IT-Systemelektroniker

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Die Meister der Netze

© benjaminnolte – Fotolia

Von David Schahinian

1997 veröffentlichten Radiohead ihr wegweisendes Album OK Computer. Im selben Jahr wurde der staatlich anerkannte Ausbildungsberuf zum IT-Systemelektroniker bundesweit geregelt. Das Berufsbild ist also wohlbekannt und etabliert. Andererseits sind 20 Jahre in der IT-Welt eine halbe Ewigkeit, was den Ruf nach einer umfassenden Modernisierung lauter werden lässt. IT-Systemelektroniker planen bzw. installieren nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) kundenspezifische Systeme der IT-Technik, konfigurieren sie und nehmen sie in Betrieb. Des Weiteren warten sie die Systeme, analysieren Fehler und beseitigen Störungen. Außerdem beraten und schulen sie Kunden.

Auch das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) klärt darüber auf, was IT-Systemelektroniker beherrschen sollten: Dazu zählt, die Leistungsfähigkeit, Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und Erweiterungsmöglichkeit von IT-Systemen bewerten zu können. Sie kennen Produkte, Prozesse und Verfahren, und sie stellen fest, welche Hard- und Software-Ausstattung ein Arbeitsplatz benötigt. Außerdem sollten sie Arbeitsabläufe und Datenflüsse in Unternehmen ermitteln können. Ihr Einsatzort kann wechseln: Nicht selten werden sie als Retter in der Not in Unternehmen gerufen, wenn der Betriebsablauf aufgrund von Netzstörungen stockt. Das kann vereinzelt auch bedeuten, außerhalb der Kernarbeitszeiten ausrücken zu müssen. Typische Einsatzbranchen sind in der IT-Technik oder in Elektroindustriebetrieben. Auch in IT-Systemhäusern, im Einzelhandel oder der öffentlichen Verwaltung kommen sie zum Einsatz.

Ran an die Hardware!

Klingt wie die Ausbildung zum Fachinformatiker? In der Tat gibt es viele Überschneidungen. „Der IT-Systemelektroniker befasst sich jedoch zusätzlich ausgiebiger mit den elektronischen und mechanischen Komponenten und kümmert sich um eine fachgerechte Verkabelung und Vernetzung einschließlich der zugehörigen Stromzufuhr“, klärt das Auswärtige Amt auf. Nicht uneigennützig, denn diese Behörde sucht dringend IT-Systemelektroniker. Darüber hinaus dürfen sie im Gegensatz zu allen anderen IT-Ausbildungsberufen Arbeiten in Teilbereichen elektrischer Anlagen, zum Beispiel an Unterverteilungen, bis zu einer Spannung von 1000 V durchführen. Der IT-Systemelektroniker ist vollwertige Elektrofachkraft – und damit stehen ihm ebenso die Wege in die Elektroindustrie offen.

Eb 42497.jpg Gefragt war: „Welche der folgenden Bereiche gehören zu Ihrem Tätigkeitsprofil?“ (Bild: BIBB-Voruntersuchung IT-Berufe, Abschlussbericht – Teil A, 2016)

Nerds dagegen sind zumindest in einigen Einsatzfeldern fehl am Platz: Zu den typischen Aufgaben des Berufsbildes kann auch zählen, Kunden in die Benutzung von Geräten und Systemen einzuführen oder Kollegen zu schulen oder einzuweisen. Von Vorteil sind für IT-Systemelektroniker des Weiteren mathematisches Verständnis und logisches Denkvermögen sowie die Fähigkeit, sich immer wieder auf neue Situationen einstellen zu können und gerne im Team zu arbeiten.

Einstieg mit und ohne Vorbildung

Die Qualifizierung enthält außerdem einen hohen kaufmännischen Anteil. Sie dauert drei Jahre als klassische duale Ausbildung, die in der Berufsschule und im Lehrbetrieb stattfindet. Gegebenenfalls ist eine Verkürzung der Ausbildungsdauer möglich. Sie schließt mit einer Prüfung ab, die drei schriftliche, einen praktischen und einen mündlichen Teil umfasst. Eine bestimmte Vorbildung wird nicht vorausgesetzt, doch erwarten die Betriebe in der Regel mindestens einen Hauptschulabschluss oder die mittlere Reife. Einer Statistik der BA zufolge waren 2015 lediglich 3 % der Ausbildungsanfänger ohne Hauptschulabschluss. Auch hier zeigt sich die Entwicklung hin zu höherwertigen Bildungsabschlüssen: 8 % hatten einen Hauptschulabschluss, 54 % einen mittleren Bildungsabschluss. Mit 35 % konnte sogar mehr als ein Drittel der Azubis die Hochschulreife vorweisen. Umschulungen zum IT-Systemelektroniker sind ebenfalls möglich.

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Schwarz auf weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“ erschienen. Einen Über­blick mit Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften be­kommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Und wie steht’s mit dem Gehalt? Im ersten Ausbildungsjahr werden in der Regel 500 bis 730 Euro im Handwerk sowie 936 bis 1010 Euro in der Industrie gezahlt. Im zweiten Lehrjahr sind es 550 bis 810 bzw. 987 bis 1057 Euro. Das dritte Ausbildungsjahr wird im Handwerk mit monatlich 600 bis 800 Euro entlohnt, in der Industrie sind es 1056 bis 1150 Euro. Das durchschnittliche Einstiegsgehalt liegt bei 1800 bis 2500 Euro brutto im Monat und kann sich auf 3000 Euro steigern. Das Portal gehalt.de listet eine Spanne zwischen 1996 und 2890 Euro. Doch nicht nur wegen des Geldes ist eine sorgfältige Auswahl des Lehrbetriebs ratsam. Diese sind in der Regel in einer speziellen Branche oder auf einem bestimmten Fachgebiet tätig, etwa im Bereich IT-Systeme, Fest- oder Funknetze. Entsprechende Schwerpunkte liegen dann zumindest in den Abschnitten der Ausbildung, die im Betrieb absolviert werden. Zudem hat dies auch Einfluss darauf, ob sich der eigene Arbeitsplatz später überwiegend im Büro oder bei Kundenunternehmen befindet.

Ausschlaggebend für die weitere Lohnentwicklung ist, wie auch in anderen Berufen, ob und welche Zusatzqualifikationen später eventuell noch erworben werden. Das Portal ausbildung.de schlägt u. a. eine Weiterbildung zum IT-Sicherheitstechniker vor; dann kann man im Unternehmen noch mehr Verantwortung übernehmen. Mit einem guten Schulabschluss bietet sich auch ein Bachelor-Studium der Elektrotechnik oder der technischen Informatik an. Ebenfalls denkbar ist der Erwerb eines Meistertitels. Die berufliche Selbstständigkeit oder eine Qualifikation zum Industriefachwirt oder Fachwirt Datenverarbeitung sind weitere Optionen, heißt es beim BMWi. Nach einigen Jahren Berufspraxis könne zudem eine innerbetriebliche Führungsposition möglich sein, etwa als Kundenberater, Netzwerkbetreuer oder als Leiter der Qualitätssicherung.

Wer sich weiterbilden möchte, findet bei den Industrie- und Handelskammern sowie bei privaten Schulungs- oder Berufsbildungszentren Möglichkeiten dazu. Auch den eigenen Ausbildungsbetrieb bzw. Arbeitgeber kann man auf innerbetriebliche Weiterbildungen ansprechen. Ratsam könnte dabei eine Orientierung in Richtung Sicherheitstechnik sein, da diese künftig einen noch höheren Stellenwert als bereits heute haben wird.

Zukunftsfragen

Was die Chancen auf dem Arbeitsmarkt angeht, ergibt sich für IT-Systemelektroniker derzeit kein eindeutiges Bild. Nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) sank die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge zwischen 2004 und 2016 von rund 2600 auf etwa 1500 pro Jahr. Dagegen erlebte beispielsweise der Beruf des Fachinformatikers einen rasanten Aufstieg. In einer Online-Befragung des Instituts unter insgesamt mehr als 6000 Personal- und Ausbildungsverantwortlichen, IT-Fachkräften und Auszubildenden gaben zudem 40 % der Befragten an, dass der Beruf in ihrem Betrieb keine Rolle spiele. Etwa jeder Zehnte rechnete mit einem steigenden Fachkräftebedarf, jeder Fünfte mit einem gleich bleibenden. Dass der Bedarf an IT-Systemelektronikern sinken wird, glaubten 13,5 % der Befragten. Insgesamt wird der künftige Bedarf über die verschiedenen Branchen hinweg meist als gering eingeschätzt.

Interessant erscheint jedoch, dass im Verteidigungssektor 38,2 % der Befragten einen steigenden Bedarf sahen, während nur 14 % keine Verwendung für IT-Systemelektroniker hatten. „Auch in der Branche Energieversorgung ist dieser Beruf stärker verbreitet“, heißt es in der Studie weiter. Vielleicht spielt ja auch der Name eine Rolle bei der Entwicklung der Zahlen: Mehr als 44 % der Befragten gaben an, dass sie die Attraktivität der Berufsbezeichnung für Frauen als gering einschätzen – deutlich mehr als in anderen IT-Berufen.

Baymevbm Studie Industrie-4-0.jpg M+E-Berufe und ausgewählte IT-Berufe im Industrie-4.0-Berufe-Atlas: innerer Ring: Relevanz 5–10, äußerer Ring: Relevanz 2–5 (Bild: Bayerischer Unternehmensverband Metall und Elektro e.V./Verband der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie e.V.)

Was die Zukunftsfähigkeit des Berufsbildes betrifft, gibt eine Studie der bayerischen Metall- und Elektroarbeitgeber Aufschluss. Sie untersuchte die Auswirkungen von Industrie 4.0 auf die Aus- und Weiterbildung in der Metall- und Elektroindustrie. Der Beruf wurde als einer mit „mittlerer Nähe“ zu den entsprechenden Handlungsfeldern eingeordnet. Seine Beschreibungen seien jedoch so produktionsfern formuliert, dass er für Aufgaben im Kontext von Industrie 4.0 kaum relevant sei. Das bedeutet nicht, dass er nutzlos ist – aber dass in Produktionshallen andere Qualifikationen stärker gefragt sind.

Modernisierung tut not

Wie passt das zusammen? IT-Systeme sind mittlerweile fast bis in den letzten Winkel der Erde vorgedrungen, das Internet ist ein weltumspannendes Netz, doch die Nachfrage nach IT-Systemelektronikern soll nachlassen? Und das, obwohl sie als begabte Praktiker mit elektrotechnischem Zusatzwissen für das reibungslose Einrichten und Funktionieren dieser Netze verantwortlich zeichnen?

Ein gewichtiger Teil der Antwort hängt damit zusammen, dass das Berufsbild 20 Jahre alt ist. Durch die zunehmende Digitalisierung und Vernetzung kommen längst andere An- und Herausforderungen auf die Unternehmen zu, die von den Ausbildungsinhalten der vier dualen IT-Berufe zumindest teilweise nicht mehr adäquat abgebildet werden. Neben dem IT-Systemelektroniker sind dies der Fachinformatiker, der IT-Systemkaufmann und der Informatikkaufmann. Das war auch dem Bundeswirtschafts- und dem Bundesbildungsministerium bewusst, als es die erwähnte BIBB-Studie in Auftrag gab. Ziel war, den Modernisierungsbedarf in diesen Berufen festzustellen. Denn dass die Fähigkeiten durchaus gebraucht werden, ist u.a. daran abzulesen, dass die Ausbildungszahlen in den vier Berufen insgesamt konstant bei 15.000 lagen, 2016 waren es sogar 16.032. Dabei entwickelte sich der Fachinformatiker (in den Fachrichtungen Systemintegration und Anwendungsentwicklung) immer mehr „zur nachgefragten Kernmarke der IT-Berufe“, berichten die Wissenschaftler. Die tendenziell rückläufigen Zahlen würden so in den anderen drei Berufen überkompensiert – mehr als 12.000 Auszubildende entschieden sich für diesen Weg.

Eb 42497-b.jpg In der BIBB-Studie wollten Henrik Schwarz et al. auch wissen, wie die Befragten die zukünftige Entwicklung des IT-Fachkräftebedarfs einschätzen. Hier die Bedarfe an IT-Fachkräften mit … (Bild: BIBB-Voruntersuchung IT-Berufe, Abschlussbericht – Teil A, 2016)

Alles in allem identifizierten die Experten einen erheblichen Modernisierungsbedarf. Grundsätzlich machen sie sich hinsichtlich Industrie 4.0 für ein „Industriepaket“ stark – und greifen damit einen Aspekt der bayerischen Studie auf. Zwei Drittel der IT-Fachkräfte seien in Branchen außerhalb der ITK-Branche tätig, zum Beispiel im verarbeitenden Gewerbe. Daher sollten produktionsnahe Inhalte wie Robotik, Sensorik, 3D-Druck oder Produktionssteuerung in der Ausbildung verankert werden. Wichtig für junge Menschen, die sich eine Ausbildung zum IT-Systemelektroniker vorstellen können: Die Zufriedenheit mit der betrieblichen Lehre in den IT-Berufen ist sehr hoch. Bei der Wissensvermittlung in den Berufsschulen wurde hingegen noch Optimierungsbedarf erkannt. Was das konkrete Berufsbild des IT-Systemelektronikers betrifft, sahen auch die Studienautoren Überschneidungen in den Anforderungen mit dem Fachinformatiker, Fachrichtung Systemintegration. Daher schlagen sie u.a. vor, die Ausbildung zum IT-Systemelektroniker durch die Integration von Inhalten des Fachinformatikers weiterzuentwickeln.

Da steckt noch was drin

Dass IT-Systemelektroniker nicht übermäßig und in allen Branchen gleich stark nachgefragt sind, sollte Interessenten, die sich für Strom und Netze interessieren, nicht abschrecken. Oftmals werden sie von ihren Ausbildungsbetrieben übernommen, und die BA stellt fest: „Nach wie vor gibt es nur wenig Arbeitslose mit IT-Berufen.“ Zwar sind die Ausbildungszahlen in diesem Berufsbild in den vergangenen Jahren gesunken, doch ist damit zu rechnen, dass es in naher Zukunft zu einer Modernisierung der vier dualen IT-Berufe kommen wird. Damit werden nicht nur die Inhalte praxisnäher und interessanter für die Auszubildenden. Sie erfüllen dann auch wieder vermehrt die Anforderungen der Unternehmen – und einer handfesten IT-Karriere steht nichts mehr im Weg.

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