#TechTide Hannover
Datensammeln mit der Brech­stange funktioniert nicht

© Deutsche Messe

Das Konferenz­programm der TechTide in Hannover gab den Talks oft betont provo­kante Titel: „Auch der Westen wird nicht an einem Social-Credit-System wie in China vor­bei­kommen“ ist einer davon. Wulf Bolte, CTO der mediaTest digital GmbH, legt dagegen ein begründetes Veto ein.

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Wulf Bolte ist Chief Technology Officer der mediaTest digital GmbH, die sich auf Mobile-Security-Lösungen konzentriert und mit Appvisory eine Firmenlösung im Portfolio hat, die mobile Apps auf Datenschutzverstöße und weitere Unsicherheiten prüft. Über mediaTest ist er zum Beispiel auch beim PrivacyGuard-Projekt Datenschutzscanner beteiligt. Moderiert wurde die Diskussionsrunde am 4. Dezember von Peter Leppelt, Geschäftsführer der praemandatum GmbH, wo Mitgründer Bolte selbst als Systemdesigner tätig war (praemandatum schließt zum Jahresende 2019). Mit dabei waren außerdem Dr. Tabea Golgath (Referentin Museen und Kunst beim KI-Projekt LINK), Dr. Paul Klimpel (iRights.Law), Heise-Justiziar Joerg Heidrich und Heise-CTO Georg Nold sowie Hannah Obersteller, Referentin der Stabsstelle Digitalisierung im Niedersächsischen Ministerium für Wirtschaft, Arbeit, Verkehr und Digitalisierung und damit praktisch die rechte Hand von Staatssekretär Stefan Muhle, der zur TechTide-Eröffnung die „KI Talente 2019“ kürte und die „Digitalen Orte Niedersachsen“ ausgezeichnet hatte.

Im Interview mit dem MittelstandsWiki sagt Wulf Bolte rundheraus, warum Datenvermeidung by Design derzeit das vielleicht höchste Ziel ist: weil Datensammelwut Freiheitsrechte schleichend untergräbt und dabei ist, ganze Gesellschaften zu zerstören.

„Es ist jetzt schon so, dass die Leute beim Suchen im Internet nicht einfach so das eintippen, was sie interessiert, weil man darüber nachdenkt, ob das jetzt ein Problem ist, dass Google sich das merkt, dass ich das gesucht habe.“

Ernster ist die Lage vor allem in China, wo die Führung bereits 2014 begonnen hat, ein Social-Credit-System einzuführen, das sich als möglichst lückenlose Verhaltensüberwachung darstellt und mittlerweile „keine Dystopie, sondern Realität“ ist. Das bedeutet nicht nur, dass Unmengen von persönlichen Daten gesammelt werden und dass die Bürger ihr Verhalten (wie beabsichtigt) vorauseilend anpassen, sondern auch dass „Konsequenzen auf andere Lebensbereiche daraus abgeleitet werden, sprich: Ich gehe bei Rot über die Ampel, drei Mal, und parke zwei Mal falsch, dann darf ich keine Flugtickets mehr kaufen.“ Das erschreckt viele westliche Beobachter, weckt aber auch Begehrlichkeiten:

„Dieses Social-Credit-System hat sich in China als extrem erfolgreich etabliert, und deswegen gibt es jetzt Politiker und Versicherer, die das gerne hier auch adaptieren wollen. Das ist zum Glück 1:1 so nicht abbildbar.“

Gleichwohl prallen auch in Europa Datensammelprojekte und informationelle Selbstbestimmung immer öfter aufeinander. Ein Beispiel ist eben die Versicherungsbranche, die Wulf Bolte zufolge allzu blauäugig mit verhaltensbasierten Versicherungstarifen kalkuliert:

„Diese Rechnung, dass die Leute billigere Versicherungen haben, aber die Versicherer am Ende des Tages trotzdem größere Margen haben, das kann nicht aufgehen.“

Dabei sieht Bolte die Chancen durchaus. Neue Versicherungsmodelle, Cyberversicherungen etc. werden kommen – und dazu brauchen die Versicherer mehr und möglichst viel Information. Genau an dieser Stelle sind aus seiner Sicht der aktive Datenschutz, die aktive Informationssicherheit gefragt: Es gilt jetzt, designtechnisch selbst mit Hand anzulegen und die neuen Modelle rechtlich – und ethisch – sauber aufzusetzen:

„Ich fürchte, wenn wir das Design dieser Versicherungsgrundlagen Leuten überlassen, die mit dem Horten von Daten kein Problem haben, dann wird das ein Desaster.“

Wulf Bolte ist durchaus optimistisch. Er betont ausdrücklich, dass man mit Datenschutz ein Geschäft aufbauen kann, dass ein sinnvoller Weg gangbar ist. Als Beispiel nennt er auf Nachfrage Threema aus der Schweiz, einen der wenigen kommerziellen DSGVO-konformen Instant Messenger. Seine Hoffnung liegt dementsprechend auch auf Start-ups und Innovation von unten:

„Da gibt es natürlich, gerade im KMU-Bereich, in Deutschland viele super Ideen, und wir müssen lernen, so mutig zu sein, auch mal so eine Lösung einzusetzen und diese Firmen dabei zu unterstützen, groß zu werden – sonst haben wir grundsätzlich ein Problem später.“

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