Gaia-X

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Clouds in der Kristallkugel

© Louis Maniquet – Unsplash

Von Axel Oppermann

Während die meisten Unternehmen nach wie vor mit der Digitalisierung ihres Geschäfts und darüber hinaus mit der Digitalisierung im Allgemeinen kämpfen – durch die Integration künstlicher Intelligenz (KI), IoT- (Internet der Dinge) und Cloud-Technologien sowie demnächst mit den Möglichkeiten von Quantencomputing –, schafft der Staat, schafft die Regierung glänzende Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit unseres Landes, Europas, einzelner Unternehmen und für jeden einzelnen Bürger. Gaia-X zählt jedoch nicht dazu.

Prolog: der Wandel

„Der Wandel“ findet derzeit in vielen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Feldern statt. „Der Wandel“ findet derzeit aber vor allem auf dem Feld der Informationstechnologie als eines Querschnittsthemas statt. Lösung und Problem, Treiber und Möglichmacher für „den Wandel“ ist Digitalisierung. Während Forschung, Technik und Wirtschaft die Weichen für eine neue Gesellschaft gestellt haben, schauten Politik und breite Teile des Bürgertums weitgehend stumm zu. Ein breiter Diskurs fand, trotz Zunahme in den vergangenen 18 Monaten, so gut wie nicht statt. Zukunft und Wandel wurden und werden in Deutschland zu oft als Schicksal und Bedrohung denn als Chance und Gestaltungsaufgabe begriffen.

Jedoch nur wer vor allem die Chancen des technologischen Wandels und der Digitalisierung sieht, geht mit Elan an die Lösung der Probleme heran. Wer dagegen in erster Linie die Risiken fürchtet, bleibt passiv oder versucht erst gar nicht, aufzuhalten, was sich am Ende doch nicht aufhalten lässt. Und so begab es sich, dass ein Großteil der politischen Verantwortlichen und wirtschaftlichen Lenker sich lange Zeit im Dornröschenschlaf befand oder mit anderen Sachthemen beschäftigte. Weiteres Nachdenken war angesagt.

Da bekanntlich alles ein Ende hat, gingen Vertreter der deutschen Bundesregierung, Wissenschaft und Wirtschaft im Frühherbst 2019 an eine Öffentlichkeit, um das Projekt, um die Initiative Gaia-X vorzustellen.

Ditigal-Gipfel-2019-Gaia-X-Vorstellung.jpg Auf dem Digital-Gipfel Ende Oktober 2019 präsentierten BMBF und BMWi die Initiative Gaia-X. (Bild: Hans-Joachim Rickel – BMBF)

Was ist Gaia-X?

Gaia-X ist eine Initiative der deutschen Bundesregierung, getrieben und öffentlich positioniert durch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, um eine europäische Digitalinfrastruktur zu schaffen: eine Plattform, ein Set an Schnittstellen. Ziel ist eine europäische vernetzte, offene Dateninfrastruktur, die Bürgern, Unternehmen und Behörden Unabhängigkeit von außereuropäischen Großkonzernen und Interessensgruppen bietet. Oder, etwas einfacher ausgedrückt: Ziel von Gaia-X ist es, Daten zu speichern und auszuwerten.

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Gaia-X zum Download
Die über 50 Seiten starke Projektbeschreibung hat das BMWi als PDF online zum Download. (Bild: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie)

Unter Dateninfrastruktur wird hierbei eine vernetzte technische Infrastruktur aus Komponenten und Diensten verstanden, die den Zugang zu Daten sowie deren Speicherung, Austausch und Nutzung gemäß definierten Regeln ermöglicht. Angestrebt wird ein offenes digitales Ökosystem, in dem Daten sicher und vertrauensvoll verfügbar gemacht, zusammengeführt und geteilt werden können. Unter einem digitalen Ökosystem wiederum wird hier ein Netzwerk verstanden, das unter anderem aus Entwicklern, Anbietern und Anwendern digitaler Produkte und Services in Verbindung mit Transparenz, breitem Zugang und gegenseitigem Austausch besteht.

Grundlage für die Dateninfrastruktur und das angestrebte Ökosystem sind moralische Leitplanken und Leitprinzipien. Hierzu zählen europäischer Datenschutz, Modularität und Interoperabilität, ein freier Marktzugang und Selbstbestimmtheit, Offenheit und Transparenz, Authentizität und Vertrauen sowie Nutzerfreundlichkeit. Gaia-X ist als europäische Initiative angelegt.

Zweck bzw. Notwendigkeit von Gaia-X ist es, der Gesellschaft, der Wirtschaft und Kontinentaleuropa eine Alternative zu US-amerikanischen und chinesischen Technologieanbietern zu stellen. Leitmotiv, Auslöser bzw. Anlass der Initiative sind der Wunsch und der Bedarf, Datensouveränität und (somit) digitale Selbstbestimmung zu erhalten bzw. zu erlangen.

Mit dabei sind die üblichen Verdächtigen, wenn es darum geht, den Tag herumzubekommen: die IG Metall, diverse Vertreter aus unterschiedlichen Ministerien und natürlich der Branchenverband Bitkom, ferner führende innovative Unternehmen wie Bosch oder die Friedhelm Loh Group, wie die DE-CIX-Group oder SAP. Oder Ionos. Sowie die üblichen Verdächtigen wie die Deutsche Telekom und die Fraunhofer-Gesellschaft. Weitere europäische Partner, allen voran Frankreich, sind dabei oder sollen begeistert werden.

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X-Woman im Trend
Aus Chronistenpflicht sei gesagt: Gaia (Γαῖα) ist die weibliche Erdgottheit der griechischen Mythologie. Ein X wird häufig als cooler und schicker Platzhalter, als Synonym oder Abkürzung verwendet: X wie Next. X wie Extra. X wie XXX. (Bild: Harry caoUnsplash)

Erste Bewertung

Die Ziege wollte einen langen Schwanz. Und Peter Altmaier als Vertreter der deutschen Bundesregierung will, gemeinsam mit ausgewählten Protagonisten aus Wirtschaft und Wissenschaft, eine europäische Cloud-Infrastruktur gegen die Dominanz ausländischer Konzerne errichten. Name der Initiative: Gaia-X. Was aus dem Wunsch der Ziege geworden ist, ist hinlänglich bekannt. Und die Ziege hat erkannt, dass man die Realität sehen muss, wie sie ist, und nicht, wie man sie sich wünscht. Was aus Gaia-X in der derzeit vorgestellten Version wird, gilt es zu erwarten; gilt es zu ertragen. Sie bietet auf den ersten Blick reichlich Angriffsfläche für Kritik.

Auf den zweiten Blick allerdings auch. In der vorgestellten Version fehlt es an Ausmaß, Umfang und Genauigkeit. Momentan hangelt sich das Konzept an Phrasen und Worthülsen entlang. Es wird von Datensouveränität gesprochen. Davon, dass Open Source der Schlüssel sei. Dass sich zahlreiche europäische Länder und Unternehmen im Geiste und darüber hinaus vereinen.

Kurzum: Jetzt gilt es zunächst, Details zu erarbeiten und vorzustellen. Auch gilt es, eine echte europäische Initiative zu starten, die über Deutschland und Frankreich hinausgeht. Die den Stärken und Interessen einer hinreichend großen Zahl an europäischen Ländern und Unternehmen gerecht wird. Und gerade hieran fehlt es. Es sollte aber bereits jetzt die Frage gestellt werden: Cui bono?

Ein Beispiel: Oncite

Die German Edge Cloud, ein Unternehmen der Friedhelm Loh Group, hat gemeinsam mit Bosch Connected Industry, IoTOS und Rittal die Industrial Edge Cloud Appliance Oncite vorgestellt. Die German Edge Cloud ist ein Start-up, das zur Friedhelm Loh Group gehört (unter anderem mit Rittal und iNNOVO Cloud) und private Edge-Cloud-Infrastrukturen (IaaS), Plattformen für Datenanalyse (PaaS) und industriespezifische KI-Anwendungen (SaaS) anbietet. IoTOS ist ein Anbieter von industriellen IoT-Anwendungen für die Smart Factory.

Oncite-(c)Rittal.jpg Der Rittal-Look ist kein Zufall: German Edge Cloud, IoTOS, Bosch Connected Industry und eben Rittal haben im Oktober 2019 gemeinsam Oncite gestartet. (Bild: Rittal)

Oncite richtet sich besonders an die Fertigungs- und Automobilzuliefererindustrie. Sie wird als eine hochverfügbare und schlüsselfertige „All-in-One-Lösung“ am Markt positioniert, die dem steigenden Bedarf nach echtzeitfähiger Datenverfügbarkeit mit einem skalierbaren „Edge-Cloud-Rechenzentrum“ begegnet. Das „Edge-Rechenzentrum“ – es handelt sich hierbei (im Marketing-Sprech ausgedrückt) um ein „Mini-Rechenzentrum“, also (spitzfindig und korinthenhaft ausgedrückt) um ein Serverrack – steht vor Ort in der jeweiligen Fabrik. Die Daten werden daher zeit- und ortsnah erfasst, gespeichert, verarbeitet und ausgewertet. Das skalierbare Edge-Cloud-System kann Maschinenmassendaten erfassen und so maschinenübergreifend harmonisieren, dass KI-basierte Produktionsoptimierungen angewendet werden können. Dadurch sollen Qualitätsverbesserung sowie eine Kosten- und Durchsatzoptimierung in der Fertigung erreicht werden. Die Edge-Technologie, die die Daten unmittelbar am Ort ihrer Entstehung verarbeitet, ermöglicht minimale Latenzzeiten – die für die Umsetzung vieler Industrie-4.0- und IIoT-Anwendungen erforderlich sind.

In der Automobilzuliefererkette soll Oncite einen sicheren Wertschöpfungs- und Supply-Chain-übergreifenden Datenaustausch mit den kommenden digitalen Produktionsplattformen der Hersteller – exemplarisch der VW Industrial Cloud oder der Open Manufacturing Platform von BMW – und Top Tier Suppliern ermöglichen. Ein exemplarischer Workload wäre ein weltumspannendes Track-and-Trace-Szenario.

Kurzum: Bei Oncite handelt sich mehr oder weniger um eine Me-too-Lösung zu Microsoft Azure Stack oder AWS Outposts. Oder zu Oracle Cloud at Customer. Oder zu Google Anthos. Oder zu … (hier einen – fast beliebigen – Namen eines großen IT-Anbieters einsetzen; es wird schon passen). Die Differenzierung von Oncite erfolgt über die avisierten bzw. anvisierten Standards hinsichtlich Datensouveränität. Ferner differenziert sich Oncite über den Grad an Offenheit. Die zentrale, entscheidende Differenzierung zu und damit der Vorteil von Oncite gegenüber den genannten Anbietern liegt allerdings, zumindest kurzfristig, im industrienahen Domänenwissen der Oncite-Konsortiumsmitglieder. Warum? Bei den Edge-Lösungen im Kontext von Industrie 4.0 und IIoT kommt es nicht nur auf die Hardware und die eingesetzten KI-Tools an. Es kommt vielmehr auf industrielles Know-how an. Und hier haben halt gegenwärtig noch die an Oncite beteiligten Unternehmen gegenüber den Hyperscalern einen deutlichen Vorteil. Oncite kann somit das Edge-Backend für Unternehmen werden, die Datensouveränität und offene Edge-Plattform in ihrer Strategie übergewichten.

Warum Gaia-X?

Im erweiterten Kontext

Die Chancen, Herausforderungen, die Möglichkeiten und konkreten Bedrohungen, die mit KI-Technologien, Cloud Computing und in naher Zukunft mit Quantum Computing verbunden sind, zwingen liberale Gesellschaften, sich mit einer Reihe von grundlegenden Fragen zu befassen, von denen viele die bestehenden wirtschaftlichen, sozialen, politischen und sogar sicherheitstechnischen Strukturen direkt betreffen. Die zu erkennenden Winner-takes-it-all-Dynamiken und aufziehenden oligopolistischen Marktstrukturen, die Zunahme der digitalen Kluft und die Erosion wirtschaftlicher Sicherheit sind schon länger sichtbar.

So hat sich die Art, wie Geopolitik betrieben wird, in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Weg vom Wettbewerb um die Kontrolle eines Territoriums zur Stärkung der materiellen Macht hin zu umfassenderen Wettbewerbssituationen mit Staaten, die um Macht und Einfluss, Wohlstand und Weltperspektiven konkurrieren. Im zwischenstaatlichen Wettbewerb nimmt Technologie eine immer wichtigere Rolle ein. Weil sie als Kernbeschleuniger fungiert, werden sich die Auswirkungen von KI in den Bereichen Wirtschaft, Sozialpolitik und Militärsicherheit manifestieren, ebenso wie durch die Schaffung von wirtschaftlichem Wert, die Schmierung gesellschaftlicher Interaktion, die Veränderung der Beziehungen der Politik zu den Bürgern und die Veränderung der Art und Weise, wie zukünftige Kriege geführt werden, sowohl Wirtschaftskriege als auch militärische.

Diese und weitere Entwicklungen bedingen eine nationale Digitalstrategie, die europäisch gedacht und weltweit mithilfe von politischem und wirtschaftlichem Einfluss evangelisiert werden muss. Ziel muss es sein, Standards gemeinsam mit außereuropäischen Ländern, Staaten und Organisationen in auf Gegenseitigkeit beruhenden Abkommen zu etablieren.

Im engeren Kontext

Für Gaia-X gibt es aus deutscher und europäischer Sicht zahlreiche gute Gründe: Hauptgrund ist, dass man die negativen Auswirkungen der gezielten Industriepolitik Chinas und der USA im Sektor Informationstechnologie und die daraus entstehende Abhängigkeit von Staat, Unternehmen und Bürgern eindämmen will. Ziel ist es, digitale Selbstbestimmung, Souveränität zu sichern. Ziel ist es, den europäischen Gedanken gegenüber Systemgegnern zu schützen. Ziel ist aber auch wirtschaftliche Souveränität.

Tencent-Locations.jpg Europa? Muss wohl auch irgendwo sein. – Der chinesische Tech-Aufsteiger Tencent sieht die Welt aus seiner Perspektive. (Bild: Tencent)

So ist ein Treiber für Gaia-X insbesondere aus deutscher Sicht darin zu suchen, dass es darum geht, den Wettbewerbsvorsprung der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer mit Industrie-4.0-Lösungen zu sichern. Und somit, grundsätzlich, die gesamte deutsche Wirtschaft zu stützen. Es ist ein Stück Industrie- und Klientelpolitik, die eher Symptome als Ursachen heilt.

Im engsten Kontext

Acht der zehn wertvollsten Unternehmen nach Markenwert sind momentan Unternehmen aus der Informations- und Kommunikationstechnologie. Unter den Top Ten der größten börsennotierten Unternehmen der Welt nach Marktkapitalisierung sind sechs Tech-Giganten zu finden. Die vordersten Plätze belegen Microsoft, Apple und Amazon. Mit Tencent (WeChat) und Alibaba sind zwei chinesische Konzerne in der Top-Liga. Diese Unternehmen stehen exemplarisch für den Aufstieg einer ganzen Branche innerhalb weniger Jahrzehnte. Und damit gleichzeitig für die Digitalisierung des Alltags. Der Wirtschaft.

Mit zahlreichen Märchen von einer freiheitsliebenden besseren Welt haben sie ihre Technologien bis in den letzten Lebenswinkel diffundiert. Zwar bieten die neuen Technologien grundlegend neue und oft unterschätzte Möglichkeiten für wirtschaftliche Entwicklung, Umweltschutz, Bildung und Governance. Technik wird jedoch nicht entwickelt, um das Leben reichhaltiger zu machen. Um es besser zu machen. Sondern primär aus wirtschaftlichen und kommerziellen Gründen; und staatlichen Interessen.

Um diese kommerziellen Ziele zu erreichen, werden Monopole auf Daten, Inhalte und Prozesse aufgebaut. Wird eine Geschäftsmodelllogik verbreitet, die im Kern auf Prozessen der Datenverarbeitung, der Verarbeitung von Informationen in digitalisierten Arbeitsprozessen und Geschäftsmodellen basiert. Sie zielt auf eine Digitalisierung aller Wirtschaftszweige ab. Und dies zu den Bedingungen weniger. Zu Bedingungen, die nicht mit dem deutschen bzw. europäischen Wertekanon einhergehen. „Smart City“, „E-Government“ oder „Smart Infrastructure“ sind mit Feenstaub versehene Transformationsdruckszenarien, die durch den Verkauf von Visionen und nicht Produkten die ideologischen Logiken und die Macht von wenigen als strukturbestimmendes Ziel ertüchtigen sollen, namentlich eines neuen Kapitalismustyps bzw. -verständnisses.

Serie: Smart City
Teil 1 gibt eine erste Einführung und stellt als Beispiele die Konzepte in Hamburg, Berlin und Göttingen vor. Teil 2 geht nach Bayern und berichtet, was sich in den Münchner Modellvierteln tut. Teil 3 wechselt über die Grenze nach Österreich – dort hat man nämlich bereits eine nationale Smart-City-Strategie und ist führend im Passivhausbau. Teil 4 stürzt sich dann mitten in die Metropolregion Ruhrgebiet und berichtet unter anderem von der digitalsten Stadt Deutschlands. Den deutschen Südwesten nimmt sich zuletzt Teil 5 dieser Serie vor. Ein Extrabeitrag hat außerdem Beispiele dafür zusammengetragen, was Green IT zur Smart City beitragen kann.

Und weil mehr Digitalisierung vor uns als hinter uns liegt, weil die Digitalisierung immer stärker in die Wertschöpfung eingreift und diese bedingt, weil Digitalisierung nach Wildwestmanier das Solidaritätsprinzip aushebelt, muss aktiv gegengesteuert werden. Gaia-X setzt bei den Daten und der Datenverarbeitung an. Wird und muss sich auf das Management von Identitäten ausrichten. Und definiert technische Infrastrukturen.

Gaia-X – der Ansatz

Gaia-X versteht sich als eine „vernetzte Dateninfrastruktur“, als „Wiege eines vitalen, europäischen Ökosystems“. Die Macher von Gaia-X setzen bei ihren Aktivitäten gezielt auf Open Source und Plattformökonomie. Gerade in der Plattformökonomie wird das Heil gesucht. Liegt ja auch im Trend. Unternehmen sollen durch Gaia-X animiert werden, in die Plattformökonomie einzusteigen. Warum? Landläufig wird Plattformökonomie als Treiber eines nächsten Wirtschaftswachstums und als Grundlage für Wettbewerbsfähigkeit gesehen. Als Grundlage hierfür werden regelmäßig Daten benötigt, respektive der freie Zugang zu Daten. Ziel ist es, den zukünftigen Prozess der Datenverarbeitung und Datengewinnung zu verändern.

Das-projekt-gaia-x-Gesamtbild.jpg Alles Ökosystem: Gaia-X soll man sich als Datenkreuzung sicherer Kanäle vorstellen. (Bild: BMWi)

Gegenwärtig wird der Prozess der Datenverarbeitung aus ökonomischer Sicht in den Mittelpunkt der Betrachtungen gestellt. Die Überlegungen beginnen regelmäßig am Ort der effizientesten Datenverarbeitung. Als Messgröße für eine solche Effizienz werden noch allzu oft niedrigste Bau- und Betriebskosten sowie geringste Steuersätze herangezogen; ferner ein anderes strukturbestimmtes Verhalten im Umgang mit Daten. Dazu erfolgt die Verarbeitung der Daten und damit die Generierung der Wertschöpfungen auf Technologien von bzw. auf Systemen von Anbietern, die sich anderen moralischen, ideologischen und/oder regulatorischen Rahmenparametern verpflichtet oder ausgesetzt sehen und die im Kern gleichzeitig eine eigene Definition des wirtschaftlichen und finanziellen Erfolgs verfolgen; sie verfolgen knallhart ihr Ziel.

Dies sowie ein kostengünstiger und nahezu verzögerungsfreier Transport der Daten sorgen für eine Wertschöpfung aus Deutschland und Europa heraus. Dies führt zu geschlossenen Systemen.

Um dieser Ist-Situation zu begegnen, die sich durch Wechselbarrieren technisch-funktionaler Natur, durch vertragliche Vereinbarungen sowie Gewohnheitseffekte verstärkt, setzen die Macher von Gaia-X auf die aufgezählten Leitprinzipien. Sie setzen allerdings auch auf Open Source.

Open Source ist grundsätzlich und im Fall der Gaia-X-Initiative der wahrscheinlich einzig richtige Weg. Allerdings muss festgehalten werden, und da will ich an dieser Stelle klar wie ein strahlender Sommermorgen sein, dass Open-Source-Ansätze, wie sie hier verfolgt werden, nicht zielführend sind. Es wird das genaue Gegenteil des Angestrebten erreicht. Open Source unterstützt und stärkt in asymmetrischen Märkten, in Oligopolen und Monopolen, in der momentanen Markt-Ist-Situation insbesondere die bereits marktbeherrschenden Unternehmen und/oder Unternehmen mit Technologie- bzw. Kostenführerschaft; Quelloffenheit zementiert deren Marktmacht. Sie profitieren am stärksten von Gaia-X.

Die Frage lautet: Cui bono?

Mit der Initiative Gaia-X soll eine europäische Infrastruktur geschaffen werden: eine Plattform, ein Set von Schnittstellen und Überzeugungen, mit dem Ziel, Daten zu speichern und auszuwerten. Hoffentlich mit dem Ziel, Identitäten zu managen. Gedacht als Alternative zu Amazon und Google, zu Facebook und Apple, als frühzeitige Abwehr gegen Alibaba und Tencent, die mit ihren Angeboten Märkte kreieren und dominieren.

Profitieren sollen hiervon deutsche und europäische Unternehmen. Sie sollen ihren Wettbewerbsvorsprung stärken oder zumindest nicht weiter verlieren. Jedoch ist bereits hier anzumerken, dass sehr viele dieser Unternehmen weltweit auf lokalen Märkten aktiv sind und nach diesen Regeln (mit-)spielen.

Profitieren werden Unternehmen, die aktiv auf Gaia-X setzen und die Initiative mitgestalten. Da sind einerseits die Unternehmen, die Gaia-X eigentlich nicht benötigen, weil sie ihre Lösungen oder Ideen (Beispiel: Oncite) auch so am Markt positionieren können. Und auf der anderen Seite diejenigen, die aus eher opportunistischen Gründen teilnehmen.

Profitieren werden aber besonders diejenigen, gegen die sich die Initiative richtet.

Wer sicherlich nicht profitieren wird, ist Deutschland oder Europa. Warum? Weil die dem Ziel von Gaia-X zugrunde liegende Notwendigkeit – und nach Aristoteles ist ein Ziel immer die Hoffnung auf einen Zustand, der heute noch nicht ist –, also der Zweck, mit den bisher angekündigten Aktivitäten nicht erfüllt wird. Und hier wiederhole ich mich gerne: Sehr wahrscheinlich wird das Gegenteil erreicht.

Conclusio

Da es müßig wäre, hier Aktivitäten aufzuzählen, die zwingend notwendig sind, um der deutschen Wirtschaft positive Impulse zu geben – exemplarisch: das Anpassen von Gesetzen und Verordnungen, die Reform der DSGVO, der Abbau von Bürokratie, das Schaffen von Infrastrukturen und vieles mehr –, lieber ein Gedanke, ein Grund, warum Gaia-X, wenn auch in einer erweiterten Form, unabdingbar ist:

Zurzeit sieht es so aus, dass es zukünftig zwei Segmente von Unternehmen geben wird: „Master“ und „Sklaven“. Die einen (die Master) handeln mit Intellectual Property (IP) und generieren hohe leistungslose Renten. Diese Unternehmen haben Zugriff auf Daten, haben Prozesswissen, Compute-Power und insbesondere Netzwerke. Gemeint sind hier sowohl technische Netzwerke als auch sich selbst verstärkende Netzwerke an potenziellen Konsumenten. Sie verfügen genauso über Leistungsschutzrechte wie über die Kompetenzen, sie durchzusetzen.

Die anderen (die Sklaven) sind Produzenten und Lieferanten primitiver Gegenstände und Services: Autos. Fahrstühle. Aber auch Medizin. Klar: Autos sind heute viel „intelligenter“ als ehedem. Und die „Intelligenz“ wird in die Autos verlegt. Stichwort: Edge Computing. Allerdings liegt die Brainware hinter dieser Intelligenz beim Master.

In diesem brisanten Kontext verkaufen die führenden Unternehmen, die zum überwiegenden Teil eben nicht aus Europa stammen, nicht mehr einzelne Codes, Software oder Rechenleistung. Sie agieren vielmehr als strukturbestimmende Größe. Durch Zugang zu ihrer IP gewähren sie Zugang zu Märkten und partizipieren bei Erfolg und Misserfolg ihrer Kunden. Sie gewähren aber auch Zugang zu Wachstum und Wohlstand; auch wenn beides wachstumsneutral erzielt würde. Was vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert der Kirchenzehnte war, ist zukünftig der Big-Tech-Zehnte.

Hinter diesen Konzernen steht die politische Führung ihres Heimatlandes, mit all ihren Interessen. Dabei handelt es sich teilweise um Systemgegner Deutschlands und Europas. Allein deshalb muss eine echte europäische Lösung kommen, die auf den Grundgedanken von Gaia-X aufbaut.

Die durch den Bundeswirtschaftsminister und seine Verbündeten vorgestellte Initiative Gaia-X ist auf den ersten Blick ein gutes Stück Industriepolitik mit gesellschaftlicher Strahlkraft; eine sinn- und mehrwertstiftende Aktivität. Wer jedoch etwas länger nachdenkt, erkennt, dass es sich vielmehr um ein Stück Klientelpolitik der alten Schule handelt.

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Axel Oppermann berät seit über 17 Jahren als IT-Markt­analyst Technologie­unternehmen in Strategie- und Marketing-Fragen. Er arbeitet beim Beratungs- und Analysten­haus Avispador, schreibt für diverse Blogs, Portale, Fach­zeitschriften und kommentiert in diversen Bewegt­bild­formaten aktuelle Themen sowie den Markt. Als Gesprächs­partner für Journalisten und Innovatoren bringt Axel erfrischend neue Ansichten über das Geschehen der digITal-Industrie in die Diskussion ein. Seine viel­fältigen Erkenntnisse gibt Axel in seinen kontroversen, aber immer humor­vollen Vorträgen, Seminaren, Work­shops und Trainings weiter. Seine Themen: Digital & darüber hinaus.

Gaia-X – 10 Schlussbefunde vor dem Start

  1. Ein moderner und stark vernetzter Wirtschaftsraum wie Europa sollte sich gerade in der Digitalwirtschaft auf internationale Arbeitsteilung einigen.
  2. Ein staatlich geförderter Aufbau einer unabhängigen europäischen Cloud-Infrastruktur und ferner eines (virtuellen) Tech-Champions ist notwendig und sinnvoll. Gaia-X kann Lotse und Impulsgeber sein.
  3. Europa hat hierzu keine einheitliche Meinung. EU-Nationalstaaten haben unterschiedliche Reifegrade und unterschiedliche Prioritäten.
  4. Aktuell ist Gaia-X noch sehr nebulös. Eine Nebelkerze.
  5. Aktuell ist Gaia-X mehr Schein als Sein. Nicht ausgereift. Eine Kopfgeburt.
  6. Auch wenn einige der Gaia-X-Ziele erreicht werden können, wird der dahinterliegende Zweck nicht befriedigt; die Notwendigkeit nicht geheilt.
  7. Technologiesouveränität wird mit Gaia-X nicht erreicht.
  8. Digitale Souveränität wird mit Gaia-X nicht erreicht.
  9. Datensouveränität wird mit Gaia-X nicht erreicht.
  10. Es ist immer ein Zusammenspiel von Motiv, Gelegenheit und insbesondere Zeitpunkt, ob eine Aktivität, eine Maßnahme oder ein Projekt ex ante und oder ex post als sinn- und mehrwertstiftend eingestuft wird. Gaia-X und die dahinterliegenden Gedanken sorgen bereits jetzt für Probleme. Die aktuelle Cloud-Debatte schürt bereits jetzt einen Datennationalismus, spaltet Europa.

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