Konvergente Dienste

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Wer behält die Kunden?

Von Dr. rer. nat. Jürgen Kaack, STZ-Consulting Group

Seit den frühen Jahren der IP-basierten Telekommunikation taucht das Schlagwort „Konvergenz“ immer wieder auf. Wirklich umfassende Dienste lassen aber immer noch auf sich warten. Dabei ist die Zeit mehr als reif dafür.

Was genau sollen konvergente Dienste leisten – und wem nutzen sie? Werden die heutigen Mobilfunknetzbetreiber die Verlierer sein? Werden Konvergenzdienste den Telekommunikationsmarkt grundlegend verändern?

Explodierende Kommunikation

Bis in die 1980er-Jahre hatte der durchschnittliche Europäer einen privaten und fallweise einen geschäftlichen Telefonanschluss, dazu als „Nachrichtensystem“ bestenfalls einen Anrufbeantworter. Durch Fax und die Verbreitung von ISDN-verdoppelte sich die Anzahl der Anschlüsse. Erst seit der Einführung der digitalen Mobilfunknetze nach dem weltweiten GSM-Standard ab Anfang der 1990er-Jahre stieg die Anzahl alternativer Kommunikationswege sprunghaft an. Mittlerweile ist klar, dass selbst bei einer Mobilfunkdurchdringung von 100 % der Gesamtbevölkerung das Ende des Wachstums noch nicht erreicht ist.

Zeitgleich mit der Verbreitung des Mobilfunks stiegen Akzeptanz und Nutzung des Internets; heutzutage sind leistungsfähige Breitbandzugänge bereits Standard. Zu den eher sprachorientierten Diensten sind damit die datenorientierten Kommunikationswege neu hinzu gekommen, z.B. SMS und E-Mail; hinzu kommen jetzt außerdem Instant Messaging (IM) und Chat als synchrone Kommunikationsmittel.

Mittlerweile ist Sprachkommunikation über das Internet nach einem der VoIP-Protokolle (vorwiegend SIP) auch für den breiten Markt verfügbar. Die derzeitigen Lösungen ermöglichen nicht nur die Kommunikation innerhalb einer Internet-Community, sondern über Netzübergänge (Gateways) in öffentliche Telekommunikationsnetze (PSTN) auch Anrufe zu jedem Teilnehmer mit einem Festnetz- oder Mobilfunkanschluss.

Zählt man die heute durchaus gängigen Dienste zusammen, so kommt man also leicht auf sechs unterschiedliche Kommunikationswege – und somit auch auf sechs verschiedene Rufnummern. Bei privater und geschäftlicher Nutzung verdoppelt sich dies noch einmal.

Hinzu kommt noch: Es erhöht sich gleichzeitig die Möglichkeit, gerade abwesenden Gesprächspartnern eine Nachricht zu hinterlassen. Hierfür gibt es neben den netzinternen Mailbox-Systemen, die grundsätzlich von jedem anderen System aus abfragbar sind, auch gerätespezifische Lösungen. Man kann davon ausgehen, dass bei sechs Kommunikationszugängen sechs unterschiedliche Systeme Nachrichten erfassen.

Konvergenz bedeutet nichts anderes, als alle diese Möglichkeiten unter einen Hut zu bringen – ein ehrgeiziges Ziel.

Möglichkeiten und Varianten

Konvergenz zwischen verschiedenen Übertragungswegen und Diensten kann in ganz unterschiedlicher Weise erfolgen. Dies ist auch der Grund, warum der Konvergenzbegriff in der Diskussion nicht einheitlich gehandhabt wird. Die Bandbreite der möglichen Umsetzung reicht von einer Tarifvariante ohne eine technische Verknüpfung der Dienste bis zur vollständigen Integration der Netzinfrastrukturen.

Folgende Konvergenztypen werden für die weitere Betrachtung unterscheiden:

  • virtuelle Konvergenz (Tarifvarianten und Rufweiterleitung),
  • Konvergenz der Anschlussnetze (Fest- und Mobilfunknetz),
  • Zusammenführung der Sprachtelefonie und der zugehörigen Rufnummern über Netzgrenzen in Mobilfunk und Festnetz hinweg,
  • Konvergenz im Messaging (SMS, MMS, IM),
  • Unified Messaging als Konvergenzdienst zur Nachrichtenverwaltung (Voicemail, E-Mail, Fax, Kalender, Directory etc.) sowie
  • Triple Play als Möglichkeit zur Einbindung von Medieninhalten.

Bisherige Entwicklungen

Die steigende Komplexität der Kommunikation hat schon früh zu Überlegungen geführt, wie sich die Nutzung vereinfachen ließe. Die wesentliche Zielrichtung ist die Vereinfachung für den Anrufer, indem die Anzahl der Anschlüsse und der Nachrichtensysteme reduziert wird.

Homezone: Festnetz und Mobilfunk

Bereits Mitte der 1990er-Jahre tauchte der Begriff „Konvergenzdienste“ zum ersten Mal in größerem Umfang auf. Damals bezog sich der Konvergenzansatz primär auf die Zusammenführung von Mobil- und Festnetzdiensten. Bei näherem Hinsehen entpuppten sich diese Ansätze als Tarifvarianten, die eher die Substitution von Festnetzanschlüssen durch Mobilfunk fördern sollten. Ein Vorreiter dieser Entwicklung war die damalige VIAG Interkom (heute O₂) mit dem „Homezone“-Ansatz bzw. dem „Genion“-Tarif. Für bestimmte Zielgruppen, z.B. besser verdienende Singles, ist diese Option sicher interessant.

Nicht mit dabei sind allerdings Internet und Fax (das jedoch ohnedies an Bedeutung verliert). Zwar ist ein Internet-Zugang auch über UMTS möglich, allerdings mit derzeit noch eingeschränkter Bandbreite und höheren Kosten.

Rufweiterleitung per 0700

Ein weiterer Versuch wurde mit den 0700er-Rufnummern unternommen. Die Idee ist die Einrichtung einer Rufnummer, die an eine Person gebunden ist und nicht an einen Anschluss oder ein Gerät. Mit diesem Dienst können mehrere Anschlüsse verknüpft werden, egal ob es sich um Mobilfunk- oder Festnetzanschlüsse handelt.

Ein Nachteil dieses Dienstes sind – neben den Wartezeiten bei der Rufweiterleitung – die höheren Kosten, die der Angerufene bei Weiterleitung von Anrufen über Netzgrenzen hinweg tragen muss sowie die Komplexität bei der Einrichtung und beim Management der Rufweiterschaltungen. Der Nutzer muss entscheiden, wann und unter welchen Bedingungen der Ruf an welchen Anschluss oder eine Mailbox weitergeleitet werden soll. Fehler im Routing-Plan führen unweigerlich zu Fehlleitungen. Die Akzeptanz dieses an sich durchaus sinnvollen Dienstes ist konsequenterweise nie besonders hoch gewesen.

Unified Messaging

Für die Probleme mit unterschiedlichen Informations- und Messaging-Diensten wurden Unified Messaging Services (UMS) entwickelt. Bei der Mehrzahl dieser Lösungen handelt es sich um softwaregestützte Angebote, die mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben wie die 0700er-Rufnummern: Nicht angenommene Rufe müssen an den UMS-Server weitergeleitet werden, d.h. sie müssen aus dem jeweiligen Zielnetz der UMS-Plattform zugeführt werden. Hierfür fallen zumindest die Interconnection-Kosten an, die z.B. beim Übergang von Mobilfunk zu Festnetz nicht gerade preisgünstig sind. Da die UMS-Plattform i.d.R. nur im Falle der Nichterreichbarkeit oder im Besetztfall angesprochen wird, entfällt zwar der Aufwand des Routings mit der „Follow-me“-Funktion wie beim 0700er-Dienst, doch da der Angerufene weiterhin verschiedene Rufnummern neben der 0700-Rufnummer nutzt, bleibt ihm der Umgang mit mehrfachen Nachrichten nicht erspart.

Dennoch birgt die Kombination der verschiedenen Informationszugänge (Sprachnachrichten aus verschiedenen Netzen, Fax und E-Mail) auf einer Plattform erhebliche Vorteile. Neben den Kosten für den Betrieb der UMS-Plattform und den Weiterleitungskosten können allerdings die Performance und die Verfügbarkeit eines eigenständigen Systems Hinderungsgründe für den Einsatz sein. Zumindest für die professionelle Nutzung sind Schutzvorkehrungen gegen einen Verlust von Informationen und einen unerlaubten Zugriff zu schaffen.

Konvergenz der Anschlussnetze

Eine nahe liegende Lösung wäre die Bündelung über einen Netzzugang. Da die Mobilität ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, könnte es nur der Mobilfunkanschluss sein, der als persönlicher Anschluss auf einen individuellen Nutzer ausgerichtet ist und jederzeit mobil verwendet werden kann. Die derzeitigen Datenbandbreiten werden zwar im Laufe der Zeit weiter steigen, da aber lizenzgebundene Funkfrequenzen ein knappes und nicht beliebig vermehrbares Gut darstellen, kann der heute im Festnetz für Sprache und Datenkommunikation anfallende Verkehr auch in Zukunft ganz sicher nicht ausschließlich von einem Funknetz bewältigt werden.

Im Gegenteil: Es kommen eher weitere neue Access-Netze hinzu, die einen breitbandigen Zugang bieten. Dieses sind z.B. die Kabelverteilnetze, die aufgerüstet werden, um neben der TV-Übermittlung breitbandige Internet-Zugänge und Telefonie zu ermöglichen. In Deutschland spielt der Zugang per Kabelmodem noch eine untergeordnete Rolle; in anderen Ländern sieht dies längst ganz anders aus. Daneben entstehen mit breitbandigen Funknetzen (WiFi, WLAN, WiMAX, UMTS-TDD) weitere Alternativen, die den Webzugang mobil bzw. portabel machen.

Eine Konvergenztechnologie, die lizenzgebundene und lizenzfreie Trägertechnologien kombiniert, ist UMA (Unlicensed Mobile Access) bzw. GAN (Generic Access Network), das ein für den Nutzer transparentes und konvergentes Nutzungsszenario von lizenzgebundenen Access-Technologien (z.B. GPRS, UMTS) mit lizenzfreien (z.B. WLAN) beschreibt. Obwohl die UMA-Spezifikation bereits etliche Jahre als ist, hat sich der Standard bis heute nicht durchgesetzt. (Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass neue Endgeräte benötigt werden, die UMA überhaupt unterstützen.)

Aufgrund der Kapazitätsbegrenzungen im Mobilfunkumfeld ist eine Konvergenz in den Anschlussnetzen selber nicht zu erwarten – und sie ist auch nicht sinnvoll, insbesondere unter Berücksichtigung des steigenden Datenvolumens und des Bedürfnisses nach ortsunabhängiger Nutzung. Die Konvergenz wird also eher im Dienstebereich zu erwarten sein.

Konvergente Telefonie auf IP-Basis

Breitbandige Internet-Zugänge für DSL-Dienste und Telefonie bedienen sich im Festnetz des gleichen Zugangs, nämlich der Teilnehmeranschlussleitung (TAL). Funkgestützte breitbandige Netzzugänge, z.B. nach dem WiMAX-Standard, die einen entbündelten Zugang ermöglichen, spielen derzeit noch eine untergeordnete Rolle. Die Übertragung erfolgt ebenfalls unterschiedlich, nach einem IP-Protokoll oder leitungsvermittelt (über SS7-Schnittstellen) für analoge und ISDN-Telefonie. Der IP-Standard wird sich mittelfristig durchsetzen und die leitungsvermittelte Übertragung verdrängen. Dies bringt erhebliche Vereinfachungen in der Netzinfrastruktur – und dann wird die IP-Telefonie zum Standard (wobei noch offen ist, ob es sich dabei um die heutige VoIP-Lösung nach SIP-Protokoll handeln wird). Wenn sich dabei auch die Übertragungskosten annähern, entfällt für viele Nutzer der Anreiz, VoIP neben dem eigentlichen Festnetzanschluss (TAL oder Mobilfunk) zu nutzen. Bekannte Features aus dem VoIP-Umfeld (z.B. einfache Telefonkonferenzen, Dateiaustausch parallel zum Gespräch und Instant-Messaging-Dienste) werden dann standardmäßig verfügbar sein.

Im Festnetz ist die Konvergenz in Richtung einer IP-basierten Übertragung abzusehen, und auch der Mobilfunk wird hiervon nicht unberührt bleiben. Die (eingeschränkt) breitbandige Funkübertragung nach dem UMTS-Standard erlaubt heute schon den Zugriff aufs Internet. Es ist hier also damit zu rechnen, dass VoIP über browserbasierte Lösungen auch im Mobilfunk Einzug halten wird. Diese Nutzung wurde bislang durch die zeit- oder volumenabhängige UMTS-Tarifierung gebremst. In Verbindung mit Flatrates, die jetzt bereits angeboten werden, wird die VoIP-Telefonie über den Datenkanal zunehmen. Allerdings sind die heutigen VoIP-Protokolle sehr empfindlich gegenüber Bandbreitenschwankungen, so dass insbesondere bei einer nicht stationären Nutzung (z.B. im Auto oder im Zug) mit einer schlechten Sprachqualität durch Hall und hohe Latenz zu rechnen ist. Dies wird sich mit Erführung von neuen Protokollen und HSDPA als „UMTS-Beschleuniger“ in absehbarer Zeit verbessern.

Für die Mobilfunknetzbetreiber ist dies sicher kein wünschenswertes Szenario, da bislang mit der Sprachübertragung auf der Basis von zeitabhängigen Tarifen gute Umsätze und Erträge zu erwirtschaften waren. Diese könnten vollständig wegfallen, wenn der Nutzer nur noch eine Datenflatrate nutzt und die Sprachkommunikation ausschließlich über VoIP abwickelt. Daher versuchen z.B. E-Plus und Vodafone die VoIP-Nutzung in ihren Netzen zu unterbinden.

Terminierung und Tarife

Die Verwendung von Rufnummern (wie z.B. beim VoIP-Anbieter Sipgate) gegenüber der Verwendung von User-Namen, wie bei Skype, ist im Massenmarkt eher kompatibel zu den bisherigen Gewohnheiten. Die Terminierung im eigenen Netz wird auch bei einer weiteren Verbreitung von VoIP bei Datenflatrates eine wichtige Einnahmequelle für die Netzbetreiber bleiben. Diese Terminierungsentgelte liegen bei ca. 12 Cent in den D-Netzen und bei 14 Cent in den E-Netzen. Allerdings bleibt abzuwarten, wie lange der Regulierer diese Höhe der Entgelte akzeptiert.

Da mittlerweile auch im Mobilfunk für die Sprachübertragung erste Flatrates angeboten werden (z.B. von E-Plus unter der Marke Base), wird hier vermutlich eine Entwicklung in diese Richtung antizipiert. Immerhin bietet die Mobilfunknutzung für IP-Telefonate die Chance zur Reduktion der Telefonnummernvielfalt. Die Vergabe einer „geografischen“ Rufnummer für den IP-Telefonnutzer macht es möglich, diese als Hauptrufnummer zu kommunizieren. Der Anrufer muss dann nicht mehr überlegen, ob der Angerufene sich im Büro oder zu Hause befindet oder mobil unterwegs ist. Damit könnte auf einen Schlag eine Reihe von Rufnummern entfallen. Die Voraussetzung für die Umsetzung dieser Vision ist, dass der VoIP-Anbieter eine Anbindung an die Datenübertragung per UMTS realisieren kann und für die Endgeräte vergleichbare browserbasierte Softclients verfügbar sind, wie sie heute für VoIP-Telefonie über den PC eingesetzt werden. Unter dieser Voraussetzung ist mithilfe der IP-Übertragung eine im Vergleich zu den oben erwähnten 0700er-Diensten verbesserte Lösung möglich. Vielleicht ist die VoIP-Rufnummer über kurz oder lang sogar die individuelle, universell nutzbare Rufnummer und löst sowohl Festnetz- als auch Mobilfunkrufnummern ab.

Kundenzugang und Vertragsverhältnisse

Bei einem solchen Szenario übernimmt der VoIP-Anbieter die Kundenbeziehung für den Sprachdienst und kann mit UMS und Messaging weitere Dienste anbieten. Die Festnetz- und Mobilfunknetzbetreiber stellen dabei entweder nur den Übertragungsweg nach dem Interconnection-Regime zur Verfügung oder werden selber zum Komplettanbieter mit VoIP- und E-Mail-Angebot.

Der Kundenzugang wird bei diesem Geschäftsmodell zu dem entscheidenden Erfolgsfaktor, da der einzelne Nutzer im Extremfall nur noch einen Anbieter für den Sprachdienst braucht. Die heute benötigten Netzzugänge zum Fest- und Mobilfunknetz werden aber nicht überflüssig, da der Dienst ein oder mehrere Übertragungsmedien für die Zuführung und Terminierung von Gesprächen benötigt. Diese Vertragsverhältnisse müssen entweder weiterhin vom Nutzer individuell abgeschlossen werden, oder ein MVNO (Mobile Virtual Network Operator) bietet sie über Wholesale-Vereinbarungen mit den Access-Netzbetreibern gleich als Paketlösung mit an.

Der MVNO als Netzbetreiber ohne eigene Anschlussnetze ist bislang nur im Mobilfunk bekannt und auch dort bislang eher in der Form eines Discountanbieters. Im skizzierten Szenario könnte dem MVNO allerdings eine neue Bedeutung zukommen, da er als Betreiber eines Sprachdienstes, den er in unterschiedlichen Anschlussnetze verfügbar macht, eine aus Kundensicht zentrale Funktion einnehmen kann.

Probleme und Risiken

Die Preisgestaltung für einen solchen Konvergenzdienst ist heute noch offen. Die Telefonie wird hierbei aber kaum kostenfrei sein, wie es bei einigen VoIP-Angeboten eine Zeitlang üblich war. Wenn man die Flatrates für die breitbandige Datenübertragung zu Grunde legt, muss der Anbieter für die nutzungsabhängigen Kosten aufkommen, z.B. die Nutzung der Infrastruktur des MVNO, die Interconnection-Gebühr bei netzübergreifenden Gesprächen sowie für die mögliche Terminierung zu traditionellen Anschlüssen, ebenso für internationale Gespräche und Anrufe zu Servicerufnummern. Der mit Flatrates auf den Markt gehende Anbieter muss sehr genau kalkulieren, ob er beim Nutzungsverhalten seiner Kunden noch Gewinne machen kann. Auch ist bei IP-Gesprächen derzeit die technische Umsetzung für Anrufe zu Notruf- und Servicerufnummern offen. Ein ebenfalls noch zu lösendes technisches Problem bei VoIP liegt in der Abhörsicherheit der Verbindung und bei der Umsetzung des richterlich angeordneten Mithörens von Anschlüssen.

Zu vermuten ist, dass für Gespräche in nationale Mobilfunk- und Festnetze – mit Ausnahme der Sonderrufnummern – eine gemeinsame Flatrate für Netzzugang, Datenvolumen und Telefonie angeboten wird. Möglicherweise wird dies auch im internationalen Telefonverkehr gelten, wenn die jeweiligen nationalen Netze ebenfalls IP-basiert umgerüstet sind. Auf jeden Fall dürfte die IP-Telefonie billiger angeboten werden als die heutigen leitungsvermittelten Gespräche im Mobilfunk. Aufgrund der heute schon sehr niedrigen Tarife im Festnetz ist durch eine IP-Übertragung aber kaum mit weiteren Preissenkungen zu rechnen. Wahrscheinlich werden unterschiedliche Pakete für verschiedene Nutzerprofile und Service Levels die Angebote unterscheiden.

Modulare Lösung

Da viele Nutzer die Abhängigkeit von nur einem Anbieter für alle Dienste scheuen, wird es neben der Vollintegration auch zukünftig sicher die Möglichkeit geben, die einzelnen Module separat zu buchen, z.B. verschiedene Access-Varianten, Sprach- und E-Mail-Dienste sowie Informations- und Inhaltepakete. Die Angebotsvielfalt wird also auch mit Konvergenzdiensten sicher nicht verloren gehen.

Selbst bei gleichen Preisen im Vergleich zur heutigen Situation (Festnetz) dürften die Vorteile für die meisten Nutzer den Ausschlag geben, ein konvergentes Sprachtelefonangebot zu nutzen. Wie gesagt sind noch einige Hürden zu überwinden, bevor die Vision zur Innovation werden kann. Insbesondere wäre eine aktive Rolle der Mobilfunknetzbetreiber für die Umsetzung förderlich und notwendig.

SMS, MMS, IM: Was wird aus Messaging?

Heute stellt der SMS-Dienst (Short Message Service) ein extrem attraktives Geschäft mit hohen Ergebnisbeträgen dar. Dabei hat bei der Einführung vor über zehn Jahren kaum jemand an den Erfolg geglaubt. Die in den letzten Jahren mit der Öffnung der UMTS-Netze eingeführten MMS-Dienste (Multimedia Messaging Services), bei denen man z.B. auch Fotos mitschicken kann, hat dagegen keine besondere Akzeptanz gefunden. Die Kernzielgruppe der SMS-Nutzer (Jugendliche bis 25 Jahre) hat offensichtlich mehr Bedarf an kurzen Textnachrichten.

Im Festnetzbereich ist das Pendant zu SMS schon heute der IM-Dienst (Instant Messaging), der von verschiedenen Portalbetreibern angeboten wird und sich einer steigenden Beliebtheit erfreut. Neben der Internet-Connectivity, z.B. mit einer Flatrate, fallen bei der Nutzung von IM keine weiteren Kosten an, insbesondere keine auf die Einzelnutzung bezogene Berechnung, wie dies bei SMS heute der Fall ist. Allerdings handelt es sich bei Instant Messaging in der Regel um eine synchrone Kommunikation.

Mit der Einführung einer Flatrate für UMTS-Datendienste scheint es offensichtlich, dass IM über browserbasierte Clients auch im Mobilfunk Einzug hält. Für den Nutzer ist eine ähnlich spontane Kommunikation mit Kurznachrichten möglich wie mit SMS – und dies ohne zusätzliche Kosten. Zudem trägt diese Entwicklung zur Dienstekonvergenz bei, da der gleiche Nutzername für Instant Messaging in Festnetz und Mobilfunk verwendet werden kann.

Die wirtschaftliche Entlastung der Nutzer geht dabei jedoch einseitig zu Lasten der Mobilfunknetzbetreiber. Als „Gegenposition“ ist der vermutlich steigende UMTS-Datenverkehr zu rechnen. Denn je mehr Dienste über den Datenkanal abgewickelt werden können, desto attraktiver wird der Umstieg von GSM auf UMTS.

IMS: Konvergenztechnologie für IP-basierte Dienste

Insbesondere im Bereich Messaging besteht ein sehr großer Bedarf an transparenter Konvergenz von Diensten. Die unterschiedlichen Protokollwelten für IP (z.B. SIP) und „traditionelle“ Telekommunikation (z.B. SS7) haben bisher das Zusammenwachsen der Kommunikationskanäle verhindert. Seit einigen Jahren liegt die Spezifikation „IP Multimedia Subsystem“ (IMS) von der Standardisierungskooperative 3GPP vor. Inzwischen gibt es auch bereits erste Implementierungen dieses Standards, der eine transparente SIP-basierte Entwicklung von Diensten ermöglicht, die von Festnetz- und Mobilfunkteilnehmen gleichermaßen genutzt werden kann. Anwendungsbeispiele sind neben Messaging-Diensten (zur Einbindung von SMS-Nutzern in einen Internet-Chat) z.B. Multi-Party-Gaming-Dienste.

UMS: Einheit für Nachrichten

Sprachnachrichten durch Unified Messaging Services zusammenzuführen, hat zunächst den Vorteil, dass man leichter erreichbar ist, weil der Anrufer nicht wissen muss, in welchem Netz man gerade eingebucht ist. Die verschiedenen Voicemail-Boxen und Online-Kalender lassen sich zusammenfassen in ein einheitliches System. Ein solcher – zunächst sicher eher für den Geschäftskunden ausgelegter Dienst – kann neben der Verwaltung von Nachrichten, Notizen und Kalenderdaten die Online-Verwaltung aller Kontaktdaten übernehmen – unabhängig vom individuellen Endgerät und erreichbar aus allen Netzen.

Dies könnte ein Geschäftsmodell für einen Mehrwertdienste-MVNO sein, sofern nicht die Netzbetreiber selber entsprechende Lösungen entwickeln und integrieren. Der im Konvergenzmarkt tätige MNO/MVNO betreibt ein eigenes Kernnetz sowie eigene HLR (Home Location Register) und kauft die Übertragungsleistung von anderen Access-Netzbetreibern ein. Er kann auch IP-Netze anbinden, so dass er ebenso E-Mail-Nachrichten in seinen UMS-Dienst aufnehmen kann.

Für den Nutzer wäre die Umsetzung solcher konvergenter Dienste eine Innovation mit einem signifikanten Nutzen. Natürlich steht dieser Weg allen Netzbetreibern offen, die sich hiermit ein breiteres Dienstespektrum schaffen und auf diesem Wege die Kundenbindung steigern.

Triple Play mit Zugang zu Content

Triple Play stellt begrifflich die Verbindung von Sprachkommunikation, Internet-Zugang und Mediennutzung dar. In diesem Sinne wird es heute bereits von den meisten Kabelnetzbetreibern angeboten. Die Konvergenz bleibt hierbei zunächst auf die Tatsache begrenzt, dass die Dienste alle auf dem Wege über das Breitbandkabel in den Haushalt kommen. Weitergehende Lösungen können in Verbindung mit Video on Demand, individualisierten, ortsbezogenen oder auf anderem Wege aufbereiteten multimedialen Inhalten realisiert werden.

Es wird aber auch die mobile Version geben, mit der Wiedergabe der multimedialen Inhalte (z.B. mobilem Fernsehen auf tragbaren Geräten, wie etwa einem Smartphone. Zu erwarten ist, dass hier individualisierte Nachrichten, Informationen mit Bezug zum Standort, Auskunfts- und Buchungsdienste sowie interaktive Spiele im Vordergrund stehen.

Ein Erfolgsfaktor wird neben der Attraktivität und Aktualität der Inhalte die Preisgestaltung sein. Ob hierbei eine Abrechnung „per use“ oder über definierte Pakete bis hin zu einer echten Flatrate erfolgt, wird von den mit den Inhaltebesitzern vereinbarten Einkaufskonditionen abhängen, von der Akzeptanz durch die Zielgruppe und nicht zuletzt von der Risikobereitschaft des MVNO. Die allgemeine Tendenz im Markt spricht für das Angebot von Paketen mit festen monatlichen Preisen, da diese für den Verbraucher am ehesten kalkulierbar sind und eine höhere Akzeptanz versprechen.

Gewinner und Verlierer

Die größten Veränderungen in der Wertschöpfungskette aufgrund von Konvergenzdiensten kommen auf die Netzbetreiber zu. Im Festnetz sind die Preise aufgrund des Wettbewerbs schon heute so niedrig, dass kaum weitere Preissenkungen zu erwarten sind. Allerdings wird für Festnetzanbieter die Migration auf IP-basierte Übertragung notwendig, damit sie durch eine bebesserte Kostensituation wieder relevante Margen erwirtschaften. Einige Anbieter von ISDN-Flatrate-Tarifen behalten sich den Wechsel auf VoIP schon heute vertraglich vor.

Anders sieht dies für den heutigen Mobilfunkbetreiber aus. Durch eine Verlagerung des Gesprächsvolumens hin zur IP-Telefonie wird der Umsatz zurückgehen bzw. es wird eine Verlagerung von der heute üblichen CDR-Abrechnung (Call Data Record) zu Flatrates für die Datenkommunikation erfolgen. Die Terminierung von VoIP-Calls könnte als zusätzliche Umsatzquelle bestehen bleiben, allerdings ist die Frage offen, wie lange die Terminierungskosten auf dem heutigen Niveau bleiben. Verschiebt sich gleichzeitig der SMS-Verkehr in Richtung Instant Messaging, so steht dem kein oder zumindest kein vergleichbarer Umsatz gegenüber. Die Mobilfunkbetreiber könnten also die größten Änderungen in ihrem Geschäftsmodell erfahren.

Eine weitere Veränderung hat mit der steigenden Bedeutung der Kundenbeziehung zu tun. Heute hat der durchschnittliche Nutzer eine Reihe von Verträgen mit unterschiedlichen Anbietern. In Zukunft könnte sich dies stark reduzieren – im Extremfall vielleicht auf einen einzigen Vertrag mit einem Anbieter. Dieser Anbieter stellt die „individuelle“ Rufnummer für die IP-Telefonie zur Verfügung, sorgt für die Anbindung an die unterschiedlichen Access-Netze und bietet Lösungen für das Management von Nachrichten (UMS) an. Der Kunde hätte somit einen Vertragspartner, der ihm eine Lösung „aus einer Hand“ liefert. Triple Play wird allerdings vermutlich auch in Zukunft eine Sonderrolle spielen, könnte aber theoretisch ebenfalls vom gleichen Anbieter realisiert und angeboten werden.

Da die Kundenbeziehung so wichtig wird, kommen möglicherweise neue Spieler als Anbieter hinzu, die bereits über eine enge Kundenbeziehung verfügen (Banken, Versicherungen, Automobilvereine etc.). Heutige Reseller oder Service Provider mit großem Kundenstamm könnten sich zum Universalanbieter entwickeln, Citycarrier Mobilfunkdienste mit vermarkten und Unternehmen mit gutem Zugang zu bestimmten Zielgruppen neu ins Geschäft einsteigen.

Fazit: Kundenbindung lockt und gewinnt

Konvergenzdienste werden keine Revolution in der Telekommunikation auslösen. Aber mit der Umsetzung der netzinternen Übertragung auf Basis des IP-Protokolls können Konvergenzdienste einfacher eingeführt werden. Aus Nutzersicht wird das Angebot überschaubarer und einfacher. Zentrale Bedeutung hat dabei die Reduktion der Rufnummernvielfalt. Konvergenzdienste können den Umgang mit Sprach- und Daten-Messaging erleichtern, indem alle Nachrichten in einem System zusammengefasst werden, das unter einer einfachen Benutzeroberfläche läuft.

Triple-Play-Dienste bringen Sprache, Daten und Medieninhalte zusammen und bieten eine Zweitverwertung von vorhandenen Inhalten. Dabei werden individualisierte und ortsbezogene Informationen ein neues Mehrwertdienste-Segment öffnen.

Eine entscheidende Rolle bei der erfolgreichen Umsetzung wird die IP-Übertragung zur Integration der unterschiedlichen Netze und Protokolle spielen. IP-Telefonie schafft die Voraussetzung für die Konvergenz zwischen Fest- und Mobilfunknetzen, da durch Kosteneinsparungen in der Netzinfrastruktur und einfachere Netzübergänge niedrige Nutzungspreise möglich werden. Die Sprachtelefonie wird zunehmend auf der Basis von Flatrates angeboten werden und die Carrier vor der Aufgabe stehen, zusätzliche Wertschöpfung und Erlöse aus Mehrwertdiensten und der Vermarktung von Inhalten zu erzielen.

Wertschöpfung und Wirtschaftlichkeit
Der entscheidende Erfolgsfaktor für die Wirtschaftlichkeit von Konvergenzdiensten liegt im Zugang zum Kunden. Möglicherweise kommen neue TK-Anbieter auf den Markt und der Konvergenzanbieter kann eine Reihe bestehender Vertragsverhältnisse ersetzen. Dies wird den Druck auf heutige Anbieter verstärken, schafft aber gleichzeitig hohe Barrieren für solche Neueinsteiger in den Markt, die nicht über einen hochwertigen Kundenzugang verfügen und daher auf die Rolle eines Zulieferers für andere Anbieter reduziert werden. In dieser Hinsicht kann die bestehende Marktstruktur durch das Aufkommen von konvergenten Diensten verändert werden; heute sichere Marktanteile könnten gefährdet sein und Wertschöpfungsanteile werden sich verschieben.

Der Gesamtmarkt für Telekommunikationsdienste wird von neuen Diensten sicher profitieren. Durch neue Lösungen wird die Nutzung steigen; die zusätzlichen Erlöse aus den Mehrwertdiensten werden die gerade im Mobilfunk zu erwartenden Margenverluste vermutlich mehr als kompensieren. Der TK-Markt wird auf diese Entwicklung mit einem weiteren Wachstum reagieren, wie schon bei den bisherigen Dienste-Innovationen.

Die entscheidenden Fragen für das einzelne Unternehmen wird sein: Wie gut sind wir für diese Entwicklung aufstellt? Gelingt es uns, den heutigen Kundenstamm dafür zu gewinnen oder sogar neue Zielgruppen zu erschließen? Time to Market wird auch bei der Umsetzung von Konvergenzdiensten ein wichtiger Erfolgsfaktor sein.

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