Digitale Disruption, Teil 3

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Noch einmal in Ideen denken!

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Von Michael Praschma und Eduard Heilmayr

Wir schreiben das Jahr 2017. 30 % der deutschen Unternehmen verfügen über keine eigene Website. Das sagen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes für 2016. Dabei versaut ganz überwiegend die Masse der Kleinbetriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern die Optik. Denn größere Betriebe sind im Schnitt mindestens zu 90 % mit einer Website online. Digitale Innovation oder gar Disruption sieht anders aus.

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Disruption – daran können sich Manager besoffen reden“, schrieb die FAZ. Dabei geht es um weit mehr als einen Online-Shop, Social Media oder Neukundengewinnung durch Inbound Marketing. Disruptive Technologien bzw. Innovationen sind mindestens ebenso erfolgskritisch, wenn es um Dinge wie Produktentwicklung, Lieferketten (Supply Chain Management), Service Management, Personalentwicklung/HRM oder Finanzbuchhaltung, Bilanzierung und Steuererklärung geht. Alleine in diesen Bereichen ist das Potenzial an Effizienzsteigerung schon wettbewerbsentscheidend.

Kundennutzen oder elektrische Extras

Ob ein Durchlauferhitzer wie das Flaggschiffmodell von Stiebel-Eltron mit Wettervorhersage und Internet-Radio wirklich sinnvoll ausgestattet ist, bleibt diskussionswürdig. Er lässt sich jedenfalls mit einer App fernsteuern, und zweifellos ist das eine digitale Innovation, die sich auch seit 2015 auf dem Markt hält.

Schwenk zum Versicherungsgeschäft, Abteilung Claim Management (Schadensabwicklung): Wenn Hagelunwetter Autos zu Hunderten zusammendreschen, gehen die Kosten für Versicherungsgutachter durch die Decke. Denn die geballte Masse an Schadensdaten auch nur aufzunehmen, geschweige denn zu verarbeiten, zu bewerten und haltbare Entscheidungen dazu zu treffen, treibt die zuständigen Abteilungen an echte Kapazitätsgrenzen.

Serie: Digitale Disruption

  • Teil 1 gibt einen ersten Überblick: Was soll digitale Disruption überhaupt sein? Und für wen wird es dabei eng?
  • Teil 2 sieht sich an, wie Steuer- und Wirtschaftsdaten Wert schöpfen und welche Strategie die DATEV angesichts des Wandels einschlägt.
  • Teil 3 gibt schließlich einen praktischen Ausblick mit Beispielen, die vor Augen führen, dass Digitalisierung am besten mit Verstand geschieht.

Hier kommt das Stichwort „Insurance Tech“ ins Spiel. Teils sind damit neue Start-up-Geschäftsmodelle gemeint, deren disruptive Potenz allerdings (anders als im Bankwesen) umstritten ist. Interessant sind aber innerbetriebliche Lösungen wie eben die Digitalisierung bei der mobilen Bearbeitung von Hagelschäden: Beschädigte Fahrzeuge werden vor Ort in einen Truck gefahren und dort binnen drei Minuten bis zu 1700-mal fotografiert. Die dabei entstandenen Daten werden mit den gespeicherten Daten des jeweiligen Fahrzeugtyps verglichen und ermöglichen so eine sofortige Analyse des Schadens: Klassifizierung, Schätzung usw. Diese Analyse kann sofort ausgedruckt bzw. digital verschickt werden: für den Kunden, den Reparaturbetrieb und die Versicherung. Diese Lösung ersetzt die gesamte Logistik und den immensen Aufwand von Gutachtern verschiedener Versicherungen, da alle Schäden ja zur gleichen Zeit und am gleichen Ort aufgenommen und an die verschiedenen Versicherungen übermittelt werden können.

Diese Lösung kommt von einem Unternehmen mit dem coolen Namen Catastrophe Solutions und spart in den USA mehrere Hundert Dollar pro Fahrzeug bei der Schadensfeststellung. Digitale „Anstrengungen“ können aber auch zu Armutszeugnissen werden, wenn etwa eine elegante und hochinteraktive digitale Landkarte für die Suche nach dem nächsten Kundenansprechpartner eingerichtet wird – aber dann gibt es für ganz Norddeutschland nur einen, und zwar in Rostock.

Better run a changing system

Big Data, Cognitive Computing und intelligente Netze sieht Dr. Robert Mayr, seit 2016 CEO der DATEV, als treibende Faktoren der laufenden digitalen Revolution. Sein Tipp: auf Systeme zu setzen, die sich zum Beispiel selbstlernend verändern können – aber ebenso je nach dem Ökosystem der Umgebung, in der sie eingesetzt werden. Das verweist unter anderem auf Cloud-Lösungen. Die DATEV ist Software-Anbieter, zugleich aber auch ständische Vertretung ihrer Mitglieder: Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Rechtsanwälte, mit Fokus auch auf die Mandanten dieser Berufsgruppen. Sie alle haben den Bedarf, innerhalb der Organisation, untereinander sowie mit ihren Kunden Daten auszutauschen; und das soll möglichst ohne System- bzw. Medienbrüche passieren.

In der genossenschaftseigenen Cloud werden bereits jetzt Informationen zwischen mittelständischen Unternehmen und deren Steuerberatern sowie rund 200 Institutionen in Deutschland weitgehend automatisiert ausgetauscht – darunter Finanzverwaltungen, Sozialversicherungsträger, Krankenkassen, Banken, Berufsgenossenschaften oder statistische Ämter. In Datenbanken stehen den Mitgliedern mehr als 530.000 Dokumente zu den Themen Steuer-, Zivil-, Handels- und Gesellschaftsrecht im Volltext zur Verfügung. Die Aufgabe, die die DATEV in den kommenden Jahren lösen will, ist die Aufhebung bisheriger digitaler Brüche an den Schnittstellen der betreffenden Datenwelten. Angesichts der Vielfalt bestehender innerorganisatorischer Software werden oft Hybridlösungen erforderlich sein, will man die Möglichkeiten von Cloud-Angeboten voll ausschöpfen. Gut eigespielte digitale „winning horses“ in Unternehmen bzw. Kanzleien müssen so nicht aufwendig aus dem Rennen geworfen und ersetzt werden.

Die Entwicklungsunterschiede in der Digitalisierung sind gewaltig. Der Weg zu digitaler Disruption wird in vielen Fällen mit recht bescheidenen ersten Schritten beginnen müssen, doch das ist längst keine Hexerei mehr. Ob der Einzelhändler eine Produktpräsentation mit Virtual Reality per QR-Code am Regal anbietet, der Steuerberater seine Akten mit RFID organisiert oder ein Spezialitätenrestaurant sein lokales Marketing über Apps und Social Media runderneuert – Best Practice und aufregende Ideen lassen sich mit nicht einmal viel Mühe schnell finden. Entscheidend ist nicht, zu digitalisieren, weil das chic ist. Einen Durchbruch wird vielmehr nur erzielen, wer damit für seine Kunden deutlich spürbaren Zusatznutzen schafft. Und in vielen Fällen werden Unternehmen sich an eine neue Kultur des Scheiterns – Stichwort: Design Thinking – gewöhnen müssen, um zu überleben.

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