Deutschland bleibt Top-Standort

Ausländische Manager halten Deutschland noch immer für den führenden Wirtschaftsstandort in Westeuropa. Das ergab eine Studie der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young, für die über 800 Manager internationaler Unternehmen befragt wurden. Aber die Freude ist nicht ungetrübt, betrachtet man das internationale Ranking: Unter den weltweit attraktivsten Standorten rutschte Deutschland heuer vom vierten auf den sechsten Platz ab. Erstmals konnten sich Russland und Polen vor Deutschland platzieren.

Kein Zweifel, im Vergleich zu 2007 verliert Deutschland unter den befragten Managern an Attraktivität: Nur noch 10% bezeichnen Deutschland als einen der drei Top-Standorte weltweit – im Vorjahr lag der Anteil noch bei 18%. Dennoch kann sich Deutschland – als einziges westeuropäisches Land – weiter in der Gruppe der zehn attraktivsten Standorte der Welt behaupten. Großbritannien und Frankreich sind in dieser Liste nicht mehr zu finden.

„Angesichts der enormen wirtschaftlichen Dynamik von Ländern wie China, Indien und Russland verliert Deutschland relativ gesehen an Attraktivität“, warnt Peter Englisch, Partner bei Ernst & Young. „Dennoch: Aus Sicht der Investoren ist Deutschland das einzige westeuropäische Land, das im weltweiten Standortwettbewerb in der ersten Liga mitspielt. Die Unternehmen honorieren, dass Deutschland sich wieder als Wachstumslokomotive in Europa etabliert hat. Das hätte noch vor wenigen Jahren kaum jemand erwartet“, lobt Englisch.

Die von den Managern in der Umfrage gefühlte Attraktivität des Standorts Deutschland deckt sich jedoch nicht ganz mit den für die Studie erhobenen Zahlen zu Direktinvestitionen ausländischer Unternehmen in Europa. Danach konnte Deutschland 2007 nur 8% der ausländischen Direktinvestitionen in Europa auf sich vereinigen. Damit lag Deutschland mit deutlichem Abstand hinter Großbritannien (Marktanteil: 19%) und Frankreich (15%).

China wird mit 47% erstmals als attraktivstes Zielland für Investitionen angesehen, auf dem zweiten Platz folgt Indien, das 2007 noch den dritten Platz belegte und derzeit von 30% der Befragten als Top-Standort angesehen wird. Russland stieg vom fünften auf den dritten Platz auf. 21% der Befragten bezeichnen Russland als einen der attraktivsten Investitionsstandorte der Welt. Im Vorjahr sahen das nur 12% der Befragten so.

Die USA haben hingegen erheblich an Attraktivität verloren: Während 2007 noch 33% der Befragten die USA als Top-Standort bezeichnet hatten, schrumpft der Anteil der USA-Nennungen 2008 auf nur noch 18%. „Die US-Wirtschaft befindet sich zurzeit in einer Schwächephase: Immobilienkrise, Finanzkrise und die drohende Rezession belasten den Standort“, stellt Englisch fest. „Andererseits: Durch den schwachen Dollar können Unternehmen in den Vereinigten Staaten sehr günstig für den Export z. B. nach Europa produzieren. Wenn die Finanzkrise überwunden ist und der Dollar so schwach bleibt, könnten wir eine Renaissance des Produktions- und damit Investitionsstandorts USA erleben“, prognostiziert Englisch.

Die Veränderungen im weltweiten Standortranking zeigen, dass Investoren zunehmend auf Schwellenländer setzen: Erstmals taucht keine der etablierten Industrienationen in den Top-3 des Rankings auf. Stattdessen machen die Schwellenländer China, Indien und Russland die drei ersten Plätze unter sich aus.

Deutschland kann nach Meinung der befragten Manager besonders bei der Qualität der Verkehrswege und der Telekommunikationsnetze sowie bei der Qualifikation der Beschäftigten punkten. Alle drei Bereiche werden allerdings etwas schlechter beurteilt als im Vorjahr. Ebenfalls eine abfallende Tendenz ist bei der Bewertung von Forschung und Entwicklung festzustellen: 2006 bezeichneten noch 73% der Befragten Deutschland in diesem Punkt als attraktiv, 2007 waren es 70%, aktuell liegt der Wert bei 67%.

Zu den Schwächen des Standorts Deutschland zählen aus Sicht der befragten Manager insbesondere die mangelnde Flexibilität des Arbeitsrechts und die hohen Arbeitskosten. „Deutschland hat nach wie vor bei den Arbeitskosten international einen Wettbewerbsnachteil“, urteilt Englisch. „Allerdings sehen die Investoren, dass die Produktivität in Deutschland überdurchschnittlich steigt und die realen Lohnstückkosten – anders als in vielen anderen europäischen Ländern – sogar sinken.“

Weltweit gilt Deutschland als innovativer Standort: 83% der befragten Manager bewerten die Innovationsfähigkeit in Deutschland positiv – jeder fünfte sehr positiv. Im Vergleich mit anderen Ländern schneidet Deutschland außerordentlich gut ab: In der „Weltrangliste“ der innovativsten Länder steht Deutschland hinter den USA und China auf dem dritten Rang. Dicht hinter Deutschland rangieren Japan und Indien – weit abgeschlagen dahinter europäische Länder wie Großbritannien und Frankreich.

Die 40-seitige komplette Studie steht in deutscher Sprache kostenlos per Download zur Verfügung.

(Ernst & Young/ml)

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