PISA-Testlauf mit Azubis sorgt für Überraschungen

Die Forschungsgruppe Berufsbildungsforschung der Universität Bremen hat in den vergangenen zwei Jahren im Auftrag der Bundesländer Hessen und Bremen eine Art PISA-Test für die Berufsausbildung entwickelt und erprobt. Für einen Testlauf wurden Auszubildende eines handwerklichen und eines industriellen Elektronikerberufs ausgewählt. Erste Ergebnisse liegen jetzt vor – darunter auch einige überraschende. Die Ergebnisse lassen eine Fortsetzung und breite Einführung eines solchen Tests ausgesprochen sinnvoll erscheinen.

In der beruflichen Bildung geht es um Hunderte verschiedene Berufe, für die in höchst verschiedenen Berufsbildungssystemen ausgebildet wird. Schulische Formen der Berufsausbildung konkurrieren international zum Beispiel mit der Tradition der dualen Berufsausbildung. Die Forschungsgruppe Berufsbildungsforschung der Universität Bremen hat in den vergangenen zwei Jahren ein Testverfahren entwickelt und erprobt, das seine Bewährungsprobe jetzt bestanden hat. Unter dem Kürzel „KOMET“ liegen die ersten Testergebnisse vor. Die Untersuchungsergebnisse überraschen in ihrer Qualität und Tiefe selbst Fachleute. Es sind vor allem fünf Punkte, zu denen die Untersuchungsergebnisse der Berufsbildungspraxis, der Berufsbildungsplanung und -politik wertvolle Daten liefern.

  1. Die in den Fachklassen der Berufsschulen zusammengefassten Auszubildenden aus den unterschiedlichen Ausbildungsbetrieben zeichnen sich durch große Unterschiede ihrer Kompetenzen aus. Die unteren und oberen 10 % der leistungsschwachen und leistungsstarken Auszubildenden liegen im dritten Ausbildungsjahr in ihrer Kompetenzentwicklung um bis zu zwei Ausbildungsjahre auseinander. Das heißt, dass ein Teil der Auszubildenden gegen Ende der Ausbildung kaum über Anfängerqualifikationen hinausgelangt ist.
  2. Erfreulich ist, dass die PISA-Prognose, nach der der große Anteil an Risikoschülern einer Berufsausbildung nicht gewachsen ist, nicht in vollem Umfang zutrifft. Ein beachtlicher Teil der Risikoschüler, die sich im Elektrikerberuf (Handwerk) konzentrieren, erreicht durchaus das Ausbildungsziel. Trotzdem wird die PISA-Prognose in der Tendenz bestätigt.
  3. Überraschend ist das Ergebnis, dass es zwischen dem zweiten und dritten Ausbildungsjahr bei einer dreieinhalbjährigen Ausbildungszeit zu einer Stagnation der Kompetenzentwicklung kommt. In der prüfungsfreien Zeit nach der Zwischenprüfung kommt es ganz offenbar – so die begründete Hypothese – zu einer „Durchhängerphase“, bei der eine große Zahl von Auszubildenden erst einmal die Zügel schleifen lässt, bevor sie sich dann, kurz vor der Abschlussprüfung, wieder anstrengen. In dem als Längsschnittsuntersuchung angelegten Projekt wird diese begründete Vermutung noch im Einzelnen untersucht werden. Dies ist notwendig, da diese Ergebnisse unter Umständen weitreichende Reformen des Prüfungswesens nahelegen.
  4. Hervorgehoben wird in der Studie auch, dass die anfängliche Begeisterung für den gewählten Beruf und das damit verbundene berufliche Engagement während der Ausbildung stagniert und in der Tendenz eher abnimmt. Die Auszubildenden fühlen sich in der Anfangsphase ihrer Ausbildung mehrheitlich unterfordert und zu sehr in die Rolle von Hilfskräften gedrängt. Immer dann, wenn Betriebe Auszubildende als neue Mitarbeiter behandeln, und sie – so wie es die Ausbildungsordnungen vorsehen – von Anfang an in Arbeitsaufträge einbeziehen, wirkt sich dies sehr positiv auf die Entwicklung der beruflichen Kompetenz und das berufliche Engagements aus.

Die Studie wird vom Bremer Bildungsressort sowie vom hessischen Kultusministerium in seiner bildungsplanerischen Bedeutung sehr hoch eingeschätzt. Daher wird die Studie fortgesetzt und ausgeweitet. Seit Beginn des Jahres beteiligt sich außerdem eine Gruppe von 800 chinesischen Auszubildenden an diesem Projekt. Die Wissenschaftler der Forschungsgruppe Berufsbildungsforschung hoffen, die Hürden für eine international vergleichende Kompetenzdiagnostik zu überwinden.

(idw/ml)