Cloud-Strategie

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Multi­funktions­hybrid­integrations­plattform as a Service

© zeber – Fotolia

Von Axel Oppermann, Avispador

Digitale Disruption. Globalisierung. Dezentralisierung. Neue Geschäftsmodelle. Neue Wettbewerber. Einhalten gesetzlicher Vorschriften. – Unternehmen sind hochkomplexen und oft beispiellosen Herausforderungen im Wettbewerb ausgesetzt. Menschen, Prozesse und Technik zu verbinden, schafft Wettbewerbsvorteile und kann, richtig und intelligent gemacht, auch Nutzen für jeden Einzelnen und die Gesellschaft bringen. Und da dem so ist, und die Kosten für Datenerhebung & Co. weiterhin drastisch sinken, dabei gleichzeitig die Produktivität steigt, wandern jegliche Aktivitäten ins Internet. Neue Technologien, intelligente Anwendungen und andere Innovationen können Dienstleistungen verbessern und helfen, Herausforderungen in einem breiten Spektrum besser zu lösen. Grundlage hierfür sind Cloud-Computing-Technologien, -Denkmuster und -Lösungen.

Der richtige Grund für Cloud Computing

Wichtig in diesem Kontext: Immer mehr Unternehmen in Deutschland verfolgen eine Cloud-Strategie bzw. entwickeln vorhandene Strategien weiter. Manche gehen sogar so weit, in ihren Planungen die Marketing-Phrasen der Hersteller zu übernehmen und so etwas wie „Cloud first“ zu propagieren. Aber erfolgt dieser Strategieschwenk, diese Änderung im Mindset, aus den richtigen Gründen? Denkt man an alle, insbesondere die sinnvollen Gründe für einen Weg in die Cloud? In der Regel wohl nicht.

Warum die Frage wichtig ist? Die Transformation von Geschäftsmodellen, Anwendungen und Infrastrukturen ist eine komplexe und teilweise komplizierte Aufgabe; sie bedingt Wissen, braucht Zeit und kostet Geld. Dabei ist, bei aller Aufbruchstimmung hin zur digitalen Gesellschaft, ein optimierter Return on Investment für Unternehmen wesentlich. Auch deshalb lohnt es sich, darüber nachzudenken, warum die Migration oder ein Cloud-Projekt stattfindet und welche Vorteile das Unternehmen bis hin zum einzelnen Mitarbeiter davon hat (respektive, was gegen eine Realisierung spricht oder sprechen sollte).

Oft werden Cloud-Infrastrukturen mit dem Argument eingeführt, die Cloud, besonders die Public Cloud, sei billiger, als ein eigenes Rechenzentrum zu betreiben. Abgesehen davon, dass es bei der Einführung von Cloud-Lösungen grundsätzlich nicht um Kosten, sondern um Nutzen gehen sollte, hinken solche Vergleiche: Zum einen können in den meisten Fällen die wahren Kosten für den Betrieb des Rechenzentrums nicht ermittelt werden – wegen mangelnder Transparenz, fehlender Kostenstellenbetrachtungen, nicht vorhandener Zuordnung von Einzel- und Gemeinkosten usw. Zum anderen macht die Unschärfe beim Kalkulieren der Kosten der laufenden Workloads aus der Public Cloud diese Diskussion in den meisten Situationen unbrauchbar.

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Axel Oppermann ist seit 2004 IT-Berater. Nach einer Ausbildung als Bankkaufmann und einem Studium der Wirtschaftswissenschaften war er zunächst im Research-Umfeld tätig. Seit 2006 arbeitet er selbstständig für Beratungshäuser und ist Gastautor für verschiedene Medien wie Computerwoche, Handelsblatt und MittelstandsWiki. Zusätzlich bringt er mit einem Team das Microsoft-Briefing heraus, einen Infodienst von Avispador, der die Produkte des Microsoft-Universums unter die Lupe nimmt. Dort hat er außerdem den Dienst Buying|Butler gestartet, einen Service zur betreuten Beschaffung von IT und digitalen Gütern.


Axel Oppermann, Avispador GmbH, Miramstraße 74, Im Hagen Park – Gebäude 8, 34123 Kassel, Tel.: (0561) 89075594, kontakt@avispador.de, www.avispador.de

Häufig werden Cloud-Projekte nur gestartet, weil es en vogue ist. Ja, richtig. Waren sie vor 18 oder 24 Monaten verpönt, brüsten sich mittlerweile die Unternehmen mit ihren Cloud-Aktivitäten. Egal, ob infrastrukturgetrieben oder aus dem Business forciert: Nur selten geht der Ehrgeiz über mehr als eine Technologie oder einige Prozesse hinaus. Für zukunftsweisende und relevante Veränderungen fehlen der Mut, die Kompetenz und das Vertrauen. Die Folgen sind nicht nur Geldverschwendung, sondern, viel schlimmer, vertane Zeit und die zerstörte Hoffnung, aus der Technologie Vorteile zu ziehen.

Oft wird im Bezug auf Cloud nur von Digitalisierung gesprochen. Also im weitesten Sinne davon, irgendetwas zu digitalisieren, am besten auf Basis von Cloud, so wie von physischen Medien auf digitaler Storage. Öfters wird dann über digitale Transformation gesprochen, also einer Integration von (digitalen) Prozessen und Technologien (exemplarisch: Selfservice in HR). Aber zu selten, und hier liegt der Fehler, wird in der Dimension der digitalen Neuerfindung (Digital Reinvention) gedacht und gehandelt. Also auf der gedanklichen Ebene einer grundlegenden oder fundamentalen Neugestaltung der Wertschöpfungskette. Egal wie der Einzelne oder ein einzelnes Unternehmen Cloud Computing definiert, egal was die Beweggründe oder Ziele sind: Es gibt Rahmenparameter, die über Erfolg und Nutzen entscheiden.

Erstens: das Grundverständnis

Cloud ist eine Effizienzmaßnahme. Das, was weitläufig unter digitaler Transformation verstanden wird, ist eine strategische Maßnahme. Ausgehend von der Frage „Was braucht die Welt – was brauchen wir – als Nächstes?“ (und nicht von der Frage „Was haben wir schon?") leitet sich die Digital Reinvention als strategische Maßnahme ab.

Zweitens: die ökonomische Betrachtung

Cloud in der heutigen Form wird ermöglicht, weil Netzwerkverbindungen verfügbar sind. Losgelöst von den erwähnten Beweggründen für die Nutzung von Cloud-Technologien und den ausschlaggebenden geschäftlichen Bedingungen geht es bei der eigentlichen Realisierung im Kern darum, zukünftig nicht den Prozess der Datenverarbeitung in den Mittelpunkt der ökonomischen Betrachtungen zu stellen; die Überlegungen beginnen vielmehr am Ort der effizientesten Datenverarbeitung.

Als Messgröße für eine solche Effizienz werden noch allzu oft niedrigste Bau- und Betriebskosten sowie geringste Steuersätze herangezogen. In anderen Worten: Bei der Nutzung der Cloud geht es vom Ansatz her grundsätzlich nicht darum, Kosten zu sparen, sondern darum, Geschäftsziele zu realisieren – in regelmäßig höchstmöglicher Qualität, unter Einhaltung der gesetzlichen Rahmenparameter bei gleichzeitiger Kosteneffizienz. Effizienzüberlegungen folgen effektiven Bewertungsgrundlagen wie Qualität oder Sicherheit.

Drittens: der Markt

Den Cloud-Markt, insbesondere das Segment Public Cloud, dominieren US-amerikanische Anbieter. Google, AWS, Microsoft und IBM haben einen Marktanteil von über 63 %. Zwar wachsen auch die nachfolgenden Cloud-Anbieter beim Umsatz, verlieren aber Marktanteile. Mit anderen Worten: Trotz des allgemeinen Marktwachstums – in Deutschland jährlich um die 30 % – einer Vielzahl von Anbietern konzentriert sich die Nachfrage bei einigen wenigen, die in absehbarer Zeit den Markt dominieren werden. Diese Big Four planen regelmäßig mit Profitmargen von über 60 %.

Der Public-Cloud-Markt wird sich also in absehbarer Zeit zu einem Oligopol entwickeln. Und nicht nur deshalb wird ein Vendor Lock-in auch bei der Cloud unvermeidbar werden. Was bei Datenbanken oder E-Mail-Systemen nur ein pain in the ass ist, wird bei der Cloud ein Risiko, bedingt durch die tiefe Integration und die Tatsache, dass einzelne Cloud-Services elementarer Bestandteil der eigenen Geschäftsmodelle sein werden.

Viertens: die Daten

Die Ausrichtung der Strategie bzw. die Konzeption von Geschäftsmodellen auf Cloud-Modelle, bei denen die Daten am effizientesten Ort verarbeitet werden, lassen einerseits Daten zu einem integralen Bestandteil des Welthandels werden. Anderseits führt die Dynamik bzw. die Flüchtigkeit der digitalen Datenübertragung in einem weltweiten Konstrukt dazu, dass diese Prozesse irgendwann nur schwer oder nicht mehr beherrschbar sind. Es bedarf deshalb genauso wie bei physischen Waren eines regulierten und kontrollierten Systems.

Fünftens: die IT

Informationstechnologie ist eine unterstützende Funktion, Betriebsmittel oder Produktionsfaktor. Die IT-Organisationen, die Kompetenzträger in der IT, können Treiber sein, müssen aber nicht. Durch die Integration von Business und IT, durch das Priorisieren von Initiativen, das Straffen der Entwicklung und Operationen und das schnelle Bereitstellen von Cloud-Ressourcen kann (muss aber nicht) IT ein wahrer Möglichmacher im Unternehmen werden. So kann die IT schnell reagieren, wenn es notwendig wird. Wichtig: Schnell bzw. schneller auf die Anforderungen im Unternehmen reagieren zu können, ist ein zentrales Element der Cloud, aber nicht das einzige. Zu beachten sind …

Sechstens: die technischen Möglichkeiten

Die Möglichkeiten, Cloud-Lösungen, Services oder auch die Abstraktionsmöglichkeiten (Stichwort: „Container“ oder „serverless") bereitzustellen, erweitern sich rasend schnell. Hier bedingt das Ziel im Wesentlichen die Auswahl der Technologie.

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Schwarz auf weiß
Dieser Beitrag erschien zuerst in unserer Heise-Beilage „IT- und Techologieunternehmen stellen sich vor“. Einen Über­blick mit freien Downl­oad-Links zu sämt­lichen Einzel­heften be­kommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Ultima Ratio: Hybrid-Multi-Clouds und darüber hinaus

Führt man all diese Überlegungen zusammen, wird klar, dass sich die Cloud als grundlegende strategische Komponente, als Basistechnologie, in bestehende und neue Geschäftsmodelle nur einsetzen lässt, wenn das eigentliche Geschäftsziel benannt werden kann – neben dem Warum auch das Wofür. Danach gilt es, das Wie zu klären.

Eine interessante Frage: Ein Cloud-Anbieter oder mehrere? Anbieter wie Microsoft und AWS plädieren natürlich für eine monolithische Struktur. Aber der Markt zeigt: Es gibt auch andere Meinungen. Die Praxis zeigt: Cloud ist nicht gleich Cloud. Und oft ist es sinnvoll, Services von verschiedenen Anbietern zu beziehen, was Unternehmen natürlich vor Herausforderungen stellt. Doch diese Herausforderungen kennen viele Unternehmen schon lange.

Die Realität: In vielen Unternehmen gibt es bereits einen Cloud-Zoo, bestehend aus Lösungen zahlreicher Anbieter, der geordnet und eingesammelt werden muss. Durch drängelnde Line-of-Business-Teams und ungeduldige IT-Entwickler ist vielerorts sogar eine Multi-Cloud-Kultur entstanden, ohne dass es jemand richtig mitbekommen hat. Fachabteilungen und Entwickler haben SaaS, IaaS und PaaS beschafft, um Ressourcenbeschränkungen zu überwinden. Jetzt bestehen alle Unternehmens-IT-Strukturen aus Multi-Clouds.

Wenn solche Multi-Clouds – und das ist das Vorgehen vieler Unternehmen – die Ausführung von verteilten Geschäftsprozessen ermöglichen, werden sie zu hybriden Clouds: Konstrukten, die Applikationen sowie Systeme verbinden und integrieren, zum Austausch von Nachrichten, zum Übersetzen von Daten sowie zum Monitoring und zur Verwaltung, Nutzung und Performance. Ausgestattet mit Hybrid-Architektur. Der Markt für die Multifunktions­hybrid­integrations­plattform as a Service (iPaaS) wächst heran und hat sich zu einem Basisinstrument entwickelt. Aber Multi-Clouds und Hybrid-Clouds führen auch zu Workloads und Infrastrukturherausforderungen, die neue Cloud-Management-Technologien und -Verfahren benötigen.

Zwar ist der Markt für die Werkzeuge und Technologien vorhanden, die für die Inbetriebnahme und Verwaltung von Hybrid-Multi-Clouds im Rahmen der IT-Architektur benötigt werden; er ist allerdings fragmentiert und verlangt nach Innovationen, die den tatsächlichen Anforderungen der Nutzer gerecht werden. Dies ist zwingend notwendig! Warum? Viele Unternehmen haben vor, mehrere, Dutzende Cloud-Services zu nutzen. Spätestens dann, wenn Workloads, Daten und Prozesse über mehrere lokale, gehostete, private und öffentliche Cloud-Services hinweg verschoben werden, wird es notwendig sein, einen neuen Ansatz für hybrides Multi-Cloud-Management zu haben. Einen, der unter anderem ein einheitliches Modell für Zugriffskontrolle, Abrechnung und Bereitstellung, Kapazitätsmanagement, Kostenkontrolle und Performance-Analyse ermöglicht. IT-Verantwortliche müssen unbedingt von Herstellern und Serviceanbietern eine ganzheitliche Plattform verlangen, die es ermöglicht, Workloads strategisch und operativ dem besten Ausführungsort zuzuordnen und dabei gleichzeitig die Geschäftskontinuität über das hybride Multi-Cloud-Enterprise-Architekturkonstrukt zu verwalten.

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