es ist allerhöchste Zeit, dass die Deutschen sich bewusst werden, welche verheerenden Konsequenzen diese Risikoscheu für die Gesellschaft hat.

Die Deutschen müssen Neues zulassen und sich aktiv an der Rettung des Globus beteiligen, statt ängstlich von der Zuschauertribüne aus zuzusehen, wie die Welt sich verändert. Dazu gehört Neugierde und Mut zur Veränderung. Das Prinzip „Verantwortung“ für die kommende Generation gilt nicht nur für vermiedene Risiken, sondern auch für vertane Chancen. Ich sehe jedenfalls die reale Gefahr, dass die junge Generation für das zahlen muss, was heute versäumt und ängstlich verhindert wird.

So hat die deutsche Kfz-Industrie (mit der amerikanischen) die nachhaltige Reduzierung der CO₂-Emissionswerte für Pkw und Lkw über mehr als 40 Jahre ignoriert und verhindert. „CO₂-neutrales Wachstum“ war und ist in Deutschland für die meisten Verantwortlichen ein Fremdwort.

Kreativität komplett verdrängt

Der Wettbewerb der Nationen ist heute schon ein Wettbewerb um Kreativität und um „helle Köpfe“. Diesen Wettbewerb werden wir nicht mehr gewinnen, wenn wir ständig all jenen, die ihn gehen wollen, erklären, wie risikoreich der Weg ist.

Musterbeispiel: ein Entwickler und Forscher wie Herr Frank Ruff bei Daimler, der immer noch nicht begreift, dass komplett benzin-/dieselgetriebene Fahrzeuge Auslaufmodelle sind, weil das Öl weniger bzw. immer teuerer und bald für die meisten nicht mehr bezahlbar sein wird. Wenn ich lesen muss, dass Autokonzerne erst die Zukunft erforschen müssen, obwohl die gleichen Probleme schon vor 40 Jahren bekannt waren, ohne dass sie gelöst wären, dann ist dies kein Ruhmesblatt für die deutschen Autobauer. 40 Jahre Ignoranz für unsere Umwelt!

Audi bringt 2010 mit 5,14m × 2,40 m die längste und breiteste Oberklasselimousine auf den Markt und freut sich, dass diese mit 1,8 t um 20 % weniger Treibstoff benötigt. Obwohl kein Führer dieser Fahrzeuge sich nach der EWG-Messnorm mit 50/80/100 km/h auf unseren Straßen bewegt. Abgasneutrale Antriebstechnologien und Verkehrsnetze einfach verschlafen bzw. in der Schublade liegen lassen – immer größer, immer schneller war und ist die Devise.

Was nicht ist, wird nicht gekauft

Deutsche Hersteller hinken bei Hybrid- und Elektrocars (die auch für den Normalverdiener erschwinglich sind) weit hinterher. Laut einer Aral-Studie achten inzwischen bereits zwei Drittel der Autokäufer auf den CO₂-Ausstoß. Ingenieure die sich mehr Gedanken machen über PS-Zahlen, Komfort, Fahrwerk und Entspannung im Auto als über energieneutrale Verkehrsnetze – das gibt schon zu denken. Vor allem wenn die Staukilometerzahlen immer mehr zunehmen und wenn die Industrie ihre Studien dafür hernimmt, um die Hoch-PS-Fahrzeuge im dichten Straßenverkehr von Peking zu rechtfertigen.

Die deutschen Ingenieure wollen nicht einsehen, dass das Auto (Pkw und Lkw) in der heutigen Form seine Berechtigung verliert. Wir hätten schon längst abgasfreie Autos, wenn es nicht maßgebliche Leute gäbe, die aktiv den umweltgerechten Wandel verhindern. Deutsche Ingenieure machen sich eher Gedanken um automatische Notbremsung, Abstandsradar und führerlose Fahrzeuge. Bain & Company hat sogar festgestellt, dass die Autoindustrie die Affinität der Kunden zu batteriebetriebenen Autos massiv unterschätzt, wenn sie immer wieder behauptet, dass der Kunde keine umweltfreundlichen Autos kaufe. Tja, wenn man keine günstigen abgasfreien Fahrzeuge produziert, kann man auch keine kaufen.

Autobauer scheuen Wettbewerber

Auch deutsche Ingenieure müssen endlich eine Lanze brechen für eine „grüne Automobiltechnik“! Immer noch rennen sie mit Ihren Modellen alter, umweltschädlicher Technik nach. Davon wird unsere Umwelt nicht CO₂-ärmer. Im Gegenteil: Die Werte nehmen eher zu, da in allen Schwellen- und Entwicklungsländern der Welt der Autoabsatz mit alter Technik in zweistelligen Raten zunimmt.

Der Zukunftsdenker Shai Agassi von Better Place besuchte mit seiner Idee des Elektroautos, bei dem der Standardakku bei Wechsel-/Ladestationen geleast werden kann, so dass flächendeckend gute Reichweiten erzielt werden können, die Chefetagen unserer deutschen Automobilfirmen – wurde aber überall abgewiesen. Jetzt setzt er seine Pläne mit Renault-Nissan in Israel und Dänemark um. Die Automobilfirmen in Deutschland sind einfach nicht in der Lage mit Wettbewerbern zusammenarbeiten.

Doch die Zeit drängt. VW macht mit Suzuki einen zarten Ansatz. Denn sie wissen, dass ihre Entwicklungs- und Herstellungskosten in ungeahnte Höhen steigen werden, da das Auto der Zukunft komplett neu konzipiert und produziert werden muss.

Einstellung zu Auto und Umwelt radikal ändern

Eine Regierung findet in der Bevölkerung und Industrie, umso mehr Beifall, je weniger sie den Bürgern und Managern Neuerungen zumutet – z.B. abgasfreie Fahrzeuge. Innovationen – und indirekt auch neue Arbeitsplätze – werden aber bestimmt von der Aufgeschlossenheit der Bevölkerung gegenüber neuen Technologien und dem Umfeld der Forschung und Entwicklung. Immer noch glaubt ein Drittel der Deutschen, dass der globale Fortschritt das Leben schwieriger macht: „Es steht zu befürchten, dass in Deutschland eine Generation von Innovationsverweigerern heranwächst“, sagt Hans Reich, Vorstandsvorsitzender der KfW-Gruppe.

Heute sind aber „grüne“ Technologien und Dienste die treibende Kraft für die starke Expansion des Welthandels und der Direktinvestitionen. Damit wird eine neue Dimension der Globalisierung erreicht.

Dr. Christian Malorny, Autoexperte bei McKinsey, rechnet bei den Autoherstellern mit verstärktem Arbeitsplatzabbau bzw. -verlagerungen (siehe Daimler und BMW, die Werke in Russland und China bauen), da zur Erfüllung der CO₂-Regularien der EU bis 2020 (das Jahr wurde auf Drängen der deutschen Automobilindustrie um zehn Jahre verschoben!) Mehrkosten von 200 Mrd. Euro zu erwarten sind. Um den CO₂-Ausstoß der EU-weit zu verkaufenden Neuwagenflotten wie verlangt um 40 % bis 2020 zu senken, kommen pro Fahrzeug Mehrkosten von über 2000 Euro bzw. bei Nichterfüllung saftige Strafzahlungen auf die deutschen Hersteller zu.

Fazit: Wenn nicht wir, dann die anderen

Das Problem ist keine Frage, die sich ein karitativ-ökologisches Mäntelchen umhängt, sondern eine nach der führenden Position der deutschen Automobilindustrie in der Zukunft. Diese Position droht verloren zu gehen. Die Chinesen (auch die Inder) werden in der Zukunft nicht warten, bis wir in Europa uns den Luxus leisten, endlich Elektrofahrzeuge zu fahren, sondern sie werden selbst Elektrostückzahlen produzieren, die die deutschen Hersteller weit in den Schatten stellen werden. Die Umweltverschmutzung und die Umweltkatastrophen in China machen dies schnellstens notwendig. China ist mit 7,5 Mio. Fahrzeugen bald der größte Produzent der Welt. Plan ist, bis 2020 mehr als die Hälfte aller Fahrzeuge mit Elektromotor und neuer Antriebstechnologie anzutreiben.

Der Leidensdruck der Umwelt in Deutschland und Europa muss offenbar noch viel größer werden, bevor die meisten Verantwortlichen in diesem Lande umweltbewusster denken und schnellstens handeln. Sie tun es für sich, uns und unsere Nachkommen. Der Globus dreht sich auch ohne Menschen weiter.

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