Kommentar
Japan und die Folgen für Deutschlands Mittelstand

Fukushima
Fukushima

Das Erdbeben, der Tsunami und die AKW-Katastrophen vom Wochenende haben Japan nicht nur übergroßes menschliches Leid beschert, sondern auch die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt bis in die Grundfesten erschüttert. Dass das auch Auswirkungen auf die Weltwirtschaft insgesamt und die deutsche Wirtschaft haben wird, dürfte jedem klar sein. Aber wie groß diese ausfallen und wie lange sie nachwirken werden, weiß niemand, denn seit dem letzten Weltkrieg wurde keine vergleichbar bedeutende Volkswirtschaft derart schwer getroffen.

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Ein Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise wäre völlig unangebracht. Erstens bestand ein großer Teil der in der jüngsten Weltwirtschaftskrise vernichteten Werte aus Börsenkapital ohne realwirtschaftliche Unterfütterung. Derartiges Börsenkapital besteht aber weitgehend aus Vertrauen, nicht aus materiellen Werten. Zur Wiederherstellung bedurfte es deshalb keiner wesentlichen materiellen Anstrengung. Zweitens waren alle großen konkurrierenden Volkswirtschaften ähnlich stark betroffen, so dass in der Krise zwischen den Staaten weitaus kleinere realwirtschaftliche Verwerfungen auftraten, als dies der Fall gewesen wäre, hätte die Krise nur einige wenige Staaten betroffen. Und drittens funktionierte in der Krise zwar der Kapitalfluss nicht mehr, aber die Infrastruktur der Kapitalströme, die Kommunikations- und Transfernetze waren unbeschädigt.

Ganz anders die Lage in Japan nach diesem Wochenende: Hier wurden nicht nur Milliarden von realen Werten buchstäblich ins Meer geschwemmt und vernichtet. Auch die Infrastruktur zum Wiederaufbau und zum Durchstarten der Wirtschaft – in erster Linie Logistikstrukturen wie Schienen, Straßen, Häfen, aber auch Maschinen und Produktionsanlagen – ist in weiten Landesteilen zerstört.

Um diese Schäden wirtschaftlich zu überwinden, bieten sich Japans Regierung zwei Wege an: entweder eine weitere Verschuldung, die es dem Land erlaubt, die fehlenden Werte schnellstens im Ausland einzukaufen, oder eine Abwertung, die der restlichen Wirtschaft des Landes erlaubt, seine Exporte so anzukurbeln, dass mit den Erlösen der Wiederaufbau refinanziert werden kann. Was hätten diese beiden Wege für den deutschen Mittelstand für Folgen?

Anfangs werden – so schwer diese Feststellung aus menschlicher Sicht in diesen Tagen auch fallen mag – Japans Exportausfälle am Weltmarkt Lücken hinterlassen, die angesichts ganz ähnlicher Exportstärken den deutschen Exporteuren zusätzliche Exportchancen bescheren werden.

Sobald allerdings die wesentlichen Exportbranchen wieder funktionieren – darunter auch der japanische Autobau – werden die Auswirkungen je nach dem von Japan eingeschlagenen Weg unterschiedlich ausfallen.

Sollte Japan den Weg der höheren Verschuldung gehen, wird das für Deutschlands exportorientierten Mittelstand im Wesentlichen positive Auswirkungen haben, denn Japan braucht in vielen Bereichen für den Wiederaufbau genau jene Waren, die Deutschland besser als alle anderen Länder liefern kann. Übrigens gilt das aller Voraussicht nach auch für Deutschlands Erneuerbare-Energien-Technik, die nach den tragischen Reaktorkatastrophen in Japan eine besondere Nachfrage erfahren könnte.

Sollte Japan aber die Abwertung des Yen vorziehen, wird das Land ein noch größerer Konkurrent auf dem Weltmarkt als vor der Katastrophe. Das geht dann zulasten des exportorientierten, nicht multinational aufgestellten deutschen Mittelstands.

Völlig unklar ist derzeit noch, welche Rolle China als regionaler Exporteur vor Ort spielen wird. Neben der rein wirtschaftlichen Beziehung spielt zwischen Japan und China nach wie vor der historische Konflikt – man könnte auch von einer tiefen beidseitigen Antipathie konservativer Bevölkerungsschichten sprechen – eine nicht zu unterschätzende Rolle, die sich zugunsten deutscher Lieferanten auswirken könnte.

Andererseits ist nicht nur die Realwirtschaft empfindlich getroffen, sondern auch der Finanzmarkt Japan, da die Investoren angesichts einer noch offenen Wiederaufbaustrategie der Regierung verunsichert sind. Das letzte große Beben in Kobe lässt viele Investoren eher Schlimmes vermuten. Damals verzettelte sich Japans Regierung in internen Querelen.

Westliche Investoren haben zudem noch immer mit einem grundsätzlichen Unverständnis der traditionellen asiatischen Gedankenwelt zu kämpfen. Wie werden die Menschen dort mit diesem Schicksalsschlag umgehen? Hinter der mitten in der Katastrophe von vielen Japanern zur Schau gestellten Beherrschtheit und Gelassenheit mag sich echte Gelassenheit, aber auch tiefe Depression und Resignation verbergen.

Die Unsicherheit am japanischen Finanzmarkt wird die Finanzwelt insgesamt und damit auch den deutschen Finanzmarkt erst einmal schwächen. Ob und wann die realwirtschaftlichen Faktoren den Finanzmarkt – in die eine oder andere Richtung – wieder stabilisieren werden, ist ungewiss. Allerdings setzte hier Japan heute, am ersten börsenoffenen Tag nach der Katastrophe, bereits ein positives Zeichen, indem es die Börse überhaupt öffnete. Dies dürfte die internationalen Investoren deutlich beruhigen. Das konnte man an dem für die Größe der Katastrophe eher überraschend geringen Rückgang der Werte um rund 6 % bei der heutigen Eröffnung deutlich sehen.

Da wäre allerdings noch der Risikofaktor Kernkraft. Noch weiß niemand, ob es beim Fast-Gau bleibt oder ob der Gau nicht doch noch eintritt. Das könnte die Situation total verändern, je nach dem, wie groß die Auswirkungen der Verstrahlung dann sein würden.

Zuletzt noch eine gute Nachricht: Das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit, den Fleiß und das Können der japanischen Menschen ist weltweit außerordentlich groß. Vielleicht sogar größer als allen anderen Nationen gegenüber, Deutschland eingeschlossen. Trotz aller Schwächen der japanischen Wirtschaft in den letzten Jahren zählt immer noch die Erfahrung des Rests der Welt, dass sich diese Nation nach einer verheerenden und das Land weitaus schlimmer verwüstenden Kriegsniederlage praktisch aus dem Nichts heraus zu einer der drei führenden Volkswirtschaften hochrappelte. Davon lassen sich zwar keine Fabrikhallen bauen, aber an den Börsen der Welt ist derartiges Vertrauen ein Pfund, mit dem Japan durchaus wuchern kann.

In Deutschland ist in diesen Tagen bei den meisten Menschen zudem eine weit über den Respekt vor der Leistungsfähigkeit hinausgehende tiefe menschliche Sympathie für die japanische Bevölkerung zu spüren. Das ist gut so, denn Japan kann derzeit Freunde gebrauchen. Enttäuschen wir sie nicht.

(ml)