Sprunginnovationen
Die Disruptions­agentur soll grausam schonend vorgehen

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Gestern haben wir ein neues Wort gelernt: „Sprung­innovationen“. Gemeint sind damit „dis­ruptive Inno­vationen“. So steht es im Plan zu einer Agentur zur Förderung von Sprung­innovationen (SprinD). Rasch noch ein Blick in den Duden: „dis­rup­tiv […] (ein Gleich­gewicht, ein System o.Ä.) zerstörend“.

Am 17. Juli wurde der erste Direktor der neuen Agentur bekannt gegeben. Die Gründungskommission hat für diesen Posten Rafael Laguna de la Vera von Open Xchange empfohlen, der bis 29. Mai 2019 selbst in der Kommission saß. Was genau die SprinD vorhat, ist etwas widersprüchlich. Zunächst geht es eben um disruptive Neuheiten. Zitat aus den SprinD-Eckpunkten:

„Eine Sprunginnovation zeichnet sich […] durch eine radikale technologische Neuheit und/oder durch ein hohes Potenzial für eine marktverändernde Wirkung aus.“

Und weil klar ist, dass die derzeit dicksten disruptiven Dinger der Digitalisierung keine deutschen Unternehmen sind, hat sich die Bundesregierung entschlossen, dass wir uns davon nicht mehr die eigenen Märkte kaputtmachen lassen. Wir wollen ab sofort unsere Märkte selbst kaputtmachen.

Ganz so wild ist es natürlich nicht. Die SprinD-Planer glauben nicht wirklich an die eigenen Disruptionsziele. Der Plan entspricht eher der geübten Förderpraxis hierzulande, die mit der rechten Hand den Bestand schützt (Stichwort: Arbeitsplätze!) und mit der linken Innovationszentren aus dem Boden stampft, die zugleich Exzellenzcluster formiert und bei Schulwettbewerben Urkunden für den „97. Sieger“ austeilt. Der Glaube, dass der Kuchen mitwächst, wenn man ihn an mehr Leute verteilt, ist hierzulande ungebrochen. Vor der Vorstellung, dass Innovationen, die tatsächlich disruptiv sind, komplette Geschäftsmodelle obsolet machen, verschließen wir lieber die Augen.

Entsprechend soll die Agentur zur Förderung von Sprunginnovationen Widersprüchliches leisten:

  1. soll sie Köpfe identifizieren und fördern, die das Zeug zur Disruption haben; siehe oben.
  2. soll sie Ideen in den Blick nehmen, die „konkrete, aus Sicht der Gesellschaft bzw. der potenziellen Anwender/Nutzer relevante Probleme […] lösen“ – das, wird man bemerken, ist sicher kein Merkmal der bisher erfolgreichen Disrupteure, die den Bedarf auf Kundenseite vielmehr erst schaffen – und dabei am liebsten mithilfe von geduldigem Risikokapital zuerst einen ganzen Markt zerschlagen, bevor sich herausstellt, welche Vorteile das Neue überhaupt hätte. Erstes Ziel jeder Disruption ist nicht die Problemlösung, sondern die eigene Alternativlosigkeit. Es ist ein netter Gedanke, dass Innovation irgendwie sinnvoll und nützlich sei, mit Disruption hat das aber nichts zu tun.
  3. werden „neue Hochtechnologiefelder, Märkte, Branchen und auch neue Geschäftsmodelle“ anvisiert, die eine „neue Wertschöpfung“ ermöglichen. Die Betonung liegt auf „neu“, zu lesen ist das wie „zusätzlich“. Das ist die kuriose Vorstellung von Amazon, das in friedlicher Koexistenz neben dem Buchladen in der Innenstadt „neu“ aufmacht. Auch „ein großer gesellschaftlicher Nutzen“ geistert in diesem Punkt der Argumentation herum. Nur Gutes also.

Bereits die Lagebeurteilung skizziert klagend das Bild einer Erfinderrepublik, der es irgendwie nicht gelingt, ihre „bahnbrechenden“ – das Wort fällt des Öfteren – Innovationen auf dem Weltmarkt durchzusetzen (Musterbeispiel: MP3). Dass sich die bestehende Wirtschaft gegen solche Innovationen wehrt (Musterbeispiel: Filesharing mit MP3) gerät eher nicht in den Blick. Ebenso wenig, dass sich die gesetzliche Regulierung im Zweifelsfall wie von selbst gegen alle Innovation in Stellung bringt. (Aktuelles Beispiel: In der Zeit, die E-Scooter-Firmen in Kreisverwaltungsreferaten mit der Zulassung verbringen, basteln die Kollegen in anderen Ländern schon das fliegende Hoverboard.)

Die Mittel und Verfahren sind dann die üblichen: Wettbewerbe, Förderung, Vernetzung. Ausgestattet wird die Agentur in der Anlauf- und Evaluierungsphase bis 2022 mit „mindestens“ 151 Millionen Euro, bis 2029 kommt zusätzlich 1 Milliarde hinzu. Als Standort ist Berlin im Gespräch. Vorgesehen ist außerdem, dass BMBF und BMWi als Alleingesellschafter eng zusammenarbeiten. Ob das klappt, wird spannend. Gut möglich, dass wir – siehe ZUGFeRD – am Ende mit zwei konkurrierenden Agenturen dastehen.

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