Arbeit 4.0

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(In) Zukunft schaffen

© vegefox.com – Fotolia

Von Gerd Blank

Unsere Gesellschaft steht vor der Herausforderung, dass der technologische Fortschritt keine Rücksicht auf Verluste und persönliche Befindlichkeiten nimmt. Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Die Stichworte lauten: Digitalisierung, Globalisierung, demografischer Wandel, Bildung, Migration, Wertewandel und gehobene Ansprüche. Die Digitalisierung wird in vielen Arbeitsbereichen immer noch auf die Anbindung ans Internet, die Pflege einer Website und die Nutzung von E-Mails und SAP-Diensten reduziert. Mehr noch: Es gibt viele Betriebe, die noch nicht einmal diesen Schritt vollständig gegangen sind. Dort haben die Mitarbeiter keinen Zugang zu diesen inzwischen eigentlich selbstverständlichen Technologien.

Dabei geht die technologische Entwicklung weit über diese Standards hinaus – sie findet häufig kaum wahrnehmbar unter der Oberfläche statt. Auch wenn die Digitalisierung mit Smartphones, Streaming-Diensten, Spracherkennung und Smart Home im Alltag bereits angekommen ist, zögern Unternehmen immer noch vor dem nächsten Schritt zur Arbeit 4.0 – ein Begriff, der auf den Veränderungsprozess der Arbeitswelt im digitalen Zeitalter fokussiert. Zum Teil werden die neuen Arbeitsweisen zwar heute schon gelebt, in den nächsten Jahren müssen sich Firmen und Beschäftigte jedoch vollständig an die Herausforderungen und Möglichkeiten der digitalen Welt anpassen.

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Wohin geht’s?

Mit dem Blick auf diese digitale Zukunft stellen sich viele Fragen: Werden möglichst alle Menschen in der Zukunft einer Arbeit nachgehen können? Wie wirken sich neue Geschäftsmodelle wie digitale Plattformen auf die Arbeit aus? Wie kann der Datenschutz sichergestellt werden? Wie sehen Lösungen aus, die eine zeitliche und räumliche Flexibilität für Beschäftigte verbessern? Wie können intelligente Maschinen effektiv zum Arbeitsprozess beitragen? Wie sieht das moderne Unternehmen der Zukunft aus? Bereits 2016 hat sich das Bundesministerium für Arbeit und Soziales im Grünbuch Arbeiten 4.0 mit diesen Fragen beschäftigt – und nicht immer bequeme Antworten gefunden. Das Thema ist viel größer als der einzelne Arbeitsplatz, es hat gesellschaftliche Auswirkungen. Denn letztlich lautet die wichtigste Frage: Wie werden wir künftig arbeiten und leben?

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Bereits 2015 stellte Bundesministerin Andrea Nahles das Grünbuch Arbeiten 4.0 vor. Es war Anstoß und Grundlage einer weiteren Diskussion über die Zukunft der Arbeit in einer gründlich veränderten Welt. Das Grünbuch gibt es beim BMAS als PDF zum Herunterladen. (Bild: Bundesministerium für Arbeit und Soziales)

Der Wandel findet in den Spannungsfeldern zwischen technologischem und wirtschaftlichem Fortschritt einerseits und den Arbeitsbedingungen andererseits statt. Das birgt zwar große Chancen, weist aber auch Risiken auf. Eines ist klar: Es führt kein Weg an der Digitalisierung vorbei. Das gilt nicht nur für Schreibtischjobs, sondern für alle Arbeitsbereiche. Lediglich Art und Umfang werden variieren: Eine Bäckerei wird zum Beispiel andere digitale Optionen interessant finden als ein Logistikunternehmen. Einige grundsätzliche Veränderungen in der Arbeitswelt betreffen aber alle Branchen.

Kultureller Wandel

Die Palette der Digitalisierungsmöglichkeiten ist vielfältig, sie betrifft alle Bereiche und erfordert eine neue Unternehmenskultur. Auch wenn bei der Digitalisierung gerne über Technologien gesprochen wird, sollte der Mensch an oberster Stelle aller Diskussionen stehen. Denn wenn Kollege Computer einen Teil der Tätigkeiten übernimmt, verändert das auch die Sicht auf den eigenen Job – und steigert möglicherweise die Furcht, diesen zu verlieren. Dabei soll Digitalisierung künftig vor allem bei unliebsamen Tätigkeiten unterstützen: Computer werden selbst bei eintönigen Berechnungen nicht müde. Die Kunst besteht darin, das Mehr an Zeit sinnvoll für andere Tätigkeiten zu nutzen. Die Aufgabe der Unternehmen besteht darin, die Mitarbeiter auf diese Reise mitzunehmen und entsprechende Angebote zu offerieren.

Digitale Bildung

Als wichtiger Baustein gilt die innerbetriebliche Weiterbildung, durch die die Belegschaft fit für die Zukunft gemacht wird. Die Digitalisierung unterstützt auch hier: Mitarbeiter werden beispielsweise mit freier Zeiteinteilung per Smartphone und Computer geschult, Lernszenarien werden in einer virtuellen Realität dargestellt. So können Lernende in Arbeitsbereichen geschult werden, ohne vor Ort sein zu müssen. Ein Beispiel: Die Deutsche Bahn schult Mitarbeiter von mechanischen Stellwerken mit einer speziellen Lernanwendung per digitaler Brille. So dürfen ihnen Fehler unterlaufen, ohne dass der Betrieb gestört wird. Der spielerische Zugang zu komplexen Themen wie diesen hilft dabei, Barrieren und Ängste vor Veränderungen abzubauen.

Audio und Video von der Learntec 2020

Learntec-2020-KnowledgeFox.jpg Bild: Matthias Tüxen – MittelstandsWiki

Interviews von der Learntec in Karlsruhe gibt es mit

Augmented und Virtual Reality

Für fast jede spezielle Anforderung gibt es passende digitale Werkzeuge. Durch den Einsatz von Cloud-Diensten, mobilen Endgeräten und schnellen Netzverbindungen wird ein anderes Arbeiten möglich als noch vor wenigen Jahren. Software-Tools, agile Arbeitsmethoden, künstliche Intelligenz (KI) oder Augmented und Virtual Reality (AR/VR) bestimmen immer häufiger den Arbeitsalltag. Im Internet der Dinge (IoT) werden Maschinen miteinander vernetzt und lernen, untereinander zu kommunizieren. Es entstehen auch neue Berufe, während andere verschwinden.

Nicht nur die Unternehmen, sondern auch deren Arbeitnehmer müssen sich anpassen. So werden ortsgebundene Berufe immer häufiger von mobilen Arbeitsplätzen abgelöst, ohne dass darunter Qualität und Effizienz leiden. Dies ermöglichen Tools, mit denen die Kommunikation innerhalb der Teams auch über weite Distanzen hinweg schneller und präziser wird. Mehr Effektivität und eine bessere Zusammenarbeit ermöglichen es, bestehende Geschäftsmodelle zu optimieren und sogar neue zu entwickeln.

Kommunikation und Zusammenarbeit

Doch es muss nicht immer eine Datenbrille sein – es genügen oft viel kleinere Stellschrauben. Die Zeiten, in denen E-Mails und Telefonate die wichtigsten Kommunikationswerkzeuge waren, sind längst vorbei. Messenger-Dienste wie WhatsApp werden bereits für Gespräche oder zum Versand von Dokumenten benutzt. Kollaborationstools wie Slack oder Wunderlist unterstützen bei der Zusammenarbeit. Google Docs und Microsoft Office erlauben eine konzernweite Zusammenarbeit an Dokumenten. Daten werden nicht mehr gehortet, sondern geteilt. Gleichzeitig führt ein offener Datenaustausch natürlich auch zu höheren Anforderungen bei der Sicherheit.

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Schwarz auf Weiß
Dieser Beitrag ist zuerst in unserer Magazin­reihe „IT & Karriere“ erschienen. Einen Über­blick mit freien Down­load-Links zu sämt­lichen Einzel­heften be­kommen Sie online im Presse­zentrum des MittelstandsWiki.

Großraum vs. Homeoffice

Nicht nur in den Büros dominiert die digitale Arbeit, auch in den Fabriken setzen sich vernetzte Maschinen durch. Digitale Arbeit ermöglicht Arbeitsmodelle wie die Telearbeit und neue Arbeitsformen wie das Crowdworking. Auch die Meeting-Kultur ändert sich rapide: Tools wie Webex oder Skype ersetzen häufig persönliche Zusammenkünfte und sorgen für Zeitersparnis. Dieser Trend wird sich massiv verstärken, wodurch sich gerade Bürojobs verändern werden: Es ist längst nicht mehr zwingend notwendig, dass alle Mitarbeiter jeden Tag an einem Ort zusammenarbeiten, wo sie im Großraumbüro oder in ihren kleinen Waben sitzen. Kostbare Büroflächen in teuren Innenstadtlagen oder Fahrtzeiten zu entfernten Niederlassungen werden so reduziert. Hier gilt es, für ein Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb der Belegschaft zu sorgen, das auch über weite Distanzen funktioniert.

Handel und Warenwirtschaft

Es ist kaum denkbar, dass Logistiker, Händler und Hersteller ihre Warenbestände im großen Maßstab noch von Hand verwalten. Doch damit endet die Digitalisierung noch nicht. Eine reibungslose Customer Journey, also der Weg vom Interesse an einem Produkt über die Bestellung bis zur Auslieferung und Nutzung, funktioniert nur digital lückenlos. Mit dem Internet der Dinge werden immer mehr Produkte mit Online-Diensten verbunden. Dadurch erhalten Hersteller nicht nur Auskunft über die Nutzung, sondern auch über mögliche Mängel. Wartungsdienste erhalten automatisch Informationen, bevor der Kunde den Fehler überhaupt entdeckt. Die Digitalisierung der Fertigung erlaubt es wiederum, Produkte on demand individueller und in beliebiger Stückzahl zu produzieren. Das erfordert von den Mitarbeitern hohe Flexibilität und Schnelligkeit. Gleichzeitig befreit die smarte Technik sie aber auch von eintönigen Aufgaben.

Projektplanung und Umsetzung

Agile Arbeitsmethoden haben ihren Ursprung in der IT-Welt: Statt ein Projekt strikt nach Plan über mehrere Jahre bis zum ursprünglichen Ziel umsetzen, geschieht das inzwischen in Etappen. Hindernisse werden sofort aus dem Weg geräumt und nicht erst am Ende des Projekts. Und jeder Schritt erfordert Spezialisten. Moderne Arbeitsabläufe halten in allen Branchen Einzug, denn die technologische Entwicklung schreitet rasant voran, nahezu alle Systeme verändern sich kontinuierlich und der Workflow bedingt flexible Reaktionen. Durch Big Data und Cloud-Dienste samt Verknüpfungen von internen und externen Datenbanken kann man auch Großprojekte besser und schneller planen – mit einer Kostenermittlung in Echtzeit.

IoT, KI und Machine Learning

Die wichtigsten Schlagworte unserer Zeit klingen in vielen Ohren immer noch ein wenig nach Science-Fiction. Dabei erleben wir längst den Siegeszug von IoT, KI und einer Reihe weiterer Digitaltrends hautnah mit. Smarte Technologien erobern den Arbeitsplatz, indem zum Beispiel die Auslastung von Bürogebäuden automatisch erfasst wird. Sensoren messen Temperaturen, Kameras erkennen Beschädigungen, Algorithmen führen alle Daten zusammen. Damit die richtigen Handlungsentscheidungen folgen, wird eine künstliche Intelligenz entsprechend geschult.

Wie das in der Praxis aussieht, zeigt derzeit die Entwicklung autonomer Fahrzeuge: Computer lernen das Fahren – mit allen Entscheidungen, die dazugehören, also etwa wie in gefährlichen Situationen agiert werden soll. Der berufliche Alltag ist dagegen meistens weniger komplex. Hier unterstützt eine künstliche Intelligenz zum Beispiel als Software-Roboter (Bot) bei der Kommunikation mit Kunden oder Kollegen durch die Filterung und Beantwortung von Fragen. Auch Ärzte und Pflegepersonal profitieren von der Digitalisierung bei der Diagnose, der Medikation, der Kontrolle oder der Dokumentation.

So wünsche ich mir Arbeiten 4.0

Auch wenn Spracherkennung und virtuelle Realitäten auf der ganzen Welt kontroverse Diskussionen auslösen: Dieser Text wurde noch mit einer Tastatur an einem herkömmlichen Schreibtisch geschrieben, auf einer Festplatte gesichert und per E-Mail verschickt. Für die nächste Generation ist dieses Arbeiten aller Voraussicht nach so anachronistisch wie für uns eine mechanische Schreibmaschine und meterlange Reihen von Aktenordnern. Möglicherweise werden Texte zukünftig komplett von einer KI verfasst – wie es schon jetzt teilweise der Fall ist.

Arbeiten 4.0 wird vernetzter, digitaler und flexibler sein. Auch wenn niemand genau weiß, wie die Arbeitswelt im Detail aussehen wird, kann man heute bereits ein paar Prognosen abgeben. Wachsende Vernetzung und zunehmende Kooperation von Mensch und Maschine ändern die Art, wie wir produzieren. Das schafft zudem neue Produkte und Dienstleistungen. Auf jeden Fall wird die Digitalisierung dabei helfen, viele Arbeitsprozesse zu vereinfachen und unliebsame Aufgaben einem Roboter aus Bits und Bytes oder Metall und Kunststoff zu übertragen. Zwangsläufig wird es dadurch immer weniger Arbeit für immer mehr Menschen geben, gleichzeitig wächst aber auch der Bedarf an hochqualifizierten Digitalfachleuten. Welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf die Organisation von Arbeit und die soziale Absicherung auch haben werden: Gesellschaft und Politik müssen dafür sorgen, dass Arbeit, Leben und Technik auch in der Zukunft noch menschlich bleiben.

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