Deutscher Erdgasmarkt
Studie erwartet bei Gas erhebliche Überkapazitäten

Der heftige weltweite Nachfrageeinbruch infolge der Rezession bei Erdgas und eine unerwartet schnelle Expansion unkonventioneller Gasvorkommen in den USA führten zu einem weltweiten Überangebot, das die Spotgaspreise drastisch sinken ließ. Dem deutschen und den europäischen Gasmärkten drohen so bis 2015 erhebliche Überkapazitäten, so dass auch Spotpreise auf den internationalen Gasmärkten bis auf weiteres unter Druck bleiben werden.

Das prognostiziert zumindest die aktuellen Studie The Next Cycle: Gas Markets Beyond the Recession der internationalen Strategieberatung Booz & Company. Die Studie analysiert die Angebots- und Nachfrageseite der globalen Erdgasmärkte und die Konsequenzen für die Hauptinteressengruppen.

Das US-Marktpreisniveau von 6 bis 7 US-$/mmbtu (1 mmbtu entspricht 26,4 Standard Kubikmeter Gas) dürfte gemäß Studie die europäischen Märkte zukünftig stärker beeinflussen. Als wesentliche Gründe nennt die Studie das Überangebot am Flüssiggasmarkt und eine Zunahme an kurzfristigen Arbitragegeschäften, die die Preisunterschiede zwischen den einzelnen Märkten nutzen. Damit erhöht sich der bestehende Druck, die herkömmlichen langfristigen, vielfach ölindexierten Lieferverträge in Europa und Asien umzustrukturieren.

So entstand in Deutschland mit der Erholung der Ölpreise auf Werte um 80 US-$/Barrel eine Differenz von bis zu 40 % zwischen Preisen ölindexierter Verträge und Spotmarktpreisen. Solche anhaltend niedrigen Gaspreise haben das Potential, die Umstellung von CO2-intensiven Brennstoffen wie Öl und Kohle auf CO2-armes Erdgas zu beschleunigen. So kann die Auslastung bestehender Gaskraftwerke auf Basis durchschnittlicher Spotmarktpreise des Jahres 2010 aufgrund dann vergleichbarer Grenzkosten bei der Stromproduktion mit Gas und Kohle erhöht werden. Bei Investitionen in neue Kraftwerke sind gasbetriebene Anlagen bevorteilt. „Gas könnte bei Entscheidungen zum Betrieb bestehender und Bau neuer Kraftwerke zum bevorzugten Energieträger werden. Die Gasnachfrage würde dann bereits schneller auf das Niveau zurückkehren, das vor der Rezession prognostiziert worden war“, erläutert Gasexperte Dr. Thomas Schlaak von Booz & Company.

Eine beschleunigte Nachfragesteigerung zum Abbau bestehender Überkapazitäten basiert auf dem Zugang zu ausreichenden Gasmengen zu Preisen auf Spotniveau durch die Stromerzeuger. Entsprechend ist mit wachsendem Druck auf Konditionen langfristiger Gasimportverträge zu rechnen. Gasproduzenten und Abnehmer werden sich hierbei neben Preissenkungen auch über erhöhte Flexibilität bezüglich Mindestabnahmemengen und Preisfestsetzung inklusive Indexierung zu einigen haben. Damit werden auch die europäischen und die deutschen Gasmärkte stärker als heute von Angebots-/Nachfrage-Dynamiken geprägt werden und ihr Verhalten dem normaler Rohstoffmärkte – wie beispielsweise dem des Ölmarkts – anpassen.

Die neuen Marktstrukturen bringen vor allem die Energieversorger als größte Abnehmer in eine starke Position. Zwischenhändler und Infrastrukturanbieter sollten dagegen frühzeitig überlegen, wie sie ihre Strategie an die neuen Rahmenbedingungen des Gasmarktes anpassen können. Die richtige Mischung des Portfolios aus flexiblen und langfristigen Verträgen sei damit ein zentraler Stellhebel für den Erfolg von Gaserzeugern und -lieferanten, behauptet Experte Schlaak. Aus Abnehmersicht sollten die Verträge mit den Lieferanten strategisch an die neuen Rahmenbedingungen angepasst werden. „Zwischenhändler müssen auf einen gesunden Mix aus stabilen Fixverträgen und günstigen Spotpreisen setzen“, mahnt Thomas Schlaak. So könnten sie ihren Kunden gute und verlässliche Lieferkonditionen anbieten

Auf Basis des optimierten Gasbezugs müssen laut Studie die Versorger ihre Stromerzeugungsportfolios und -strategien bezüglich Betrieb und Neubau überprüfen. Hier sei eine genaue Kenntnis der Auswirkungen auf die Kohlepreise in einer Situation, in der die Versorger auf Gas umstellen, von entscheidender Bedeutung.

Kurzfristig prüfen die Infrastrukturanbieter die Notwendigkeit und Rentabilität der Projekte in ihren Portfolios. Mittelfristig können sich nach Meinung der Studienautoren neben den großen Herausforderungen zur Umsetzung profitabler Projekte allerdings durchaus auch Chancen ergeben. So könnten z. B. Besitzer von Kapazitäten zur Regasifizierung von Flüssiggas an unterschiedlichen Standorten von zu erwartender regionaler Preisarbitrage profitieren. Pipelineinvestoren eröffnen sich wiederum Möglichkeiten vor dem Hintergrund zu erwartender veränderter Flussrichtungen im europäischen Gasnetz. Anbieter von Speicherkapazitäten sollten ihrerseits sorgfältig beurteilen, welche innovativen Geschäftsmodelle im veränderten Gasmarkt entstehen können.

(Booz & Company / ml)