Green Energy studieren

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Ingenieure der Nachhaltigkeit

Von Mehmet Toprak

Ben E. hat sein Studium geschmissen. Nach drei Semestern Maschinenbau an der Hochschule in Hamburg hatte er genug. Doch an der Hochschule ist er geblieben, seit dem Sommersemester 2019 studiert er jetzt Regenerative Energiesysteme und Energiemanagement. Wenn er erzählt, was er studiert, erntet er wohlwollende Blicke. „Bei diesem Studiengang ist das gute Gewissen gleich mit eingebaut“, sagt er und lacht. Er hat auch gut lachen, denn der Arbeitsmarkt empfängt ihn mit offenen Armen. Die Kombination aus grüner Denke, Ingenieurs-Know-how und Mathematik ist in der Arbeitswelt eine begehrte Qualifikation.

Schwierige Namensuche

Der Trend spiegelt sich auch in den Angeboten der Universitäten, Hochschulen, Fachakademien und Weiterbildungsinstitute wieder. Studiengänge mit Fokus auf erneuerbare Energien haben nahezu alle im Portfolio. Interessierte müssen manchmal nur ein bisschen suchen, denn die Institute verwenden oft unterschiedliche Begriffe für das Thema. Bei der FH Westküste heißt es „Green Energy“, bei der Uni Bielefeld „regenerative Energien“, und bei der Uni Dresden sind die erneuerbaren Energien ein Teil von „Environmental Engineering“. Meist tragen die Studiengänge schon den Begriff Energie im – mitunter englischen – Namen, beispielsweise der Bachelor Energie und Umwelttechnik an der Hochschule Düsseldorf, der Master in Power Engineering mit seinen Renewable-Energy-Technology-Modulen an der TU München, der Master Energiesystemtechnik in Bochum oder der Master Energiesystemtechnik an der Westfälischen Hochschule (Gelsenkirchen, Bocholt, Recklinghausen).

Gemeint ist im Kern aber immer das Gleiche: Die Weiterentwicklung und das Management von erneuerbaren Energien sowie die Integration in die Infrastruktur der Energieversorgung. Spannend wird das Studium auch dadurch, weil – im Gegensatz zu Klassikern der Sorte Maschinenbau oder Informatik – alle Themen rund um Nachhaltigkeit und erneuerbare Energie noch relativ neu sind. Auch die Hochschulen müssen das erst einmal für sich verstehen und strukturieren, bevor sie es in einen Studiengang packen. Die Absolventen dürfen sich dafür nachher als begehrte Spezialisten betrachten.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“ erschienen. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften be­kommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Zugeordnet ist das Themenfeld Energie in der Regel den technischen Fakultäten, in denen auch Studiengänge wie Maschinenbau, Informatik und Elektrotechnik zuhause sind. Oft wird der Lehrbetrieb auch gemeinsam von der wirtschaftswissenschaftlichen und der technischen Fakultät unterhalten.

Ein Green-Energy-Studium ist prinzipiell bereits in allen Varianten möglich: zum Bachelor of Engineering (B.Eng.) oder Bachelor of Science (B.Sc.), als Master (M.Eng. bzw. M.Sc.), als duales Studium, als Einzelmodul im Studiengang Elektrotechnik oder als berufsbegleitende Fortbildung. Ein Bachelorstudium dauert sechs oder sieben Semester, nach drei oder vier weiteren Semestern hat man den Master in der Tasche. Wer aus einem anderen Fach kommt und den Master anstrebt, benötigt meistens ECTS-Punkte in einem ingenieur- oder wirtschaftswissenschaftlichen Fach. Einige Hochschulen haben einen Numerus clausus eingeführt.

Themen und Studieninhalte

In der Regel beginnt ein Green-Energy-Studium mit den Grundlagen, die man aus Ingenieurwissenschaften und Maschinenbau kennt. Dazu gehören Mechanik, Chemie, Elektrotechnik, Mathematik und Werkstofftechnik. Hinzu kommen Mess- und Regelungstechnik oder Automatisierung. Darauf baut dann die Beschäftigung mit den erneuerbaren Energien auf: Sonnen- oder Windenergie, Geothermie, Wasserkraft und Biogas. Alle Studiengänge bieten im weiteren Verlauf die Möglichkeit, besondere Schwerpunkte zu setzen. Das könnte beispielsweise die Energiespeicherung sein oder die Fotovoltaik. Oder auch die Wasserwirtschaft. Oft haben die Hochschulen auch eigene Labore, in denen die Studenten Projekte durchführen und erproben. Praktika oder die Teilnahme an energiewirtschaftlichen Projekten sind fast immer fester Bestandteil eines Studiengangs, manche Unis verlangen auch ein Vorpraktikum vor Studienbeginn.

Serie: Green Energy studieren
Mehmet Toprak hat recherchiert, welche Hochschulen Studiengänge für angehende Smart Energy Manager, Umwelt­techniker etc. anbieten. Nach einer ersten Übersicht konzentriert sich Teil 1 dieser Serie auf Nordrhein-Westfalen und den Westen Deutschlands. Teil 2 nimmt sich dann die Studiengänge in Süddeutschland vor.

Der auf den Bachelor aufsetzende Master beginnt in der Regel mit einigen Wochen, in denen die ingenieurwissenschaftlichen Grundlagen aufgefrischt und intensiviert werden, worauf dann die Vertiefung auf Spezialgebiete folgt, im Hochschulsprech meist „Modul“ genannt. Das kann Energiesystemtechnik sein, regenerative Versorgungstechnik oder auch das Management erneuerbare Energien.

Egal, welches Modul oder welcher Studiengang, Englischkenntnisse sind immer vonnöten, allein um die zahlreichen englischsprachigen Fachtexte zu verstehen. Manche Unis bieten dafür spezielle Englischklassen an.

Gesetzgeber und Arbeitgeber

Das wachsende Angebot ökologisch orientierter Studiengänge ist nicht nur eine Reaktion auf die gesellschaftliche Diskussion im Zeichen des Klimawandels. Auch die Politik macht Druck. So wurde 2017 das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nachgeschärft. Netzbetreiber sind beispielsweise verpflichtet, EE-Anlagen vorrangig an ihr Netz anzuschließen. Bis 2025 sollen 40 bis 45 % des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien stammen. Bis 2035 sollen es 55 bis 60 %, 2050 dann schon mindestens 80 % sein. Logischerweise erfordert der Umstieg von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien jetzt schon beträchtliche Anstrengungen – und Investitionen in entsprechend ausgebildete Fachkräfte.

Mein Beitrag zur Zukunft

Wer im Anschluss an das Studium nicht direkt bei einem Energieversorger einsteigen will, findet derzeit bei den vielen Forschungsinstituten Anstellung. Dort gibt es spannende Projekte oder Modellversuche, die innovative Konzepte bei regenerativen Energien demonstrieren bzw. testen. Natürlich sind Energiespezialisten auch bei Architekten- und Ingenieurbüros oder bei Behörden willkommen. Janina, die ihren Abschluss vor zwei Jahren gemacht hat, ist heute viel unterwegs und erstellt Gutachten über die Sicherheit von Windenergieanlagen. Johannes sitzt meist vor dem PC und entwickelt Fotovoltaikmodule. Matthias hat sich selbstständig gemacht und arbeitet als Energieberater. Und Ben E. Hamburg könnte sich zum Beispiel vorstellen, als Berater bei der Energiewende zu helfen. Die Entscheidung für das grüne Studium hat er jedenfalls nicht bereut. Und dass das gute Gewissen schon eingebaut ist, ist ja auch eine feine Sache.

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